Macht die Schulen zu Museen!

Macht die Schulen zu Museen!
Mit anderen Augen sehen: Kunst weitet den Horizont junger Menschen. Der Kreuzlinger Talent Campus zeigt das eindrücklich. | © Ramon Germann

Wie Kunst unsere Kinder klüger macht: Eine Kreuzlinger Privatschule zeigt, wie eine Mischung aus zeitgenössischer Kunst, klugem Unterricht und einer wertschätzenden Philosophie Schulen in einen besseren Ort verwandelt. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Manchmal liegen die ganz grossen Dinge ganz nah beieinander. So wie hier in diesem schmucken Glas-Beton-Bau unweit des Kreuzlinger Bodenseeufers, in dem sich die Sonne im Sommer so unbarmherzig spiegeln kann. Klimakrise, Künstliche Intelligenz und Corona-Pandemie sind hier wortwörtlich nur ein paar Schritte voneinander entfernt.

Hinter Glas türmt sich zum Beispiel der Müll unserer Zivilisation. Die junge britische Künstlerin Samara Scott (*1985) hat Plastik, Abfall, Verpackungsmaterial und Konsumgüter übereinander geschichtet und führt uns so unseren verschwenderischen Lebensstil vor Augen. Nicht weit davon entfernt demonstriert der schwedische Künstler Jonas Lund (*1984), welch machtvolles Instrument Künstliche Intelligenz schon heute ist.

Drei von 30: Die Werke von Samara Scott, Jonas Lund und Mattania Bösiger zeigen beispielhaft, wie zeitgenössische Kunst eine Schule bereichern kann. Bilder: zVg

 

Und wer wissen will, was die Pandemie mit jungen Menschen gemacht hat, der muss nur mal einen Blick auf Mattania Bösigers (*1991) starre Seelenbilder mit ihren klaren Linien, brennenden Autos und den schwarzen Löchern werfen.

Es gibt nicht viele Museen, die derart aktuelle Themen so dicht zusammenführen. Auffällig ist ausserdem: Für einen gewöhnlichen Freitagvormittag sind erstaunlich viele junge Menschen in diesem Museum.

„Kunst fördert Kreativität, Freiheit und das Denken jenseits von Schubladen. Wo wäre das besser platziert als in einer Schule?“

Christoph Bornhauser, Schulmitgründer & Entwicklungsleiter der Schule

Das liegt daran, dass dies gar kein Museum ist, sondern eine Schule: Das SBW (steht für Schule, Beruf, Weiterbildung) Haus des Lernens am Talent-Campus Bodensee. Eine Privatschule in Kreuzlingen direkt an der Grenze zur deutschen Nachbarstadt Konstanz. Erbaut für 13 Millionen Franken, eröffnet im August 2017. Ambitionierte Architektur aussen, innovative Gedanken innen.

Kunst ist hier zum Beispiel keine beliebige Deko an den Wänden, sondern ein elementarer Lern-Bestandteil, um die Welt zu begreifen. Mehr als 30 Werke von jungen, zeitgenössischen, internationalen Künstler:innen wie Lund, Scott und Bösiger sind im gesamten Gebäude verteilt: „Kunst fördert Kreativität, Freiheit und das Denken jenseits von Schubladen. Wo wäre das besser platziert als in einer Schule?“, formuliert Christoph Bornhauser, der einstige Schulmitgründer und heutige Entwicklungsleiter der Schule, eine Frage, die er eigentlich mehr als Statement meint.

Sein Lernhaus - das Wort Schule haben sie hier nicht so gerne - sollte ein Ort der Leidenschaft werden und da gehört für ihn die Kunst selbstverständlich dazu.

Mehr lässiges Grossstadtcafé als miefige Schulmensa: An der Kreuzlinger Privatschule Talent Campus Bodensee setzen die Initiator:innen auf Wohlfühlatmosphäre. Bild: Ramon Germann

25‘000 Franken pro Jahr: Ein Ort, den man sich leisten können muss

Freilich ist das auch ein Ort, den man sich leisten können muss: Der Jahresbeitrag liegt im Schnitt pro Schüler:in bei etwa 25’000 Franken. Wohl auch deshalb sieht man hier, was für ein fantastischer Ort Schule sein kann. Oder besser: Sein könnte. Wenn kluge Ideen auf Leute treffen, die sie auch umsetzen können.

Das Kunst-Glück kam in Person von Maria Larsson auf den Talent-Campus. Die Kunsthistorikerin hat für das Unternehmen ihres Vaters (der hatte 1990 mit seiner Firma HTC in Tägerwilen den ersten Technologiepark der Schweiz gegründet und daraus ein veritables Geschäft gemacht) eine Kunstsammlung aufgebaut und fand es zu wenig, die Werke nur ab und an an Ausstellungshäuser auszuleihen und sie ansonsten in Privaträumen oder im Depot vor der Öffentlichkeit zu verstecken.

