von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 09.10.2019

Aus den Trümmern

Aus den Trümmern
Deutschland. Freiburg im Breisgau 1945. O-Ton Werner Bischof: «Das erste Mal seit sechs Jahren bin ich wieder in Freiburg und erkenne die einst stolze Stadt nicht wieder. Ich steige ab, muss das Velo hinstellen - für mich ist das alles so überwältigend stark, weil mir eine direkte Beziehung fehlt.» | © Werner Bischof

In Konstanz entsteht gerade ein neuer spannender Ort für Fotografie. Vier Ausstellungen pro Jahr sind in der Leica Galerie geplant. Aktuell sind dort berührende Fotos des Schweizer Fotografen Werner Bischof zu sehen.

Es ist ein Bild, das man so schnell nicht wieder vergisst: Die Perspektive leicht schräg, wir sehen ein zerbombtes Kirchenschiff, die Aussenwände stehen noch, aber dort wo einst eine Kuppel sass, ist nun der offene, graue Himmel zu sehen. Aus der Bildmitte laufen zwei Mädchen auf die Kamera zu. Ein Lächeln im Gesicht, zerzauste Haare, gekleidet wie zum Sonntagsausflug. In all dieser apokalyptischen Tristesse sehen sie erstaunlich glücklich aus. Der Sog, der von ihnen und dem nach hinten verschwimmenden Mosaikboden ausgeht, ist unglaublich. Das Foto will einen förmlich verschlucken. 

Entstanden ist es im Jahr 1945 in Friedrichshafen. Nachkriegsdeutschland. Der grosse Schweizer Reportage-Fotograf Werner Bischof (1916-1954), später auch Mitglied der berühmten Foto-Agentur „Magnum“, fing diese kraftvolle wie magische Aufnahme ein. Angeregt von seinem damaligen Mentor Arnold Kübler reiste er, oft mit dem Velo, durch kriegszerstörte Städte im Nachbarland. „Es trieb mich hinaus, das wahre Gesicht der Welt kennen zu lernen. Unser gutes, gesättigtes Leben nahm vielen den Blick für die ungeheure Not ausserhalb unserer Grenzen“, erklärte Bischof den Grund für seine Reisen 1946.

Ein Bild, das einen nicht mehr loslässt. Werner Bischofs Porträt zweier Mädchen aus dem Jahr 1945 in Friedrichshafen. Er selbst sagte zu dem Foto: «Es gibt Zeiten im Leben, wo man fliehen möchte, und da man dies nicht kann, wandert man von morgens bis abends.» Bild:Werner Bischof

Eine Liaison zwischen Kommerz und Kultur

Das oben erwähnte Foto aus Friedrichshafen und viele weitere berührende Aufnahmen von Werner Bischof sind nun in der Ausstellung „Focus: Werner Bischof“ in der noch jungen Leica-Galerie Konstanz zu sehen. Das für sich ist schon eine kleine Sensation, waren Konstanz und Umgebung bislang nicht bekannt für aussergewöhnliche Foto-Ausstellungen. Möglich gemacht hat das der Fotohändler Markus Wintersig. Er finanziert die Ausstellungsräume durch sein im selben Gebäude liegendes Fachgeschäft für Leica-Fotografie. Nun kann man die Nase darüber rümpfen, dass Kommerz und Kultur hier eine Liaison eingehen. Man kann aber auch sagen, wie cool, dass sich ein Unternehmer hier ernsthaft für Kultur engagiert. Denn ohne Wintersigs Engagement gäbe es diesen Ort, zu dem der Eintritt übrigens kostenlos ist, erst gar nicht. „Wir belästigen niemanden, der nichts kaufen will und nur die Ausstellung ansehen möchte“, verspricht Wintersig.  

Für die Programmierung hat er ein bislang ehrenamtlich arbeitendes Trio gewinnen können: Den Konstanzer Künstler Markus Brenner, die Kommunikations-Expertin Judith Borowski und die Autorin Barbara Marie Hofmann. Bis zu vier Ausstellungen pro Jahr sollen künftig in den drei Räumen der Galerie gezeigt werden: „Unser Fokus liegt auf der internationalen Fotografie, wir wollen aber auch dem Nachwuchs eine Chance geben. Kriterium für die Auswahl der ausgestellten Arbeiten ist deren fotografische Eigenständigkeit: Gezeigt wird, was den Blick festhält und gefangen nimmt“, erklärt Markus Brenner das Ausstellungskonzept. Die Inszenierung der Arbeiten tut ihr Übriges - das sieht man auch in renommierten Museen nicht besser. 

