von Maria Schorpp, 07.08.2026
Ein Dinosaurier im Überlebensmodus

In Florian Rexers Fassung von Molières «Der Geizige» ist Geiz alles andere als geil. Bei den diesjährigen Schlossfestspielen in Hagenwil darf man bei aller Sommertheater-Leichtigkeit auch in Abgründe schauen. (Lesedauer: 4 Minuten)
Ziemlich eklig ist die Szene, wie Häberli anweist, die Nüsse aus der abgelaufenen Schokolade zu picken, um sie wiederzuverwenden, und Sohn Clemens sie sich in den Mund steckt und so, von der alten Schokolade gereinigt, in eine Schüssel legt. Aus der sich die Anderen ahnungslos bedienen. Die Schokolade wird der Schokoladenfabrikant natürlich einschmelzen und mit einem neuen falschen Ablaufdatum versehen lassen.
Geiz ist eklig
In der Tat: Geiz ist eklig. Ob sie zwingend in Zusammenhang mit Gier daherkommt, kann hier nicht geklärt werden, es spricht jedoch einiges dafür. Bei Hermann-Hans Häberli ist es jedenfalls so. Geiz und Gier dominieren seinen Charakter bis hin zur Besessenheit. Bruno Riedl gibt seinem Häberli auf der Bühne der Schlossfestspiele Hagenwil eine Menge bedenkenswerter Facetten mit. In seinem – natürlich – grauen Anzug (die kontrastreichen Kostüme sind von Barbara Bernhardt) darf man der fesselnden Studie einer Persönlichkeitsdeformation beiwohnen.
Häberli heisst nur in Florian Rexers Fassung von Molières «Der Geizige» so. Im Original der Komödie aus dem 17. Jahrhundert heisst selbiger Harpagon und liefert mit seinem Namen bis heute eines der Synonyme für diesen unerquicklichen Menschenschlag. Regisseur Rexer hat sich unglaubliche Volten einfallen lassen, um die Erscheinungsformen dieses biblischen Lasters ins Bild zu setzen: Da erzählt der superreiche Häberli, wie er – Ekelalarm Nummer zwei – eine Briefmarke vom Gaumen seines Mitarbeiters Fritz abkratzt, um sie vor dem Verschlucken und für die Weiterverwertung zu retten. Oder er verspeist ein in die Jahre gekommenes Joghurt, was dann immerhin auch für ihn Folgen hat. Zumindest, was sein Magen betrifft, ist er doch noch ein Mensch.
Das Monströse in der Kleinheit
Solche radikalen Überzeichnungen zeigen – in Molières Sinne – gerade in ihrer Kleinheit das Monströse, die Gefangenschaft Häberlis in seinem eigenen, zwanghaften Leben. Im Schrank ist sein Angestellter Fritz eingesperrt, der für den Strom in der Fabrik in die Pedale tritt. Erwin Hitz wird noch seinen grossen Auftritt haben. Das Raffen hat auch System, und man denkt unwillkürlich an Zeitgenossen, deren Ehr-Geiz es ist, mit ihrem Vermögen die Billionenmarke zu reissen. Bei Häberli sind es 100‘000 Franken in Gold. Es ist ein Vergnügen mit Schaudern, diesem sehr trockenen Humor hinter Bruno Riedls Charakterstudie beizuwohnen. Wenn Häberli die Klappe öffnet, um seine Geldkiste zu verstecken, scheint sich ein Höllenschlund aufzutun.
Trocken und sehr schwarz ist der Humor in der diesjährigen Inszenierung der Hagenwiler Schlossfestspiele, was ihren Protagonisten betrifft. Zumal Riedl diesem in seiner Kleinheit so arroganten wie blasierten Tyrannen noch eine kräftige Portion Narzissmus mitgibt. Das kann so dominant werden, dass die anderen Mitspielenden ihr ganzes schauspielerisches Können aufbieten müssen, um dagegenzuhalten. So Anja Brühlmann und Christoph Heusser als Tochter Elsa und Sohn Clemens, die Häberli völlig empathielos in Ehen seiner Wahl zwingen möchte, und zwar als kostengünstige Investition.