„Die Schüler:innen gehen sehr verantwortungsvoll mit der Kunst um.“

Maria Larsson, Kunsthistorikerin und Kunstsammlerin

„Ich wollte immer, dass unser Alltag ganz natürlich mit Kunst verwoben ist, wo auch immer wir uns befinden. Über die Jahre musste ich aber feststellen, dass gerade Kinder und Jugendliche eher selten mit zeitgenössischer Kunst in Berührung kommen. So entstand die Idee: Wieso die Kunst nicht zu ihnen in die Schule bringen?“, erklärt Larsson ihre Beweggründe.

Es gibt vermutlich nicht viele Sammler:innen, die sich das trauen würden. Zu gross ist bei vielen die Sorge vor möglichen Schäden an den Arbeiten, wenn täglich hunderte Schüler:innen daran vorbeigehen. Aber Maria Larsson ist da gelassen: „Alle Werke sind versichert. Und bis jetzt ist tatsächlich noch nichts passiert. Die Schüler:innen gehen sehr verantwortungsvoll mit der Kunst um“, sagt die Kunsthistorikerin.

Wie Kunst entsteht: Schüler:innen lernen hier den kreativen Prozess ganz neu kennen. Bild: Ramon Germann

Gute Kunst? Stellt immer mehr Fragen als sie Antworten gibt

Vielleicht auch, weil die Schule eine aktive Auseinandersetzung mit der Kunst geradezu einfordert: An den einzelnen Kunstwerken gibt es QR-Codes, die Informationen zu den jeweiligen Künstler:innen und ihren Ideenwelten liefern. Daneben gibt es regelmässig Führungen und Seminare zu den Grundlagen des Kunst-Betrachtens (leitende Fragen dabei: Wie sehen wir eigentlich? Und wie sehen wir Kunst?)  sowie der Kunstgeschichte oder zu einzelnen Aspekten zeitgenössischer Kunst. Und, wenn Corona es zulässt, können Künstler:innen bei Workshops direkt ins Gespräch mit den jungen Menschen kommen.

„Kunst inspiriert nicht nur visuell, sondern auch intellektuell und ergänzt viele der traditionellen Lehrfächer. Alle der ausgestellten Künstler:innen arbeiten im Hier und Jetzt und beschäftigen sich mit den wichtigen Fragen unserer Zeit“, sagt Maria Larsson. Das eröffne für die Schüler:innen oft ganz neue Perspektiven. „Gute Kunst stellt immer mehr Fragen, als sie Antworten gibt und genau dies kennzeichnet den offenen und neugierigen Geist, welcher auch die Lernenden hier am Campus ausmacht“, findet die Kunstsammlerin.

Spricht man mit Schüler:innen vor Ort, dann scheint das Konzept aufzugehen. Tamara Satzinger (15) und Louisa Schumann (14) stehen bei einem Werk des belgischen Künstlers Joris van de Moortel in einem der offenen und luftigen Aufenthaltsräume der Schule, die mehr an lässiges Grossstadtcafé als miefige Schulmensa erinnern. Wie sie das so finden mit der Kunst überall?

„Mich inspirieren die Arbeiten auch oft, sie helfen mir dabei, mich zu konzentrieren.“

Tamara Satzinger, Schülerin (rechts im Bild, daneben Louisa Schumann (14); beide sind Schülerinnen am Talent-Campus Bodensee)

„Erstmal finde ich es total cool, dass es in unserer Schule Kunst gibt. Ich empfinde das als Wertschätzung gegenüber uns Schüler:innen, es macht mich auch ein bisschen stolz, dass ich so auf so eine Schule gehe“, sagt Tamara Satzinger. Das sei aber nur die eine Seite. „Mich inspirieren die Arbeiten auch oft, sie helfen mir dabei, mich zu konzentrieren“, fügt die 15-Jährige an. Seit zwei Jahren besucht sie die Kreuzlinger Schule und schon jetzt ist für sie klar, dass sie mal Kunst studieren möchte.

Dieses Ziel hat Louisa Schumann nicht, für sie ist Kunst eher ein Hobby. Aber eines, das sie immer wieder neue Sichtweisen entdecken lässt. „Hier kann ich auch Gefühle und Dinge ausdrücken, die ich mit Sprache vielleicht nicht so sagen könnte“, erklärt die 14-Jährige. Was sie besonders mag am Kunstunterricht hier? „Dass wir viel Freiheit haben und mitbestimmen dürfen.“ Zum Beispiel bei den regelmässigen Ausstellungen der Schüler:innen-Arbeiten im Gebäude. Was, wie und wo diese ausgestellt werden, entsteht im Gespräch zwischen Schüler:innen und Lehrerin.