Ausstellungsansicht in der Leica-Galerie Konstanz mit Arbeiten des Schweizer Fotografen Werner Bischof. Bild: Leica-Galerie Konstanz

 

„Gezeigt wird, was den Blick festhält und gefangen nimmt.“

Markus Brenner, Kurator

Die Ausstellung mit Werner Bischof ist die zweite Schau, die gezeigt wird. Anlass dafür waren für Markus Brenner vor allem zwei Dinge: „30 Jahre Mauerfall in diesem Herbst, 75 Jahre Kriegsende 2020: Werner Bischof hat sich wie kein Zweiter mit der Teilung des Kontinents und dem Nachkriegselend auseinandergesetzt“, so der Kurator. Tatsächlich können uns Bischofs Bilder auch heute noch Mahnmale sein. In dem Sinne, dass wir es trotz aller Aufgeregtheiten dieser Welt und angesichts immer unberechenbarerer Charaktere in Machtpositionen, dennoch nicht wieder zulassen, dass eine solche Zerstörungswucht unsere Welt in den Abgrund zieht. 

Bei allem Leid, in Bischofs Arbeiten liegt auch immer ein Funken Hoffnung. So lächeln die Kinder auf dem eingangs beschriebenen Foto aus Friedrichshafen. Vielleicht ahnten sie, dass sie die schlimmste Zeit hinter sich hatten. Auch sonst standen Kinder oft im Fokus von Werner Bischofs Kamera. Für ihn waren sie ein Symbol der Zukunft und Verpflichtung - den Kindern eine besser Welt zu hinterlassen. 

Selbstportrait. Der grosse Schweizer Reportage-Fotograf Werner Bischof. Bild: Werner Bischof MagnumPhotos Scheidegger und Spiess

Die Ausstellung würdigt Bischofs grosse Meisterschaft 

Die Bischof-Ausstellung erstreckt sich über drei Räume. Neben den Aufnahmen aus dem zerstörten Deutschland, zeigt die Galerie auch einige seiner bekanntesten Werke. So zum Beispiel die Aufnahme zweier Shinto-Priester im Innenhof des Meiji-Schreins in Tokio. Es gilt als eines der ikonischen Bilder für die Darstellung von Japan. Daneben bleibt auch Platz für Kuriositäten wie der Aufnahme von Pinguinen in Edinburgh. 

Alle Arbeiten zeigen die grosse Meisterschaft von Werner Bischof. Perspektive, Licht, Komposition - der Magnum-Fotografen kreiert in seinen Fotos eine eigene Bildsprache. Obwohl er schon früh verstarb - kurz nach seinem 38. Geburtstag kommt er bei einem Autounfall in den peruanischen Anden ums Leben - hinterliess er ein prägendes Werk für die Fotografie des 20.Jahrhunderts.  

Termine: Die Ausstellung „Focus: Werner Bischof“ ist noch bis 17. November in der Leica-Galerie Konstanz (Sankt-Johann-Gasse 9) zu sehen. Die Öffnungszeiten: Mo. bis Fr.: 10 - 18.30 Uhr; Samstag: 9.30 bis 14 Uhr. Am Samstag, 26. Oktober, 12 Uhr, gibt es eine Führung durch die Ausstellung. Der Eintritt ist frei. Mehr zum Leben und Wirken von Werner Bischof gibt es auch auf der Internetseite: http://www.wernerbischof.com/de/main.html Die Galerie im Internet: https://www.leica-galerie-konstanz.de 

Bilderstrecke: Einblicke in die Ausstellung „Focus: Werner Bischof“ 

 

Leica-Galerien und ihr Programm

Eigentlich nur in Metropolen: Eröffnet wurde die Leica-Galerie Konstanz mit Arbeiten des Promi-Fotografen Anatol Kotte. Im Mittelpunkt sollen Fotografinnen und Fotografen stehen, die mit Leica-Kameras gearbeitet haben, aber es sollen auch Arbeiten anderer Fotografen ausgestellt werden. Weltweit gibt es insgesamt 22 Leica-Galerien, die meisten davon in Metropolen wie London, Tokio, Los Angeles oder Sao Paulo.

 

Nächste Ausstellungen: Ab 29. November zeigt Ursula Böhmer unter dem Titel „All Ladies“ Porträts von Kühen. Zwischen 1998 und 2011 hat sie 25 Länder Europas bereist und die starken, aber auch sanftmütigen Tiere porträtiert. Ab 28. Februar 2020 sind Arbeiten des belgischen Fotografen Max Pinckers zu sehen. Er hat jüngst den Oskar Barnack Award von Leica erhalten.

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