von Maria Schorpp, 04.11.2019

Das doppelte Publikum

Das doppelte Publikum
Hofmitglieder (von links) Isabel Schenk, Walli Graulich, Corina Kel-ler und Manfred Küttel. | © Theagovia Theater

Ludwig Tieck hat seinerzeit mit seiner Komödie „Der gestiefelte Kater“ auch eine Art Publikumsbeschimpfung verfasst. Das Theagovia Theater traut seinem Publikum in Theaterhaus Thurgau in Weinfelden indes zu, über sich selbst nachzudenken.

In gewissem Sinne hätte sich Ludwig Tieck die Uraufführung seiner Theaterfassung von Grimms Märchen „Der gestiefelte Kater“ sparen können. Er wusste von vornherein, wie sie ankommen würde. Nämlich gar nicht. Ende des 18. Jahrhunderts veröffentlichte er eine erste Fassung, vierzehn Jahre später eine zweite. Weitere Jahrzehnte danach, im Jahr 1844, fand dann die Uraufführung statt. Mit besagten Reaktionen.

Dass die Komödie verrissen werden würde vom Theaterpublikum seiner Zeit beziehungsweise dass dieses schlicht überfordert sein würde, hat er bereits in seine Komödie eingebaut. Da kommt das Publikum selbst vor. Im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden ist aktuell unter dem Titel „Der Kater“ eine nochmals in heutige Zeiten angepasste Version von Michaela Bauer zu sehen. Da stehen die Pelzigs also vor der Kasse und finden – Klassiker! – erst einmal die Karten nicht. Hinzu stossen weitere mehr oder weniger begeisterte Theaterbesucherinnen und -besucher, die jetzt erst mitkriegen, was gespielt wird, vor allem, dass sie selbst mitspielen sollen. Der eine hat die Karten geschenkt bekommen, für den anderen ist es mehr ein gesellschaftliches Event. Sehen und gesehen werden.

Particia Venturini als Kater Hinze (links) und Manuel Schweiss (rechts) als Gottlieb und ex-boxender Schauspieler. Bild: Theagovia Theater 

Der Plan lautet, das (reale) Publikum zu amüsieren

Das ist eine stimmige Eingangsszene im Foyer des Theaterhauses im Bahnhofareal von Weinfelden, die Lust macht auf das, was folgt. Michaela Bauer hat das Stück mit den Spielenden, sowohl bereits etablierten als auch neu eingestiegenen, für das Theagovia Theater entwickelt und mit Hegel, Brecht, absurder Poesie des Mittelalters sowie Selbstverfasstem angereichert.

Zweifellos lautet der Plan zunächst, das Publikum zu amüsieren – das nicht fiktive. Was zunächst schon durch den Anblick gelingt, der die Gekommenen empfängt. Auf und unter dem Gerüst, das im Bühnenraum aufgebaut ist, tummeln sich die Figuren entsprechend ihrer sozialen Einstufung. König, Prinzessin und Hofstaat turnen auf den oberen Rängen, der Müllersohn Gottlieb, für den vom väterlichen Erbe lediglich diese Katze bleibt, haust darunter.

Oben geht’s recht bunt zu, was die schrillen Kostümkarikaturen von Joachim Steiner als Eyecatcher ins Bild setzen. Unten herrscht räudige Tristesse. Mindestens zwei Ebenen hat Ludwig Tieck eingebaut, die Michaela Bauer als Stück im Stück immer wieder neu akzentuiert. Da ist der Schauspieler des Gottlieb krank geworden, weshalb „Klaus die Faust“ einspringt, ein Ex-Boxer, den es auf die Bühne verschlagen hat. Manuel Schweiss gibt den Gottlieb wie seinen boxenden Schauspieler schön vertrottelt, so dass Particia Venturini als Kater Hinze gute Kontraste setzen kann. Ihr sprechendes Katzentier ist weniger verschlagen als von einer Schläue, die ihm das Leben im unteren Teil des Sozialgerüsts beigebracht hat. Kater Hinze weiss um die Schwächen der Menschen und nutzt sie für seine Zwecke.

