von Kirsten Schlüter, 16.06.2017

Warten aufs Publikum

Warten aufs Publikum
Ein Stück Kunstrasen, ein kleiner Campinganhänger und ganz viele verrückte Ideen sind die Grundzutaten für das Projekt "Die Reifenprüfung" des Stadttheaters Konstanz, umgesetzt von Jonas Pätzold und Philip Heimke (von links). | © Bild:Bjørn Jansen

Jonas Pätzold und Philip Heimke bringen beim Projekt „Die Reifenprüfung" das Theater rund um den Bodensee, spielen an ungewöhnlichen Orten und wollen die Zuschauer mit ihrer Kunst beglücken. Nach einem Grossteil der Tour zieht Jonas Pätzold eine ziemlich überraschende Bilanz.

Von Kirsten Schlüter

Damit hätte Jonas Pätzold nicht gerechnet. Er und sein Schauspiel-Kollege Philip Heimke  hatten sich einen kleinen Campinganhänger ausgeliehen, gezogen von einem quietschgelben Panda, sie hatten sich eine Route überlegt und wollten an ihren Zielen einfach anhalten, aufbauen, loslegen. Die Passanten mit geprobten Theaterszenen und improvisierten Intermezzi erfreuen. So zogen die Gastschauspieler des Theaters Konstanz Mitte Mai also los zu ihrem „theatralen Roadtrip", der sie bis Ende Juli einmal um den Bodensee führt. Sie haben auch wirklich Spass bei ihren Auftritten – allein, es fehlt das Publikum. „An vielen Orten haben wir einfach angefangen zu spielen, auch wenn uns zunächst niemand zuschaute", erzählt Jonas Pätzold. Ein Grossteil der Tour, der die beiden 34-Jährigen durch die Schweiz, Deutschland und Österreich führt, haben die Schauspieler hinter sich. Der Auftritt in Kreuzlingen musste wegen Krankheit abgesagt werden, soll aber nachgeholt werden (weitere Informationen unter https://die-reifenpruefung.tumblr.com/).

Auf seiner theatralen Rundreise entdeckt Schauspieler Jonas Pätzold den Bodensee von einer ganz neuen Seite. Hier steht er am Konstanzer Hafen und lässt die bisherigen Auftritte Revue passieren.Auf seiner theatralen Rundreise entdeckt Schauspieler Jonas Pätzold den Bodensee von einer ganz neuen Seite. Hier steht er am Konstanzer Hafen und lässt die bisherigen Auftritte Revue passieren. Bild: Kirsten Schlüter

„In Tettnang sind wir nur für den Bürgermeister aufgetreten, an anderen Orten hatten wir immerhin eine Handvoll Zuschauer", so Pätzold. Das waren allerdings die Stationen, an denen die beiden ihr Vorhaben nicht öffentlich angekündigt hatten. Wussten die Bewohner einer Gemeinde vorher Bescheid, kamen bis zu 50 Leute und waren begeistert. „Diese Leute gehen aber auch sonst ins Theater", sagt der gebürtige Berliner, der seit fünf Jahren in Konstanz lebt. „Wir wollten mit unserem Projekt ja gerade die anderen erreichen, die mit Schauspiel bisher wenig in Berührung kamen."

Angst vor dem Mitmachen-Müssen

Doch die kamen nicht. „Die Leute haben wohl Angst davor, mitmachen zu müssen", mutmasst Pätzold. „Die Vereinbarung, dass Theater im abgedunkelten Raum mit einer Bühne stattzufinden hat, ist vielen Menschen anscheinend wichtig." Auch für ihn und Philip Heimke bedeute der feste Rahmen natürlich Sicherheit. Normalerweise werden Stücke sechs Wochen lang geprobt, es gibt feste Abläufe, auf alle Fälle ein Publikum. Jeden Tag neu anfangen zu müssen, stellte die beiden vor eine grosse Herausforderung. Oft interessierten die Leute sich mehr für den Anhänger und den Panda als für die Kunst. Sobald geklärt war, ob es das Auto auch als Cabrio oder in Metallic gibt, gingen die Passanten von dannen – und liessen die Schauspieler frustriert zurück. Genauso wie diejenigen, die nur für zwei Minuten stehen blieben und sich ablenken liessen, sobald ein Motorrad vorbeifuhr. „Die Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer ist krass kurz", sagt Jonas Pätzold.