Kunst auf dem Campus: Auch diese Werke sind in der Kreuzlinger Privatschule zu sehen. Bilder: Tamara Satzinger

 

„In der Kunst kann ich auch Gefühle und Dinge ausdrücken, die ich mit Sprache vielleicht nicht so sagen könnte.“

Louisa Schumann, Schülerin

Carly Wride ist diese Lehrerin. Die gebürtige Britin wird fast ein bisschen rot, wenn man ihr von der Begeisterung der Schülerinnen über ihren Unterricht erzählt. Auf die Frage, ob sie so etwas wie ein Erfolgsrezept habe, muss sie erstmal lächeln. „I don’t know“, bricht es aus ihr heraus. „Vielleicht ist das Geheimnis, dass ich den Schüler:innen Leitplanken gebe, ihnen dazwischen aber viele Freiheiten lasse und sie oft einbeziehe in Entscheidungen“, erklärt die Kunstlehrerin.

Von den insgesamt 242 Schüler:innen in Kreuzlingen, besuchen derzeit rund 140 den Unterricht von Carly Wride. Dass ihre Kurse so beliebt seien, habe aber vor allem mit dem Wesen der Kunst zu tun: „Kunst zeigt uns, wie wir unser Innerstes ausdrücken können. Und auch wichtig für viele: In der Kunst gibt es kein richtig oder falsch. Das unterscheidet uns von vielen anderen Fächern. Die Schüler:innen können einfach machen. Sie können hier nicht scheitern“, findet Carly Wride.

„In der Kunst gibt es kein richtig oder falsch. Das unterscheidet uns von vielen anderen Fächern. Die Schüler:innen können einfach machen. Sie können hier nicht scheitern.“

Carly Wride, Kunstlehrerin (Bild: Michael Lünstroth)

Seit 2017 lebt die Britin in Kreuzlingen, sie kam damals für den Job hierher. Auch weil sie wusste, dass sie die Möglichkeiten, die sie an der Privatschule hier hat, in Grossbritannien nicht hätte: „Das hier ist mehr ein Lebensort als eine Schule. Wir gehen entspannter miteinander um“, ist die Kunstlehrerin überzeugt.

Die Philosophie, die hinter dem gesamten Konzept des Talent-Campus steht, ist eigentlich ganz einfach: Respekt, Wertschätzung und Vertrauen stehen im Zentrum und jeder hier weiss, dass man das nur für sich selbst in Anspruch nehmen darf, wenn man andere ebenso behandelt. Man kümmert sich umeinander. Oder wie Schulmitgründer Christoph Bornhauser es formuliert: «Nicht jeder, der hierher kommt hat schon ein aussergewöhnliches Talent, aber wir setzen alles daran, dass die jungen Menschen hier ihre Talente finden.»

Kunstlehrerin Carly Wride im Unterricht mit ihren Schüler:innen. Bild: Ramon Germann

Verständnis für Fremdes, Multiperspektivität: Was bräuchte es mehr?

Ist das also die grosse Lehre aus dem Projekt? Müssen Schulen mehr Seelen-Wellnesstempel werden? Ja, schon. Aber eben nicht nur. Kunst fordert die Schüler:innen nochmal anders heraus. Sie zwingt die Betrachter:innen im besten Fall zu einer Haltung, zu Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen. Das fördert die Multiperspektivität, das Verständnis für Fremdes. Und welche Eigenschaft wäre wichtiger als diese in Zeiten auseinanderfallender Gesellschaften?

„Die Künstler:innen, die wir in der Schule ausstellen stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, haben an Kunstakademien auf der ganzen Welt studiert und bringen ihre eigenen Ideen und Visionen in den Talent Campus Bodensee“, findet die Kunstsammlerin Maria Larsson. Schule wird dadurch im besten Fall zu so etwas wie einem Jahrmarkt der Ideen. Nicht das Schlechteste, was man über Schulen sagen kann.

Maria Larssons ganz persönliches Fazit aus dem Projekt lautet deshalb ganz einfach: „Die Kunst muss raus aus den Depots, rein in die Thurgauer Schulen.“

 

Wer hinter der Schule steht

Die SBW (Schule, Beruf, Weiterbildung) Haus des Lernens AG ist eine der führenden privaten Bildungs­gruppen der Schweiz. Seit 1980 bietet sie innova­tive Bildung von Basis­stufe über Sekundar­stufe bis Berufsaus­bildungen und Matura. An neun Standorten in der Schweiz und in Deutschland betreibt das Unternehmen 15 so genannte Lernhäuser. Die Standorte Kreuzlingen, St.Gallen und Winterthur sind zerti­fiziert von Swiss Olympic und ermöglichen Sport­förderung für Leistungssportler.

Bilderstrecke: Diese Arbeiten haben Schüler:innen gestaltet

 

Zeitgenössische Kunst in der Schule: So sieht es am Talent Campus Bodensee aus. Bilder: zVg

 

 

 

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