von Brigitta Hochuli, 16.06.2010
Rücktritt nach 15 Jahren Kulturkommission

Eva Tobler (62) hat Ende Mai nach viereinhalb Jahren das Präsidium der Kulturkommission des Kantons Thurgau abgegeben, der sie seit der Bildung im Jahr 1995 angehörte. 20 Jahre lang war die Mutter zweier erwachsener Töchter in Frauenfeld Laienrichterin, 14 Jahre lang Mitglied der SP-Fraktion des Grossen Rates. Diese Erfahrungen haben die Heilpädagogin gelehrt, sich auf dem Spannungsfeld der Kulturpolitik gelassen zu bewegen.
Interview: Brigitta Hochuli
Frau Tober, warum sind Sie als Präsidentin der Kulturkommission zurückgetreten? Sie sind doch aus der Kulturpolitik des Kantons kaum wegzudenken. Schliesslich haben Sie ja auch die Kulturlobby des Grossen Rates gegründet.
Eva Tobler: Ein Präsidium inne zu haben heisst, du bist der Motor. Und das wollte ich nach viereinhalb Jahren einfach nicht mehr sein. Ich bin kein Leadertyp.
Braucht es denn so starke Nerven, um in einer Kulturkommission mitzuarbeiten?
Eva Tobler: Ich war jedenfalls froh, als wir 2006 eine neue Geschäftsordnung bekamen und wir keine Gesuche mehr beurteilen mussten. Denn das gibt immer Diskussionen. Entweder entscheidet man zu elitär oder man entscheidet in den Augen der Kulturschaffenden nicht richtig, weil man eine andere Auffassung von Professionalität hat.
Und darunter haben Sie gelitten?
Eva Tobler: Nein. Als Laienrichterin musste ich ganz anderes verkraften. Man weiss ja, dass man es nicht allen recht machen kann und dass das Klima gerade unter Kulturmenschen manchmal schwierig ist.
Welchen Zugang haben Sie denn persönlich zur Kultur? Oder anders gefragt, was legitimierte Sie zur Kommissionsarbeit?
Eva Tobler: Ich wurde durch meine Eltern, die Erziehung und die Schule an die Kultur herangeführt. Ausserdem spielte ich in jungen Jahren Theater und nahm immer aktiv am kulturellen Leben im Thurgau teil. Durch die Kommissionsarbeit und mein Amt habe ich die Kulturszene im Thurgau immer besser kennen gelernt. Deshalb getraute ich mich dann auch, meine Meinung zu äussern.
Da haben Sie auch gelernt, Qualität zu erkennen?
Eva Tobler: Schön wär's! Ich stehe dazu, dass mein Urteil subjektiv ist und dass es viele Meinungen geben kann über ein Kunstwerk, eine Theaterinszenierung, ein Konzert. Ehrlich gesagt, meine erste Instanz ist immer mein erster Eindruck. Um das Kriterium der Professionalität zu erfüllen, genügt es ja nicht, dass einer sich Künstler nennt.
Die Kulturförderung des Kantons stützt sich heute auf Experten. Gibt es eigentlich im kleinräumigen Thurgau genügend davon oder sind es immer die gleichen?
Eva Tobler: Es ist schon so, dass die Kleinräumigkeit die Auswahl von Experten nicht erleichtert und einem gewissen Filz Vorschub leistet. Aber die Beziehungen untereinander und die Vernetzung bündeln auch Kräfte. Davon können die Kulturschaffenden nur profitieren. Ich glaube nicht, dass es Kulturschaffenden in der Anonymität besser geht.
Hat die Kulturkommission durch die Abgabe der Förderungskompetenz nicht an Bedeutung verloren?
