von Kathrin Reimann, 11.05.2026
Zwischen Reformhaus, Furzwitzen und Schweiz-Satire

Lara Stoll zeigte im Phönix Theater in Steckborn mit «Volume 5 – Die Rückkehr!» ein ebenso absurdes wie klug beobachtetes Comedyprogramm über das Erwachsensein, die Schweiz und die Absurditäten des Alltags. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
Lara Stoll ist zurück und vermag mit ihrem fünften Solo-Programm «Volume 5 – Die Rückkehr!» das Phönix Theater in ihrer Heimat Steckborn fast zu füllen. Anmutend wie ein Mitglied der Ghostbusters – in einem funktionalen Anzug, behängt mit Tröten und ausgestattet mit einer Nebelmaschine – tritt sie vors Publikum. Ein kleines Pult, eine Leinwand und einige Musikinstrumente geben dezente Hinweise darauf, was die Zuschauenden von der 39-jährigen Autorin, Schauspielerin und «Multiinstrumentalistin» erwarten dürfen.
Schon zu Beginn macht Stoll klar, dass das Publikum hier nicht nur zum Zuschauen anwesend ist. Besonders eine Person in der ersten Reihe bekommt das zu spüren, was manchen anderen Zuschauenden ein «Oh de arm Cheib» entlockt. Stoll ist zurück in der Provinz und kehrt in ihrem fünften Stück zu den grossen Fragen des Lebens zurück – und auch zu den weniger grossen wie Funktionskleidung, Reformhäusern und emotional überforderten Millennials.
Zwischen Reformhaus und Gesellschaftssatire
Mit «Volume 5 – Die Rückkehr!» präsentiert Stoll kein klassisches Stand-up-Programm, sondern einen wilden Mix aus Satire, Musik, Spoken Word und grotesker Alltagsbeobachtung. Immer wieder kippt die Show bewusst ins Absurde: Da wird mit Pathos über Flohsamenschalen philosophiert, die Partnersuche im Reformhaus seziert oder die emotionale Bedeutung abgepackter Salate analysiert, die Stoll wie eine Moderatorin einer Fussball-Liveübertragung kommentiert. Selbstverständlich stets mit Bildmaterial unterlegt, was mitunter an eine Präsentation im Rahmen des Schulunterrichts erinnert – einfach in lustig.
Besonders stark ist Stoll, wenn sie aus scheinbar banalen Schweizer Eigenheiten grosse Gesellschaftsbilder baut. Aus beinharten Dinkelbrötli, heiligen Waschküchenschlüsseln und garniertem Wurst-Käse-Salat entsteht eine liebevoll-bissige Analyse eines Landes zwischen Kontrollbedürfnis, Mittelmass und Selbstoptimierung. Die Schweiz erscheint bei ihr als Ort, an dem alles geregelt ist – ausser vielleicht die eigenen Gefühle.
Sozialverträglich furzen
Dabei lebt der Abend weniger von klassischen Pointen als von Rhythmus, Atmosphäre und Stolls eigenwilliger Bühnenpräsenz. Immer wieder unterbricht sie ihre Texte mit musikalischen Einlagen, spielt Posaune oder Saxofon, arbeitet mit Videos, Geräuschen, Nebel und überzeichneter Dramatik. Insbesondere die musikalischen Darbietungen – inklusive einer überraschend professionellen Jodeleinlage – lassen das Publikum jubeln. Gerade diese Mischung macht den Reiz des Programms aus. Manche Nummern wirken bewusst chaotisch oder wie ein ausufernder Gedankengang – genau darin liegt aber auch die Komik.
Besonders gelungen sind die Passagen über das Älterwerden. Stoll erzählt von Entscheidungsunfähigkeit, Kinderfragen, Autofahren nach 17 Jahren Pause oder romantischen Katastrophen mit einer Mischung aus Selbstironie und präziser Beobachtung. Wenn sie darüber sinniert, wie man 20 Fürze am Tag sozialverträglich unterbringt, kippt der Abend endgültig ins herrlich Absurde – ohne plump zu werden.
Video: Lara Stoll über das neue Programm
Verletzlichkeit zwischen den Pointen
Immer wieder schimmert etwas Verletzliches durch. Stoll erzählt etwa von einem misslungenen Try-out in Rorschach, bei dem kaum Publikum erschien und ein Betrunkener mitten in die Show platzte. Doch statt sich darüber zu beklagen, macht sie daraus eine humorvolle Reflexion über Kleinkunst, Erwartungen und den Wunsch, wenigstens einen Menschen wirklich zu berühren.
Die Episode endet in einer Musical-Performance, welche das Erlebte nochmals gebührend Revue passieren lässt. Musikalisch steigert sich der Abend immer wieder in kleine Höhepunkte — etwa bei einer schräg-pathetischen Version der Nationalhymne auf der Posaune oder dem fulminanten Finale mit Steckborner-Klagechor und Posaune. Das Publikum im Phönix Theater dankte es mit grossem Applaus.
Schräge Kleinkunst mit eigener Stimme
«Volume 5 – Die Rückkehr!» ist keine stromlinienförmige Comedyshow. Der Abend ist verspielt, manchmal bewusst überladen und springt lustvoll zwischen Satire, Performance und persönlichem Geständnis. Gerade dadurch entsteht etwas Eigenes: eine schräge, intelligente und schweizerische Form von Kleinkunst, die weit über einfache Gags hinausgeht und den Abend wie im Nu verfliegen lässt.
Weiterer Termin: Wer die Auftritte in Steckborn verpasst hat: Lara Stoll gastiert am Freitag, 19. Juni auch im Kulturforum Amriswil.

Von Kathrin Reimann
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