von Brigitta Hochuli, 09.03.2011
DREI FRAGEN AN...

... Jacqueline Müller, Gemeindeammann von Pfyn, zu ihrem Dorf als Kulturhauptstadt der Schweiz und warum es dazu prädestiniert sein könnte.
Brigitta Hochuli
Frau Müller, am Sonntag erklärt Regierungsrätin Monika Knill Ihr Dorf für zwei Jahre zur Kulturhauptstadt der Schweiz. Was erwarten Sie von diesem Impuls? Glauben Sie, damit eine nationale Ausstrahlung zu erlangen?
Jacqueline Müller: Frau Regierungsrätin Monika Knill wird ein Grusswort des Kantons an uns richten. Den Titel ‚Kulturhauptstadt’ übernehmen wir vom ehemaligen Kulturminister Dominik Riedo und der Gemeinde Romoos und er wird uns bei der Auftaktveranstaltung symbolisch übergeben.
Natürlich ist unsere knapp 2000-Seelen-Gemeinde keine Stadt im herkömmlichen Sinne, aber unsere Gemeinde ist in vielerlei Hinsicht prädestiniert:
1. 5700 Jahre alte Kulturgeschichte – angefangen von den Pfahlbauern über die Römer bis zum Mittelalter.
2. grosses Potenzial aktiver Bürger, Vereine und Kulturschaffender (Beispiele: über 40 Vereine, anerkannte Kunstschaffende, das Museum, der historische Stationenweg, das über zehnjährige Kulturforum mit jeweils sieben Veranstaltungen im Winterhalbjahr).
3. die Bevölkerung hat bei der Gemeindeentwicklung „Pfyn 2020“ erkannt, dass Kultur ein wichtiges Merkmal unserer Gemeinde ist – früher, heute und in Zukunft.
Wir werden mit einigen Projekten sicher Aufmerksamkeit und Ausstrahlung über die Gemeindegrenze erlangen. Vor allem wollen wir aber herausfinden, wie wir diese Besonderheit für die Zukunft nutzen können.
Die Initiatoren Alex Meszmer und Reto Müller stellen das erste von zwei Jahren Kulturhauptstadt unter das Motto "fit werden". Gefragt seien unter anderem auch die Vereine und Bürger von Pfyn. Sind sie alle schon im Training? Und wenn ja, an welchen Geräten?
Jacqueline Müller: Wir haben die Bevölkerung am Neujahrsapéro informiert und aufgefordert, mit ihren Ideen die Kulturhauptstadtjahre mitzugestalten. Kürzlich fand eine Vereinsvorständesitzung statt, an der wir die Vereine ebenfalls umfassend informierten und geplante Projekte vorstellten. Es geht uns nicht darum, medienwirksame Eintagsfliegen zu produzieren, sondern die Bevölkerung von Anfang an in den Entstehungsprozess einzubinden und ein neues Bewusstsein zu schaffen. Pfyn als Kulturhauptstadt soll vor allem auch bei der Bevölkerung auf eine breite Akzeptanz stossen und von ihr mitgetragen und mitgestaltet werden. Im Januar hat das Kuratorium – die Koordinations- und Strategiegruppe für die beiden Kulturhauptstadtjahre – begonnen zu arbeiten; es besteht aus zwei Vertretern der politischen Gemeinde, zwei Vertretern aus der Bevölkerung, zwei Vertretern aus dem kulturellen Leben des Kantons und den Initiatoren. Dort fliessen die Ideen und Vorschläge zusammen – aber wir sind noch am Anfang. Vielleicht kann man es ja so sagen: einige stehen schon in den Startlöchern, einige trainieren schon und zum Teil bauen wir noch an den Trainingsgeräten...
Auf der Homepage der Gemeinde erfahren wir kein Wort zur Kulturhauptstadt, auf jener der Kulturhauptstadt selber sind gerade mal vier kommende Veranstaltungen aufgeführt, die auch ohne das nationale Label stattfinden könnten. Zur Auftaktveranstaltung wird man im Internet nur auf Facebook fündig. Ist das alles Konkrete? Oder wird Pfyn noch für Überraschungen sorgen?
Jacqueline Müller: Pfyn ist immer für eine Überraschung gut. Es stimmt zwar, dass auf der Homepage erst wenige Informationen und Hinweise zu finden sind - im Hintergrund wird aber fleissig gearbeitet und die Projekte nehmen immer mehr Gestalt an. Gleichzeitig sind wir aber auch offen für Initiativen und Vorschläge von Aussen. Die Kulturhauptstadt ist eine Plattform, über die wir einen regen Austausch pflegen wollen. Kultur ist für uns ein Standortfaktor, und wir fragen uns, wie wir als kleine Gemeinde diesen Standortfaktor nachhaltig einsetzen können.

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