Das Ende einer Epoche? Gar der Fotografie? Andri Stadlers Ausstellung "schimmer" hinterlässt beim Betrachter viele Fragen.

Jürg Schoop

Von der Camera Obscura zum Selfie

Angefangen hat das mit der Fotografie, als man die ersten Glasplatten mit einer lichtempfindlichen Schicht versehen konnte – vor bald 180 Jahren ungefähr. Die Beschäftigung mit dem «Lichtbild», das in der Camera obscura – einem kleinen oder grossen, mit einem Loch ausgestatteten Kasten – in Erscheinung trat, ist viel älter, geht bis auf Aristoteles zurück.

In den Anfangszeiten der Fotografie, als die ersten panchromatischen Porträts begüterter Männer auftauchten, war die so leicht herzustellende Realitätsnähe vielen der damaligen Kunstmaler ein Horror. Um einen Rückgang der Aufträge war leicht zu fürchten. Weil die Fotografie zu einer kunstgeschichtlichen Zeit ins Leben trat, in der die realitätsnahe Abbildung grösste Bevorzugung und Bewunderung genoss, wurde dieses neue Phänomen gerne in die vergleichende Nähe zur Malerei gerückt.

Es waren Künstler und Leute mit künstlerischem Blick, die bald erkannten, dass es keine Realität an sich gibt, die von einer Kamera vermittelt werden könnte. Real sind auch die Fotogramme – auf Fotopapier belichtete Gegenstände – eines Man Ray und Spielereien vieler anderer Fotokünstler. Von einer besonderen Realität sind die Bilder, die ihre Entstehung nicht nur einer Kamera verdanken, sondern ihr endgültiges Aussehen im Photoshop und anderer Software erfahren haben. So wird auch dem Dokumentarischen einer Fotografie, das lange Zeit in unseren Köpfen spukte, heute kein so grosser Stellenwert mehr beigemessen.

 

Bei der Vernissage zu Andri Stadlers Ausstellung «shimmer» brachte Referentin Nadine Olonetzky das ausgezeichnet auf den Punkt:
«Kurz: Es wird deutlich, dass die Fotografie immer eine Konstruktion ist, das Resultat technischer Möglichkeiten und gestalterischer Entscheide, dass man es mit einer Verdichtung von Silberkristallen, von Pixeln zu tun hat, die durch ihre Ballung einen erkennbaren Sachverhalt vor Augen führen. Insofern ist jede Fotografie, ob analog oder digital, immer Übersetzung, Manipulation, Interpretation – und im Kern Abstraktion.»

Andri Stadler im Gespräch mit Facetten-Gestalterin Susanna Entress. (Bilder/Video: Jürg Schoop)


Von der Dunkelheit ins Licht

Wenn ich vom Ende des Anfangs rede, so meine ich auf diese Ausstellung bezogen, dass Stadler begriffen hat, dass es nicht mehr so leicht ist, Bilder von einer Welt zu machen, die uns in ihrer politischen und kulturellen Entwicklung zunehmend entgleitet. Der Fotograf tritt zurück von all dem, was sich in der Geschichte der Fotografie immer wieder neu als Anfänge manifestiert hat Überredungskraft, Zeugenkraft, Anrührung, Botschaft, Vermittlung, Geschwindigkeit (die Aufnahme des Sportreporters – von Verschlusszeit bis zur Übermittlung, erotische Stimulans und alles das.

Stadler postuliert, dass von der Dunkelheit ausgegangen werden muss, Licht aber, wenn man auf der Suche danach ist, sichtbar und die verschiedensten Formen annehmend werden kann. (Langweilig wird das nicht und ebenso wenig nichtssagend frech, wie ein in die Vernissage geratener, unangenehmer, falsch verdrahteter Wutbürger ausgerufen hat.)

Verblüffend auch, wie viel Verschiedenes, bei gleichen Objekten, auf den Aufnahmen der Bilder bei den Besuchern zu sehen war. (Auch die Technik interpretiert.) Fotografie wird es in irgend einer, vielleicht noch unbekannten Form auch in Zukunft geben, – gewiss. Aber der kulturelle Kontext, in dem wir Fotografie und Fotokunst bisher verstanden haben, ist in Auflösung begriffen.

Shed, fest in Frauenhand. Die Kuratorinnen Mirjam Wanner (links) und Katja Baumhoff.

Darum kann man Andri Stadlers Bilder auch als Zeichen des Endes einer Epoche sehen. Die wunderbaren Bilder, aus Silbersalzen und Halbleitern gewonnen, und ich meine nicht nur die des vorletzten Jahrhunderts, sind Museumsgut geworden. Das Smartphone hat die Welt erobert und neue, nicht nur technische Massstäbe gesetzt. Es werden damit täglich 10 bis 15 Milliarden Fotos geschossen, (eine Schätzung, wahrscheinlich weit untertrieben), an Stelle der gestelzten Studioaufnahmen von 1880 sind die Selfies getreten – die es auch unterprivilegierten Schichten erlauben, ihrem Narzissmus zu frönen.

Das Begräbnis der Fotografie

Aber auch: Was soll denn ein sich professionell verstehender Fotograf noch fotografieren, wenn schon alles milliardenfach festgehalten wurde? Was jetzt im Gange ist, geht auf eine wirklich alles umfassende bildhafte Enzyklopädie der Welt hinaus. Die Fotografie als kulturelles und geschichtliches Erbe unserer Vergangenheit wird gerade zu Grabe getragen. Stadler zeigt uns auf sinnanregende Weise auch, wie man sich das Ende der Fotografie vorstellen könnte. Reduziert auf das, was sie anfänglich war.


Ja, man könne sich schon noch profilieren, Künstler würden immer einen Weg finden. Ja, wie denn? Der Hundedreck, den ich vor 40 Jahren fotografisch ästhetisiert habe, was höchsten Widerwillen in der gebildeten Gesellschaft hervorgerufen hat, wird heute von den Smartphone-Jägern x-fach abgelichtet, einfach aus dem Grunde, weil es nach ihrer Meinung noch nicht gemacht wurde und man ein bisschen mehr auffallen will. Ich bin sehr gespannt auf Andris weitere Entwicklung, wie auch auf die der Fotografie insgesamt.

 

Andri Stadler im Gespräch mit Klaus Hersche. 

 

"shimmer"

Für seine Ausstellung im Eisenwerk hat Andri Stadler in der vorgängigen Atelierzeit im Shed neue Arbeiten geschaffen: Für Stadler, der im Thurgau aufgewachsen ist, bedeutet die Atelierzeit im Shed auch eine Reise zu Erinnerungsorten, eine Reise zu der "Wiege des persönlichen Sehens".

 

Die Vernissage der Ausstellung Andri Stadler - Shimmer fiel mit der Präsentation der facetten 16: Andri Stadler zusammen. facetten ist eine Publikationsreihe der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, mit der regelmässig aktuelle Positionen des regionalen Kunstschaffens vorgestellt werden.

 

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Mehr zum Thema:

"shimmer" / art-TV.ch - thurgaukultur.ch vom 10.09.2015