Die Prinzessin und die Jeunesse dorée

Das fiktive Publikum am rechten Bühnenrand regt sich nur kurz über den Umstand auf, dass hier eine Katze sprechen kann. Was aber nicht heissen soll, dass es sich auf das Abenteuer Theater einlässt. Szenen und Figuren werden nach Massgabe ihrer eigenen Daseinsform als gut oder schlecht befunden, und das wird auch lautstark zum Ausdruck gebracht.

Währenddessen nimmt die bunte Glitzerwelt des Hochadels nach Märchenmanier ihren Lauf. Die Prinzessin von Corina Keller ist eine Göre, die mit metallicblauer Perücke und Reifrock mit Blütenapplikationen einen Prinzen nach dem anderen antanzen lässt. Das macht ihr sichtlich Spass, wie die ihrerseits eitlen Fatzkes um sie werben. Walli Graulich und Isabel Schenk, die noch in etlichen anderen Rollen zu sehen sind, wechseln sich lustvoll ab in der Darstellung der internationalen Jeunesse dorée. Eine Spassnummer für sich.

Der Hofstaat unter sich: (von links) König Manfred Küttel, Marthurine Bassi Schneider, Isabel Schenk als einer der Prinzen, Hoflehrerin Walli Graulich und Prinzessin Corina Keller. Bild: Theagovia Theater

Etwas von Anarchie

Nun ist es der Inszenierung der Theagovia durchaus ernst mit der Tieckschen Komödie und ihrem Unternehmen, die Verführbarkeit des Menschen in den Blick zu nehmen. Einfallstor für den gestiefelte Kater ist die Eitelkeit des Homo sapiens. Es hat etwas Anarchistisches, wie nüchtern er die Verhältnisse durchschaut mit diesem rotbäckigen König, den Manfred Küttel als degenerierten Lüstling gibt, und dem ganzen Aufklärungsgetue am Hof, einschliesslich der weiblichen Närrin Marthurine von Bassi Schneider.

Der Prozess, wie die Menschenkatze den armen Müllersohn Gottlieb schlussendlich zum Grafen mit Schloss und allem Drum und Dran macht, auf den die Prinzessin richtig scharf wird, begleitet ein grandioses Livemusik-Trio. Bestehend aus Gaby Wunderlich, Roy File und Markus Bauer, die immer wieder eine Tarantella anstimmen, den Tanz des Volkes, von dem es einmal hiess, er könne heilen. Auch ansonsten haben sie es mit dem Italienischen. Die royale Köchin von Christine Steiger singt ihre Klagelieder in der Melodie von Adriano Celentanos „Azzuro“.

Das gefällt dem stückinternen Publikum. Dass es selbst Teil des Stückes ist, schon eingebaut in die Theatermaschinerie, was als Zuschauerbeschimpfung Tiecks verstanden werden kann, will es nicht hinnehmen. Kurzerhand erklärt es das richtige Publikum, also uns, die wir im Zuschauerraum sitzen, für Fake. Vontobel, der Dramaturg, den Robin Werthmüller spielt, hat wohl recht: Ein aufgeklärter Theatermensch will heute mehr als einen heiteren Theaterabend. Das Theagovia Theater zeigt mit diesem sehr erfrischenden Ensemble und der durchaus herausfordernden Inszenierung, dass es das Publikum ernst nimmt und ihm trotzdem seinen Spass gönnt.

Weitere Vorstellungen

Freitag, 8. November, 20.15 Uhr
Samstag, 9. November, 20.15 Uhr
Sonntag, 10. November, 17.15 Uhr
Freitag, 15. November, 20.15 Uhr
Samstag, 16. November, 20.15 Uhr
Sonntag, 17. November, 17.15 Uhr
Donnerstag, 21. November, 20.15 Uhr
Sonntag, 24. November, 17.15 Uhr
Freitag, 29. November, 20.15 Uhr
Samstag, 30. November, 20.15 Uhr
 
Reservation:
Theaterhaus Thurgau 071 622 20 40
(Mo-Fr 11.00-12.30 Uhr) oder www.theagovia.ch 

 


 

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