Das spielfreudige Ensemble: (v. l.) Mary Santella, Mischa Löwenberg, Anja Brühlmann, Bruno Riedl, Christoph Heusser, Bigna Körner und Erwin Hitz. Bild: Reto Martin
Heimlich sind sie schon verbandelt
Er selbst hat sich als Witwer die schöne junge Marianne ausgesucht. Bigna Körner verkörpert die blütenreine Unschuld, und das glaubwürdig. Ihre Marianne ist heimlich mit Sohn Clemens verbandelt, während Tochter Elsa und Häberlis Oberverwalter Valentin Wyss sich gleichfalls ohne Wissen des Familienoberhaupts lieben. Mischa Löwenbergs Rolle als vermeintlich angepasster Ja-Sager setzt dem dunklen Humor Riedls strahlende Lebensenergie entgegen. Manchmal ziemlich klamaukig, geschuldet wohl der von einem Sommertheater erwarteten Leichtigkeit.
Einen ebenbürtigen Gegenpart zu Häberlis Dominanzgebaren liefert die mit viel Spielwitz agierende Mary Santella als Kupplerin Frosine, die dem Gauner zuerst Geld – vergeblich – dann per List und Tücke Zugeständnisse bei den Eheschliessungen seiner Kinder abzutrotzen versucht. Sie ist das Kraftfeld, das Häberli an seinen Schwächen packt und aus sich herauslockt, um überwältigt zu werden. So meisterlich intrigant wie pragmatisch lösungsorientiert sie ist. Wenn ihre Klientel, die Jungen, ihren Listen auch nicht gewachsen sind.
Jetzt ist Geld zum Ausgeben da
Florian Rexer hat Molières Harpagnon alias Häberli als Schokoladenfabrikant in der Schweiz der 1950er Jahre angesiedelt, genauer: im Thurgau. Bühnengestalter Peter Affentranger fängt die Atmosphäre in dem in muffigem Möbelbraun gehaltenen Büro mit Blick in die Fabrikhalle auch als Bildnis dafür ein, dass die Häberli-Welt eigentlich angezählt ist – in Zeiten, in denen das Schweizer Wirtschaftswunder losgeht und das Geld in vollautomatische Waschmaschinen und Stabmixer zu fliessen hat. Kann man alles im lesenswerten Programmheft nachschlagen. Geld ist nun zum Ausgeben da. Da bekommt Häberli noch eine zusätzliche tragische Facette als Dinosaurier, der dem Untergang geweiht ist.
Andererseits aber auch wieder nicht. Wenn man zuschaut, was er ist ohne seine Geldkassette, nämlich ein Häuflein Elend, dann ist man schnell wieder bei den Möchtegern-Billionären unserer Zeit. In der Komödie siegt nach einigen Turbulenzen das Gute. In der Wirklichkeit befindet sich der Dino Häberli im Überlebensmodus, gerade wegen seiner Geld- sprich Machtgier. Bis auf Weiteres zumindest. Das Publikum applaudierte der Premierenvorstellung etwas nachdenklicher als in der Vergangenheit schon. Auch ein Sommertheater darf mal in Abgründe schauen. Spass gibt’s trotzdem genug.
Schlossfestspiele Hagenwil «Der Geizige»
Weitere Vorstellungen bis 5. September 2026: www.schlossfestspiele-hagenwil.ch
Die jährlich verliehene Goldene Glocke für besondere Verdienste um die Hagenwiler Schlossfestspiele ging 2026 an Stephan Häuselmann vom Vereinsvorstand (rechts). Übergeben hat sie Vereinspräsident Karls Spiess (links). Bild: Reto Martin

Von Maria Schorpp
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