von Bettina Schnerr, 14.09.2020

Dem Herzschlag der Figuren folgen

Dem Herzschlag der Figuren folgen
„Ich war ein nur mittelmässiger Aufsatzschreiber“ erinnert sich Jens Steiner, der längst — wie die Rückmeldungen des Abends berichten — mit Kreativität und genauen Beschreibungen seiner Figuren punktet. | © Bettina Schnerr

Mit Jens Steiner als Gast lud das Literaturhaus Thurgau unter Leitung von Gallus Frei erstmals zu seinem neuen Format „Literatur am Tisch“ ein. Begleitet von einer Käseplatte bot sich die Gelegenheit zu einer sehr persönlichen Begegnung mit dem Autor. Geschichten aus dem Nähkästchen inklusive.

Ein bisschen früher da zu sein als andere lohnt sich bei vielen Gelegenheiten. Das gilt auch für eine Einladung ins Literaturhaus Thurgau, sollte „Literatur am Tisch“ auf dem Programm stehen. Nicht, dass die übliche Lesungszeit um 20 Uhr zu vernachlässigen gewesen wäre. Jens Steiner las im Speicher des alten Bodmanhauses Szenen seines aktuellen Buchs „Ameisen unterm Brennglas.“ Ein bisweilen sehr amüsantes Buch und selbst der Autor musste bei einigen Passagen spürbar grinsen. Doch wer früher da war, in diesem Fall bereits um 18 Uhr, durfte nicht nur die Ameisen, sondern auch Jens Steiner selbst ein wenig unterm Brennglas beobachten.

Ein knappes Dutzend LeserInnen hatte sich vorbereitet, einfach, indem sie den Roman zuvor gelesen hatten. Was sich praktisch als Vorteil ausgerechnet gegenüber Jens Steiner entpuppte. Der hatte seinen Roman vor dessen Veröffentlichung im August zum letzten Mal im März beim Lektorat chronologisch gelesen.

Mit dem Publikum auf Augenhöhe: Eine lebhafte Gesprächskultur mit Impressionen und Anekdoten kennzeichnet den Abend mit Jens Steiner. Bild: Bettina Schnerr

Mit dem Autor auf Augenhöhe

Statt getrennt auf der Bühne sass der Autor mit den LeserInnen an diesem Abend im losen Kreis bei Speis und Trank, eine fast familiäre Szenerie samt Kamin und Holzvertäfelung. Dieser Rahmen ermöglichte etwas, was bei Lesungen sonst nicht der Fall ist: Lebendige Rückmeldungen zum Lektüreerlebnis und persönliche Eindrücke bildeten den Rahmen, um mit Steiner über seine Motivation und seine Ideen zu diesem Buch zu sprechen. Um von und mit Jens Steiner direkt darüber zu sprechen, was Bilder in den Köpfen auslösen und wie nah Figuren ihren LeserInnen kommen können.

Denn sein Ziel, die Gesellschaft im Schweizer Mittelland zu portraitieren, ist ihm wohl gelungen. Dass sich die Leser in Steiners Figuren wiederfinden, hörte er nicht nur einmal. „Die Banalitäten, die einen im Alltag festhalten, kenne ich nur allzu gut,“ stellte eine Leserin fest. „Und es ist so gut zu sehen, dass sie in der Literatur ihren Platz haben. Das Leben besteht schliesslich nicht nur aus Höhepunkten.“ Die Wirkung klappt umso mehr, da Steiner sich die Personen quer durch alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten gesucht hat.

Podcast: Jens Steiner im Interview

Ein Flickenteppich voll lebensnaher Szenen

Und Steiner, auch das fiel auf, schaut seinen Figuren genau auf den Mund. „Wir sprechen in der Realität auch nicht so schlau und benutzen oft teils richtig dämliche Gemeinplätze,“ sagte er. Der Versuch, weltmännisch nachzudenken, endet bei seinen Figuren gelegentlich in Momenten der Überforderung. Die einzelnen Szenen fügt Steiner wie ein Teppichmuster, das erst am Ende seine konkrete Form verrät. Er bewegt sich wie ein Schauspieler zwischen den Personen, übernimmt den Rhythmus ihres Alltags, um alsbald zur nächsten Szene zu wechseln.

Die Geschichte hat ihren Ursprung auf einer Hochzeitsfeier, bei der sich Steiner sehr gelangweilt hatte: „Das war unglaublich spiessig und dieses merkwürdige Panoptikum wollte ich satirisch verarbeiten.“ Einiges strich er noch vor der ersten Zeile, aber die Keimzelle war vorhanden: „Satire alleine lässt allerdings keinen Platz mehr für andere Zugänge zu einer Figur,“ sagte Steiner. „Der Ansammlung von Klischees, dieser Bünzligkeit möchte ich mich so nähern, dass man die Figuren noch ernst nimmt und sich trotzdem ein bisschen drüber lustig machen kann.“

„Schreiben wäre langweilig, wenn alles nach Plan liefe.“ Im Anschluss an „Literatur am Tisch“ präsentierten Frei und Steiner den Roman ganz klassisch mit einer Lesung im grossen Speicher. Bild: Bettina Schnerr

Bünzligkeit unter der Lupe

Gallus Frei, der bei Lesungen typischerweise als Moderator wirkt, überlässt bei „Literatur am Tisch“ das Feld meist getrost den anderen. Das Gespräch entwickelte schon nach kurzer Zeit eine eigene Energie, einen flüssigen Wechsel zwischen den Wortmeldungen. So, wie Jens Steiner im Buch dem Herzschlag seiner Figuren folgt, so entspann sich an diesem Abend ein ganz eigener Herzschlag auch beim Gespräch über das Buch. Von Wasserglaslesungen sind solche Momente unbekannt und Frei führt mit dem neuen Format sehr anschaulich vor, warum er das „Gespräch mit Käseplatte“ ins Programm aufgenommen hat.

Wer die Fragerunden am Ende einer Lesung kennt, wo sich manchmal leider gar keiner zu Wort traut, dem fällt schnell auf, wie munter die Menschen in diesem kleinen Rahmen aufeinander zugehen. Was freilich oft daran liegt, dass die Buchlektüre für den Besuch einer Lesung nicht unbedingt nötig ist. Aber es liegt eben auch daran, dass die Autoren vom Publikum räumlich getrennt lesen und das Programm auf einen Soloauftritt zugeschnitten ist. Das neue Format erspielt sich an dieser Stelle einen klaren Punktevorteil. Die eigenen Fragen zum Werk ausführlich beantwortet zu finden, verleiht der Lektüre eine zusätzliche Tiefe. Ein Format, das auch Jens Steiner als Autor bereichernd findet: „Es ist spannend, so vielfältig über Bücher und vor allem das eigene Buch reden zu können!“

Weiterlesen: Jens Steiner - Ameisen unterm Brennglas; ISBN 978-3-7160-2790-5; 240 Seiten, gebunden; Arche Verlag Zürich, 2020

Porträt Jens Steiner auf Ansichten / SRF Schweizer Literatur https://ansichten.srf.ch/autoren/jens-steiner/

Gallus Frei, Programmleiter des Literaturhauses Thurgau, lud zum ersten Mal zu „Literatur am Tisch“, einer Gesprächsrunde, die Leser:innen und Autoren einen direkten und persönlichen Austausch ermöglicht. Bild: Bettina Schnerr

Reinhören: SRF 2 hat eine gekürzte Fassung des Romans vertont (Sprecher: Andri Schenardi)

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