von Barbara Camenzind, 06.06.2017

Beseeltes Klanglabor

Beseeltes Klanglabor
Prachtvolle Klangsetzer: Isabelle Faust, Komponist Oscar Strasnoy und Tenor Werner Güra | © Barbara Camenzind

„Musik ist eine heilige Kunst". Dieses Zitat von Hugo von Hofmannsthal passt punktgenau zur der „Grande Dame" der Thurgauer Klassik-Events, den Ittinger Pfingstkonzerten. Mit dieser Empfindung gestaltete die diesjährige künstlerische Leiterin Isabelle Faust das Programm „Brandenburg-Ittingen". Es war ein grosser Erfolg und erfuhr wertschätzende Resonanz.

Barbara Camenzind

Er wird gerne „Meer" genannt, weil für Johann Sebastians Genie „Bach" zu schmalspurig wirkt. Er stand im Zentrum des Klangzaubers, den die ambitionierte, international bekannte Geigerin Isabelle Faust die letzten Tage in der Kartause entfachte. Es war ihr Jahr hier im Thurgau und sie wusste es wohl zu nutzen. Zusammen mit der Akademie für Alte Musik Berlin Akamus, den Komponisten Oscar Strasnoy und Jörg Widmann, sowie einem Reigen ausgesuchter kammermusikalischer Werke aus dem 19. und 20. Jahrhundert, entführte Faust das Publikum in die Welt der filigranen Tongeflechte des mitteldeutschen Barockmeisters. thurgaukultur.ch nahm einen Augenschein, pardon, eine „Hörprobe" vom Abschlusskonzert und stellte fest: Die Ittinger Pfingstkonzerte sind eindeutig auf dem internationalen Parkett angekommen, auf dem sich beispielsweise die Schubertiade Schwarzenberg, oder die Musicales Colmar bewegen.

Barock rockt

Die Brandenburgischen Konzerte, die Johann Sebastian Bach dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt gewidmet hatte und darum so heissen, erblühten in den Instrumenten der versierten Berliner Musiker in neuer Pracht, obwohl sie ziemlich genau 300 Jahre alt sind. Luftig flogen die kurzen Bögen beim Konzert Nr. 5 durch die Remise und wurden vom virtuos spielenden Cembalisten Raphael Alpermann immer wieder vornehm eingefangen. Die Traversflöte, gespielt von Gergely Bodoky, die von ihrer modernen silbernen Schwester masslos übertönt werden könnte, fügte sich so harmonisch und geschmeidig in den Gesamtklang ein.
Etwas Pech hatte die Sopranistin Anna Prohaska, die leider indisponiert den Wettstreit mit „Frau Trompete" Ute Hartwich in „Jauchzet Gott in allen Landen" antreten musste. Ein grosses Kompliment, dass sie es dennoch wagte, denn die hochmusikalische Frau sang sehr couragiert und beendete den „Kampf der Koloraturen" trotz Fieber mit einem Unentschieden. Das Publikum war bestens unterhalten.
Das grosse Tonrauschen erlebten die Zuhörenden beim Cembalokonzert in A-Dur, mit Kristian Bezuidenhout an den Tasten. Der feine Zusammenklang im Konsort gaben dem Instrument und seinem Meister den nötigen Boden, um die ganze barocke Pracht entfalten zu können. Alte Musik ist alles andere, als altbacken.
Unter diesem Aspekt waren auch Intendantin Faust im Duett mit ihrem Nachfolger an der Blockflöte unterwegs. Maurice Steger, seine Kollegin Xenia Löffler und die Meistergeigerin rockten buchstäblich den Saal mit rasanten Wechseln in Klangfarbe und Artikulation. Eine Stimme aus dem Publikum meinte begeistert: „Ich wusste gar nicht, dass man so lustig Blockflöte spielen kann." Das war ein Kompliment.

Verschmitzter neuer Mann für 2018: Blockflötist Maurice Steger (Foto: Barbara Camenzind)

Der zeitgenössische rote Faden

Grosse Klassikfestivals scheuen oft davor zurück, die Neutöner einzuladen. Nicht so Ittingen. Wie ein roter Faden schlängelten sich Oscar Strasnoys kurze Kompositionen, die mit dem Datum des jeweiligen Aufführungstages betitelt waren, durch das Festival. Mit der Uraufführung „5.Juni" für Geige und Tenor schlug der Komponist den Bogen zu Kafkas Briefen. Tenor Werner Güra, am Tag zuvor mit Liedern von Robert Schumann zu hören, spann sein schönes Timbre durch Kafkas Abgründe, hin zu Isabelle Fausts elegischen Geigenpart. Sie waren, wie der Autor es schrieb, „Arbeiter und Nagel zugleich". Für Güra war es eine gute Gelegenheit, Neue Musik zu singen, wie er gegenüber thurgaukultur.ch erwähnte. Der berühmte Sänger sprach dem Komponisten ein grosses Lob aus. Oscar Strasnoy komponierte zudem das „Ittingen Concerto", eine eigens der Kartause zugedachte Komposition, in der Besetzung für Barockorchester.

Neues Konzept funktioniert

Jürg Hochuli von der Hochuli Konzert AG, Heinz Scheidegger von der Geschäftsleitung und Corinne Rüegg Widmer vom Marketing der Kartause Ittingen sind sehr zufrieden mit den diesjährigen Pfingstkonzerten. Ein Grossteil der Konzerte sei ausverkauft gewesen, dies schon mehrere Wochen vor Pfingsten. Auch für die diesjährige künstlerische Leiterin waren sie voller Lob. Isabelle Faust sei eine Vollblutmusikerin mit einem sicherem Gespür, das Bewährte mit Neuem zu verbinden. Dies bestätigten auch Gäste, die alle Konzerte des Festivals besuchten. Das Programm erlebten sie wie aus einem Guss. Ambitioniert erscheint daher das Vorhaben der Kartause, jedes Jahr einen neuen künstlerischen Leiter zu berufen. Eines ist sicher: Das erhält das 23-jährige Festival jung. Wer zu grosse Unruhe befürchtet, hat nicht mit der Kartause gerechnet. Ihr kontemplativer Charme macht etwas mit den Menschen. Dann wohl auch mit Maurice Steger, dem „Mann für 2018". Hier kann der Mensch zur Ruhe kommen. Und lächeln. Wie beispielsweise über den singenden Tannenbaum vor dem Eingang. Dieser Ort ist ein wunderbares Klanglabor.

Die Kartause ist für künstlerische Überraschungen gut. (Foto: Barbara Camenzind)

Weitere Konzerte in der Kartause Ittingen unter www.kartause.ch.

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