von David Nägeli, 22.03.2015

Horst: Do-it-yourself rockt

Horst: Do-it-yourself rockt
Zwischen Beatles und Ramones: Die Power-Pop-Band The Cry aus Portland. | © David Nägeli

Dank dem Horst Klub erlebt Kreuzlingen regelmässig alternative, junge (Konzert-)Kultur. Das hat die Stadt ihrer freundlichen Kulturunterstützung zu verdanken, aber vor allem auch deutschen Studenten.

David Nägeli

Begonnen hatte alles mit Proberaumkonzerten, einem WG-Keller, Do-it-yourself-Attitüde - und mit Muffins. Vor bald drei Jahren haben die Jungs des Horst Klub die Fenster ihres WG-Kellers zugemauert, die Soundanlage ihrer Band nach unten verfrachtet und einige Kisten Bier bereitgestellt. Eine Bühne gab es nicht, die Musiker sollten auf Augenhöhe mit dem Privatpublikum stehen. Die erste Inkarnation des Horst war ein voller Erfolg. Der Konzerte wurden schnell Kult und Garage-, Hardcore- und Punk-Bands aus aller Welt besuchten den Keller. Und die Organisatoren besuchten ihre Nachbaren mit Muffins, um Meldungen wegen Ruhestörungen vorzubeugen.

"Wir waren mit unserer Band vor einiger Zeit in den USA auf Tour", sagt Stefan Böker, Aktuar des Kulturvereins hinter dem Horst Club. "Do-it-yourself-Konzerte sind dort stark verbreitet und wir wollten diese Kultur mit nach Hause bringen."

Freitagnacht im Horst: Gut gefüllt, die Party geht ab. (Bilder: David Nägeli)

Kulturfreundliches Kreuzlingen

Nach rund 70 Privatkonzerten im Keller sollte dieses Konzerterlebnis öffentlich werden. "Wir haben zuerst versucht, in Konstanz vermehrt Konzerte zu veranstalten", sagt Benjamin Kreibich, Präsident des Vereins. "Doch das gestalte sich unheimlich schwierig. Die Auflagen sind sehr streng und passende, freistehende Lokalitäten gibt es auch nicht zuhauf."

Auf Streifzügen durch Kreuzlingen wurden die Betreiber auf den frei werdenden Raum an der Kirchstrasse 1 aufmerksam, wo früher das Konzertlokal bbRox war. Nach erfolgreicher Bewerbung riefen sie einen Verein mit dem kunstvollen Akronym "B.A.D. K.i.d.S." (Bands, Abenteuer, Drinks und Kultur in der alten Steinhauerei) ins Leben.

"Wir waren sehr überrascht, wie reibungslos der Aufbau in Kreuzlingen vor sich ging", sagt Böker. "Die Stadt hat uns viel geholfen, sei es mit dem Wirtepatent oder mit der Abklärung aller Gastro-Vorschriften." Kreibich ergänzt: "In Konstanz wäre das alles sehr viel mühsamer gewesen."

Das Berliner Frauen-Trio Gurr am 20. März 2015 im Horst.

Eigenhändiger Umbau

Sechs Wochen Renovation und Umbau waren nötig, bis der Horst Klub seine Türen öffnete. "Das wäre auch schneller möglich gewesen", sagt Böker. "Aber schliesslich wollten wir auch ein wenig Spass dabei haben." Umgebaut wurde alles selbst. Vor dem Horst hatte sich ein evangelisch-christliches Café in der Kirchstrasse eingemietet. "Der Pfarrer der Gemeinde hat uns beim Umbau unter die Arme gegriffen", sagt Böker. Wie gesagt: Kreuzlingen hat die Horst-Betreiber äusserst freundlich empfangen.

Die Do-it-yourself-Attitüde spürt man auch einige Wochen nach der Eröffnung noch. Die rund dreizehn Leute, welche den Horst Klub schmeissen, sind noch häufig am Improvisieren. Das Spülmittel geht aus, der Band fehlt noch ein Mikrophon - doch man greift sich unter die Arme, radelt in den eigenen Proberaum um sich Equipment zu leihen und die Probleme sind rasch und unkompliziert gelöst.

Im Oktober des vergangenen Jahres feierte der Horst Klub seine Eröffnung: Typischerweise mit der Band Hellshovel als Headliner - Garage-Rock aus Übersee. "Natürlich buchen wir viele Bands, die uns selbst gut gefallen", sagt Moritz Schönegg, Kassier der B.A.D. K.i.d.S. "Aber kulturelle Diversität liegt uns auch am Herzen." Das heisst: Poetry Slams gibt's im Horst, Klavierabende und Singer-Songwriter ebenfalls. Aber vor allem stehen Garage-Rock-Bands auf der kleinen Bühne an der Kirchstrasse. So auch am vergangenen Freitag.

"Die Slipmats mit dem Horst-Logo hatten wir bereits viele Wochen vor der Klub-Eröffnung", sagt Moritz Schönegg.

Power-Pop aus Portland und Berlin

The Cry stammen aus Portland, der Hauptstadt der amerikanischen Garage-Rock- und Power-Pop-Szene. Das Quintett sieht aus wie eine Kreuzung aus den Beatles und den Ramones. Und es klingt auch in etwa so: Mehrstimmiger Gesang wird mit simplen Schlagzeugbeats und viel Gitarren-Geschrummel unterlegt. Und natürlich dauert kein Song über dreienhalb Minuten - Power-Pop vom Feinsten.

Eröffnet wurde der Abend von dem Berliner Trio Gurr. (Natürlich auch eine Garage-Band.) Die drei Damen der Band spielten ihr starkes Set stets mit einem Lächeln auf den Lippen. Während ihrem Konzert standen The Cry ganz vorne - man merkt: Im Horst ist nicht nur das Publikum eine grosse Familie ("Wir hatten noch keine einzige gewalttätige Auseindersetzung im Club", sagt Kreibich). Auch die Bands geniessen die familiäre Atmosphäre und quatschen gerne mit den Gästen und den anderen Künstlern.

Ein Teil des Horst-Vorstandes vor dem Klub: (von links): Moritz Schönegg, Benjamin Kreibich und Stefan Böker.

Finanzieller Balance-Akt

Die Gäste sind grösstenteils Studenten aus Konstanz. Das heisst: Das Horst-Team muss die Preise auf deutschem Niveau halten. Der Eintritt beträgt meist fünf Euro (oder fünf Franken), für einen Longdrink bezahlt man sechs Euro. Das freut die Schweizer Besucher, doch stellt den Horst vor eine finanzielle Herausforderung. Schliesslich fallen Miete und Einkauf zu Schweizer Preisen an. "Generell kommen wir über die Runden", sagt Schönegg. "Auch dank der ehrenamtlichen Arbeit aller Beteiligten."

Doch die Horst-Betreiber sehen optimistisch in die Zukunft. Ein wenig Sorgen macht ihnen nur der Verkauf des Geländes an der Kirchstrasse auf Ende Jahr. Doch bevor wir hier Panik vor der Zukunft schüren, wollen wir die Gegenwart betrachten. Und diese ist in Kreuzlingen dank dem Horst Klub um ein grossartiges Stück Alternativkultur reicher geworden.


***

Mehr zum Thema:

Website und Facebook-Seite des Horst Klub

www.horstklub.ch

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