von Maria Schorpp, 17.08.2026
Mein neues Leben als Céline Dion

In «James Brown trug Lockenwickler» spielt Theaterautorin Yasmina Reza mit der Identitätsfrage, und die Theaterwerkstatt Gleis 5 wirft in ihrer Sommertheater-Inszenierung einen so amüsanten wie mitfühlenden Blick auf die Menschen, die damit umgehen müssen.
Diese Eltern kann man verstehen. Pascaline und Lionel haben eine Leidensgeschichte – nicht hinter sich, sondern sie stecken mittendrin. Man kommt sich fast gemein vor, es amüsant zu finden, wie sie der Psychiaterin die Céline-Dion-Werdung ihres Sohnes Jacob schildern: Wie vom Blitz getroffen ist der Fünfjährige, als er die kanadische Popsängerin zum ersten Mal im Autoradio singen hört. Dann Kauf sämtlicher Alben, Poster usw. – normales, wenn auch sehr jung einsetzendes Fanverhalten, bis die Eltern zu Konzerten eingeladen werden, ins Kinderzimmer ihres Sohnes, wo Jacob gekleidet als Céline Dion zum Playback performt.
Mit der für Yasmina Reza typischen hintergründigen Leichtigkeit wird hier von Dingen berichtet, die das Zeug haben, das Leben von Menschen tief zu erschüttern. Für das französische Allerwelts-Paar ist der Identitätswechsel ihres Sohnes eine Ungeheuerlichkeit, mit der die beiden umzugehen haben. Irgendwann sprach Jacob nur noch mit Céline-Dion-Stimme, inklusive Québecer Akzent. Und er nannte die Eltern nicht mehr Maman und Papa, sondern mit ihren Vornamen. Interessante Frage der Psychiaterin: Was stellen die beiden nun für Jacob dar?
Ohne die grossen Knalleffekte
Schade, dass der Frage nicht weiter nachgegangen wird. Dafür bleibt Yasmina Rezas bislang letztes Stück aus dem Jahr 2023 zu sehr der Leichtigkeit verpflichtet. Aber vielleicht ist die Ratlosigkeit der beiden als Reaktion auf die Frage schon die Antwort. Was Leichtigkeit betrifft: ein Fall für eine Sommertheater-Inszenierung. Und auch wieder nicht, angesichts der vielen Dialogszenen. Die diesjährige Produktion der Theaterwerkstatt Gleis 5 wagt mit «James Brown trug Lockenwickler» eine Inszenierung ohne die grossen Knalleffekte. Trotz Open Air können auch die leiseren und poetischeren Passagen bestehen im heimeligen Greuterhof in Islikon.
Die Lockenwickler, die im Titel des Stücks der Soul-Ikone James Brown gewidmet werden, finden sich auf der in einzelne Szenen-Inseln aufgeteilten Innenhofbühne in Jacobs Haaren wieder. Inzwischen befindet er sich in der Psychiatrie. Oder sollte man nun „sie“ sagen?
Hanna Antonia Füger spielt ihn/sie unter der Regie von Giuseppe Spina so, als ob Jacob endgültig in der Welt von Céline Dion angekommen sei, ein scheinbar unbeschwerter junger Mensch nach erfolgreich abgeschlossener Selbstfindungsphase und mit Drang zur künstlerischen Selbstdarstellung. Seine bzw. ihre Eigenkomposition hat, wie sie von den beiden zuständigen Musikern Simon Hagmann und Mattia Leonetti arrangiert wurde und von Füger intoniert wird, künstlerische Qualität, eher vertonte Karikatur als Sommertheater-Hit.
Verzweifelte Ringen um Normalität
Das verzweifelte Ringen um die Norm beherrscht diese Menschen. Selbst noch Jacob als Céline Dion und der in seine Schuhe verliebte Freund Philippe, der sich als weisser Mann schwarz identifiziert und sich persönlich angegriffen fühlt, wenn er Diskriminierung der schwarzen Community wittert. Ihre Suche nach einer neuen Identität, die auch vor kultureller Aneignung nicht haltmacht, in die Psychiatrie zu verlegen, kann durchaus als Provokation der Autorin verstanden werden. Unter Spinas Regie allerdings ist die Klinik eher Schutzraum als Fitnesseinrichtung für instabile Mitmenschen. Hanna Antonia Füger und Bejo Christen sind ein liebevoll inszeniertes Duo in ihrer schrägen Hypersensibilität, die sowohl Zahnspangen als auch nicht normgerecht wachsende Balkonpflanzen fokussiert.
In sich hat es der glühende Vortrag der Psychiaterin über die beiden Schwestern von Aschenputtel im gleichnamigen Märchen. Anja Martina Schärer spielt ihre Rolle so gender- wie modebewusst (Kostüme von Joachim Steiner) und weiss die Fallen uralter Rollenklischees zu umgehen. Die beiden Märchenschwestern, die mit Gewalt in den Schuh passen wollen, den der Prinz ihnen hinhält, und sich dafür Zeh und Ferse abschneiden, sind für sie bemitleidenswerte junge Frauen. Was nicht passt, muss passend gemacht werden. Was ihnen aber auch nicht hilft, sie genügen einfach dem Schönheitsideal nicht. Eigentlich nicht schlecht, diese Interpretation als Zeitdiagnose.
Gefangene in sich selbst
Sichtlich überfordert und in ihrem Weltbild erschüttert wirken eigentlich nur die Eltern Pascaline und Lionel auf der Bühne des Greuterhofs, die wieder die Fensterpassage des angrenzenden Gebäudes für effektvolle Auftritte nutzt (Lichtdesign von Marco Oliani). Sabina Deutsch und Peter Niklaus Steiner verschaffen diesen Normalos besondere Aufmerksamkeit, indem sie ihnen eine grosse emotionale Bandbreite mitgeben, ohne sie auf ihre Vorurteile zu reduzieren. Sie machen sichtbar, was diesen funktionstüchtigen Menschen fehlt – die Kraft, ihre wahren Befindlichkeiten ernst zu nehmen und auszusprechen, geschweige denn, zu neuen Ufern aufzubrechen. So werden sie verdruckst und verstecken mangelndes Selbstwertgefühl hinter vermeintlicher Höflichkeit und Rücksichtnahme. Gefangene in sich selbst.
Die Identitätsfrage betrifft uns alle, könnte man dem entnehmen. Und vielleicht haben Jacob/Céline und Philippe sie am ehesten bereits gelöst, in dem sie ausgebrochen sind. Solch aufgeschlossene Sicht auf die Menschen ist quasi der Leitfaden dieser Inszenierung, wunderbar umgesetzt vom Ensemble. Amüsant, berührend, manchmal vielleicht doch etwas zu viel der Worte. Aber dafür gibt es auch solche Szenen wie die mit Bejo Christen, der aus einem kleinen Fenster der rückwärtigen Hauswand heraus das Publikum mit einem Song überwältigt.
James Brown trug Lockenwickler
Das Sommertheaterstück der Theaterwerkstatt im Greuterhof in Islikon ist noch bis zum 29. August 2026 zu sehen. Weitere Informationen gibt es hier: www.theaterwerkstatt.ch.

Von Maria Schorpp
Weitere Beiträge von Maria Schorpp
- Ein Roadtrip ins Glück (12.08.2026)
- Ein Dinosaurier im Überlebensmodus (07.08.2026)
- Ein Piratenschiff am Bodenseeufer (13.07.2026)
- „Es ist schön, das Schreiben“ (25.06.2026)
- Krawall und Remmidemmi (26.06.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Bühne