Manchmal waren die beiden Schauspieler auch ganz alleine - wie oben in Arbon. An anderen Orten wie in Radolfzell (siehe unten) kamen dann doch ein paar Menschen. Bilder: Bjorn Janssen/Christine Braun

Dabei haben er und Philip Heimke so viel zu bieten. Geprobt haben sie je fünfminütige Theaterszenen mit Texten von William Shakespeare, Heiner Müller, Eugène Ionesco und Kurt Schwitters, in die sie unterhaltsam einführen. „Romeo und Julia" funktioniert auch sehr gut in Schwimmreifen, haben die beiden Künstler festgestellt. Und immer, wenn es sich anbietet, verlassen sie das einstudierte Terrain und improvisieren. „Unser Spielerinstinkt lauert auf jeden Impuls, der von aussen kommt, um ihn dankbar aufzugreifen", sagt Jonas Pätzold. Das können Zwischenrufe aus dem Publikum sein oder auch die Neugier von Passanten. Für eine Familie, die in den Wohnwagen hineinschauen wollte, boten die beiden darin spontan eine Gruselmärchenstunde an. Jonas Pätzold ging nach einer verlorenen Wette mit Kleidung im Bodensee baden, Philip Heimke schlüpfte in ein übergrosses Erdbeerkostüm und besorgte für seinen Kollegen Gratis-Erdbeereis. „Wir führen auch mässige Zaubertricks auf, nur, um Zuschauer anzulocken", sagt Pätzold. Zu absurd dürfen ihre Aktionen aber auch nicht sein: „Der Grat zwischen Neugierigmachen und Überforderung ist schmal." Nach vielen Wochen im Campinganhänger, nach enttäuschender Resonanz, aber auch vielen befriedigenden Momenten, stellen die Künstler fest: „Als lebendige Installation funktionieren wir gut. Aber das, was wir eigentlich wollten, nämlich Interaktion mit dem Publikum und neue Fans fürs Theater zu gewinnen, hat nicht geklappt."

Alltag im Camper: Die beiden Schauspieler Jonas Pätzold und Philip Heimke in ihrem mobilen Übergangsheim. Bild: Bjorn Janssen

Dennoch möchten Jonas Pätzold und Philip Heimke ihre Erfahrungen nicht missen. „Wir lernen auf dieser Tour viel Neues über uns selbst und erkunden den schönen Bodensee intensiv. Allein dafür hat sich das Projekt 100 Mal gelohnt", schwärmt Pätzold. Einige Termine im Juli stehen noch an, sie sind alle angekündigt. „Dann schicken die Bewohner uns vielleicht auch nicht mehr die Polizei vorbei", sagt der Schauspieler und grinst. „An vielen Orten riefen besorgte Bürger dort an, weil sie dachten, wir würden illegal campen. Einmal vermutete eine Dame sogar, es seien Kinder involviert. Nur, weil wir ein gestreiftes Handtuch zum Trocknen aufgehängt hatten. Verrückt."

Über das Projekt

 

„Die Reifenprüfung" ist ursprünglich eine Idee von Christoph Nix, Intendant des Konstanzer Stadttheaters. Er hatte den Campingwagen gesehen und wollte damit losziehen. Nun überliess er Jonas Pätzold und Philip Heimke das Projekt, die es nach ihren eigenen Ideen ausschmückten – unterstützt von einer Dramaturgin. Jonas Pätzold plante die Route vier Wochen lang, suchte sich Plätze zum Schaupielen aus und holte die nötigen Genehmigungen ein. In der Schweiz machten die beiden in Romanshorn, Arbon, Rorschach und St. Gallen Station, es folgen Ermatingen (Mittwoch, 26. Juli, 14.30 Uhr, Schifflände), Stein am Rhein (Donnerstag, 27. Juli, 13 Uhr, Schifflände) und ein noch nachzuholender Termin in Kreuzlingen. Zum Abschluss der Tour ist das Duo am Freitag, 28. Juli, 18 Uhr, auf dem Konstanzer Münsterplatz zu sehen. Aktuelle Infos zum Projekt und allen Spielorten gibt es hier: https://die-reifenpruefung.tumblr.com (kis)

 

 

 

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