von Michael Lünstroth, 29.01.2018

«Ich habe ziemlich viel hier aufgemischt»

«Ich habe ziemlich viel hier aufgemischt»
War immer gut für Utopien: Der Konstanzer Theaterintendant Christoph Nix. Jetzt wird sein Nachfolger bzw. seine Nachfolgerin gewählt. | © Brigitte Elsner-Heller

Christoph Nix ist seit 12 Jahren Intendant am Theater Konstanz. Sein Vertrag läuft noch bis 2020, Nix hätte gerne noch ein Jahr drangehängt. Der Konstanzer Gemeinderat hat sich jetzt aber dagegen entschieden. Im ersten grossen Interview nach diesem Votum spricht der streitbare Intendant offen über das Scheitern, seine Sicht auf die Politik und die Bilanz seiner Konstanzer Jahre.

Interview: Michael Lünstroth

Herr Nix, warum wollten Sie unbedingt noch ein Jahr länger machen?

Man könnte sagen, wenn man alt wird, hat man Angst vor dem Abschied nehmen…

Klingt nach Angst vor dem Ruhestand…

Ich glaube, in diesem Fall ist es nicht so. Ich hätte gerne ein Jahr länger gemacht, weil ich es im Moment hier am Haus so schön finde, wie ich es in den vergangenen 12 Jahren nicht immer gefunden habe. Die Stimmung im Haus ist gerade sehr schön, das war mein Motiv, noch ein Jahr dranzuhängen. 

Und jetzt traurig, dass es nicht geklappt hat?

Ach wissen Sie, ich hätte das Schiffprojekt „Atlantis“ mit Aufführungen auf dem Bodensee gerne noch gemacht. In der Hinsicht ist es dann schon ärgerlich, dass ich jetzt vom Gemeinderat nochmal eines drauf bekommen habe. Das muss man so sagen. Da ging es nur darum zu zeigen, wer die Macht hat. 

2020 ist nun definitiv Schluss für Sie in Konstanz. Gehen Sie dann im Groll nach der Ablehnung durch die Politik?

Von den Leuten hier, vom Publikum bin ich nirgendwo so gut behandelt worden wie hier. Die Resonanz des Publikums ist etwas anderes als die Entscheidung eines Gemeinderats. Dazwischen liegt eine grosse Diskrepanz. Ich bedauere die politische Entscheidung, kann aber auch mit ihr leben. Es ist doch so: Ich habe ziemlich viel hier aufgemischt, ich habe hier, glaube ich, mehr verändert als Herr Burchardt.

Im letzten Jahr Ihrer Intendanz im Jahr 2020, findet auch wieder eine OB-Wahl in Konstanz statt. Treten Sie gegen Uli Burchardt an?

Nein, ich werde nicht antreten. An solch einem Amt habe ich kein Interesse. Das gibt die Gemeindeordnung zudem auch nicht her, ich wäre dann zu alt dafür. 

Wir kennen uns jetzt auch schon eine Weile. Einerseits nehme ich Sie als einen sehr politischen Menschen wahr, andererseits aber überhaupt nicht. Weil sie nie Rücksicht genommen haben auf Autoritäten oder übliche politische Gepflogenheiten, wenn ihnen etwas nicht gepasst hat. Wie passen diese beiden Seiten zusammen?

Ich bin sehr politisch, aber ich bin nicht machtpolitisch-strategisch. Oft genug haben meine Referenten mir geraten, bei diesem oder jenem Thema mal die Füsse still zu halten. Meistens konnte ich das aber nicht, weil mir die Sache dann doch zu wichtig war als das ich sie nicht hätte sagen können. Ungesund wäre es dann, wenn man sich aus irgendwelchen Motiven, zum Beispiel, weil man sich in der Rolle des scheiternden Helden gefällt, so agierte. Das hätte dann etwas Selbstzerstörerisches. Aber ich will ehrlich zu Ihnen sein: Solche Momente gab es in meinem Leben durchaus. In meiner Kasseler Zeit habe ich einen Artikel in der Frankfurter Rundschau publiziert über die unerotische Rolle von Kulturdezernenten. Damals hat mir auch ein Dramaturg gesagt, damit sei klar, dass ich nicht verlängert würde. Aber wenn ich aus diesem Motiv heraus, es dann gelassen hätte und den Beitrag nicht veröffentlicht hätte, dann hätte ich meine Ehre vor mir selber verloren. 

Schauen wir mal auf das Theater. Sie sind jetzt seit 12 Jahren an dem Haus. Wo steht das Theater Konstanz heute?

Ich bin hoffentlich nicht selbstgerecht, aber ich habe keinen Grund da zu hadern. ich habe das alles ziemlich gut gemacht. Ich habe dem Haus überregionale Bedeutung verschafft. Das Haus ist geistig grösser geworden, ich habe Regisseure fest ans Haus gebunden, das hat das Ensemble verändert, es gibt im Ensemble einen viel grösseren Zusammenhalt. Ich habe Regisseure entwickelt. Vor allem finde ich, dass die Inszenierungen qualitativ gewachsen sind und ich kann inzwischen Regisseure holen, die ich früher aus finanziellen Gründen gar nicht hätte engagieren können. Technisch hat sich das Haus zudem weiterentwickelt

Das klingt jetzt sehr harmonisch. Es gab aber doch auch turbulente Zeiten.