Eva Tobler: Nein. Die Kommission hat heute eine andere Aufgabe als beratendes Gremium der Regierung. Ausserdem arbeitet sie vermehrt in Arbeitsgruppen, um die vorhandenen Kapazitäten besser bündeln zu können. Das einzige operative Geschäft ist noch die Empfehlung für den Thurgauer Kulturpreis. Hier wurden neue Richtlinien erarbeitet. Ansonsten ist sie strategisch tätig.
Welches sind denn die Inhalte der Kommissionsstrategie?
Eva Tobler: Da gibt es Schwerpunkte wie zum Beispiel die Empfehlungen zuhanden des kantonalen Kulturkonzepts oder die Pflege der Beziehung mit der Parlamentarischen Gruppe Kultur im Grossen Rat. Neu wurden in meiner Präsidialzeit die Kulturvermittlung an Schulen zum Thema gemacht und neue Verfahrensgrundlagen für die Kunst am Bau bei kantonalen Projekten oder der Ittinger Tag für Schulen angeregt. Zudem hat sich die Kommission für eine Neupositionierung des Kunstmuseums stark gemacht, die nach fast 30 Jahren ohne Änderung nun in die Wege geleitet wird.
Was ist zum Beispiel aus der Kulturvermittlung an Schulen, dem so genannten Kulturpool Schule Thurgau geworden?
Eva Tobler: Das Projekt ist an den Finanzen gescheitert.
Wo genau liegt denn das Problem bei der schulischen Kulturvermittlung?
Eva Tobler: Ich erlebe es als Lehrerin ja selber. Es gibt zwar sehr viele gute Angebote für Kinder, und es wird auch vieles subventioniert. Aber nichts ist koordiniert, alles ist wenig benutzerfreundlich und ziemlich bürokratisch. Es wäre eine Koordinationsstelle nötig, aber für die ist angeblich kein Geld da. Kulturvermittlung ist in unseren Lehrplänen festgehalten. Sie sollte ohne allzu grossen Aufwand für die Lehrkräfte möglich sein. Es gibt Vorstösse in dieser Sache schon seit 1995! Der Kulturpool war bereits der dritte.
Das klingt nach einem persönlichen Vermächtnis. Warum ist Ihnen diese Kulturvermittlung so wichtig?
Eva Tobler: Ich habe Angst, dass das Kulturbewusstsein einer Generation am Aussterben ist, die noch ohne die Dominanz der Massenmedien aufgewachsen ist. Es darf nicht sein, dass unsere Kinder weder das kulturelle Erbe unseres Kantons kennen noch mit der zeitgenössischen Kultur in Berührung kommen. Das wäre für mich ein beschämender Bildungsabbau. Dem müssen wir mit aller Kraft entgegenwirken.
Und wie soll das geschehen? Haben Sie eine Vision für die Kulturvermittlung und die Kultur im Thurgau?
Eva Tobler: Ich habe keine grossen Visionen und will keine Leuchttürme herbeireden. Ich freue mich, wenn im Thurgau Kultur stattfindet und wenn es Menschen gibt, die sich dafür einsetzen.
Also alles bestens?
Eva Tobler: Wenn ich doch noch etwas Kritisches sagen darf: Die Thurgauer Kultur läuft manchmal Gefahr, etwas zu selbstgenügsam zu sein. Sie sollte öfters auch über die Grenzen schauen, in die städtischen Zentren und ins Ausland. Andererseits wird unsere Kultur von aussen zu Unrecht wenig wahrgenommen. In den Thurgau kommt man zum Velofahren. In dieser Beziehung gibt es also noch einiges zu tun.
***
Die Kulturkommission
Neben Eva Tobler ist auch Walter Keller aus der Kulturkommission zurückgetreten. Die beiden wurden durch Brigitta Hartmann und Karin Herzog ersetzt. Neuer Präsident ist Kurt Egger, Vizepräsident ist Michael Friedli. Die weiteren Mitglieder sind Jürg Baumberger, Adrian Bleisch, Hans Jörg Höhener, Sabina Schwarzenbach und Richard Tisserand.

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