Klar war es nicht immer einfach, es ging mal rauf und runter, es gab Fluktuation. Aber das Haus ist immer stabiler geworden über die Jahre und das ist eine schöne Entwicklung. Andererseits: Ich habe bestimmte materielle Dinge nicht hingekriegt. Ich hätte das Haus zum Beispiel gerne saniert. Organisatorisch hat sich auch wenig geändert. Das haben aber die jeweiligen Oberbürgermeister nicht zugelassen. Weder Herr Frank noch Herr Burchardt haben sich darum gekümmert. Das sind eher autoritäre Typen, die nicht an der Kunst interessiert waren und nur den Apparat und mich im Zaum halten wollten. Das war teilweise schon eher vordemokratisch. 

Zum Beispiel?

Das war wirklich hanebüchen, was hier teilweise passiert ist. Nur ein Beispiel - ich wollte für das Haus ein Hybridauto anschaffen. Mein Gott, was das für ein Theater war! Welche bürokratischen Kämpfe ich da führen musste. Und das in einer gründominierten Stadt! Das lief so: Auf unseren Antrag bekomme ich eine Mitteilung aus der Stadtverwaltung, dass das noch nicht abgestimmt worden ist im Gemeinderat und dass es erst dort abgestimmt werden muss und ich lege denen eine Rechnung vor, was so ein Auto im Monat gekostet hätte, 220 Euro übrigens, es war dann irgendwann klar, dass weil es keinen Beschluss gibt, dann doch wieder ein BMW genommen werden muss. Unvorstellbar. Wir wollten ein Hybrid- oder Elektroauto und das hat uns in die Stadtverwaltung nicht ermöglicht. Jetzt haben wir einen Kompromiss mit einem 2er-BMW. Völlig absurd. Aber ich habe mir meine Freiheit erkämpft. Hier im Haus sind wir relativ frei und souverän. Damit bin ich zufrieden. Und vom Künstlerischen her, um auf die Frage nach meiner Bilanz zurückzukommen, bin ich total zufrieden. Da kann ich auch ein bisschen stolz sein, weil ich in der Stadt etwas verändert habe. 

Sie sind hier keinem Streit aus dem Weg gegangen. Wäre es manchmal klüger gewesen, nicht jeden Konflikt auszufechten?

Es gibt bestimmt eine Menge DInge, wo ich in unnötige Fallen getappt bin oder in unnötige Konflikte gegangen bin. So spontan fällt mir aber keiner ein.

Wer Sie in den vergangenen Jahren beobachtet hat, konnte bisweilen den Eindruck bekommen, dass Sie ohne Streit, ohne Auseinandersetzung gar nicht leben können.

Auseinandersetzung und Reibung hält jung, das ist in jeder Beziehung doch auch so. Am Theater sind wir es gewohnt, im Konflikt zu arbeiten. wie August Boal gesagt hat: „There is no conflict, there is no theatre.“ Deshalb ist der Konflikt für uns am Theater etwas Normales, weil die Menschen Konflikte haben, es ist nur die Frage, wie sie damit umgehen. Von daher ist uns Theaterleuten das vertrauter und nicht so fremd. Quatsch ist nur Streit um des Streitens willen. Manche Sachen habe ich nicht gesucht, die sind einfach passiert. Ich bin unter anderem nach wie vor davon überzeugt, dass die Realpolitik hier keine Vision hat. Und das sage ich dann eben auch. Es ist hier sogar so: Man wird bestraft, wenn man Visionen hat. Dass ich Visionen habe, das ärgert die Leute im Rathaus halt

Wie nehmen Sie die Stimmung in der Stadt aktuell wahr? 

Die Trägheit der Konstanzer führt nicht zur Rebellion, aber der Missmut ist schon da. Ich glaube, viele Menschen denken, dass mit Herrn Burchardt jemand gekommen ist, der die ganze Stadt verkauft.

Warum ecken Sie immer wieder mit der Politik an?

Sie können linkes Theater machen in Stadttheatern wie viele andere Intendanten. So lange Sie alle in der Stadt in Ruhe lassen, in der sie selber leben, ist alles okay. Dann können Sie antikapitalistische Stücke machen, da geht auch ein Konservativer in ein Anti-Trump-Stück und über Rassismus. Aber wenn Sie die Frage stellen, wem welche Immobilien hier gehören und wer wie an die Immobilie herangekommen ist, dann haben Sie ein Problem. Aber das ist ein Teil meines Theaterkonzeptes: Die Wahrheit ist konkret, die grossen Dinge wollte ich immer herunterbrechen. Der Volksfeind sitzt im Zweifel im Rathaus und wenn ein Politiker nicht unterscheiden kann zwischen dem was auf die Bühne kommt und seiner eigenen Person, als beziehe sich alles nur auf ihn, das ist dann sein psychologisches Problem, dass er überhaupt keine Toleranzzone hat für sich. Das ist letztlich ein Mangel an Souveränität und auf diese Borniertheit ist mein Theater gestossen. Meine Gedanken sind denen manchmal zu gross und das macht denen Angst.

Das Theater ist irgendwann fast zu einer Art ausserparlamentarischer Opposition in der Stadt geworden.

Ja, toll, oder? Wenn es die anderen nicht machen, dann bleibt einem nichts anderes übrig! Einer muss den Job ja machen. 

Sie haben in den vergangenen Jahren auch immer mal wieder mit Schweizer Projekten und Institutionen zu tun gehabt. Wie haben Sie diese Kooperationen erlebt?

Ich bin da immer sehr gut behandelt worden. Ich finde, dass in der Schweiz manche Dinge distanzierter behandelt werden. Aber die Respektebene ist eine völlig andere als hier. Das habe ich bei den Freisinnigen erlebt wie auch bei der Christlichen Volkspartei (CVP), auch bei der SP. Ich bin vom Kanton respektvoll behandelt worden als jemand der zwar eine andere Meinung hat, diese wurde aber immer gelten gelassen und niemand war gleich beleidigt deswegen. 

 

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