von Maria Schorpp, 12.08.2026
Ein Roadtrip ins Glück

Die Märcheninszenierung bei den diesjährigen Schlossfestspielen Hagenwil fragt, wie es aussehen könnte, wenn wir alle ein «Hans im Glück» wären.
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinem, im Märchen «Hans im Glück» gehe es um den Mechanismus des Tauschhandels. Gibst du mir das, kriegst du jenes. Kindgerechte Einführung in eine frühzeitliche Wirtschaftsform, bevor es Geld gab. Wenn das so wäre, müsste man leider sagen, dass der Hans nichts kapiert hat. Da hat er diesen fetten Goldklumpen, von dem er ein Luxusleben führen könnte, von weiteren Geschäftsideen ganz abgesehen, und er tauscht ihn gegen ein banales Pferd. In Wirklichkeit ist es sogar nur ein Pony namens Harvey, das Pferd sein möchte und höchst empfindlich reagiert, wenn es als Pony bezeichnet wird. Da geht es schon los mit diesen gewitzten Ideen, die bei den Hagenwiler Märcheninszenierungen alljährlich zu erleben sind.
Das Pony (rechts), das ein Pferd sein will: Sujit Kuruvilla im Kampf mit Deborah Loosli und Mischa Löwenberg. Bild: Reto Martin
Hat man in der Märchenfassung der Gebrüder Grimm stark den Eindruck, dass sich Hans über den Tisch ziehen lässt, so sieht das im Wasserschloss in Hagenwil ganz anders aus. Hier können beide Seiten glücklich und zufrieden sein mit dem, was sie haben und bekommen (ganz im Sinne des Tauschhandels). Mischa Löwenberg ist die Idealbesetzung für diesen Hans mit der grossen Begabung zum Glück. Wie empathisch er die Kinder in die Welt mitnimmt, die ganz anders ist als die gegenwärtige, eröffnet Vorstellungsräume, wie es auch sein könnte. Das sollen Märchen auch sein.
Der Rabe als diebische Elster
In der «Hans im Glück»-Inszenierung von Regisseur Florian Rexer bekommen die Figuren ein Eigenleben samt Eigennamen, einschliesslich der Puppen, die etwa die Gans Martha oder die Katze Frieda darstellen. Die Katze gibt’s in der Grimmschen Fassung nicht, auch das Geisslein Lena kommt nicht vor, sie erweitern nichtsdestotrotz das Spektrum an gestandenen tierischen Persönlichkeiten erheblich. Rabe Felix, ebenfalls ein Neuzugang, wehrt sich gegen das Vorurteil, seinesgleichen brächten Unglück, dafür erfüllt er das Bild von der diebischen Elster, indem er den Menschen ständig die Brillen klaut.
So auch dem Bauern, der Hans seine sieben Jahre Arbeit sehr fair mit besagtem Klumpen Gold bezahlt. Sujit Kuruvilla, erstmals in Hagenwil zu sehen, kann nicht nur als kurzsichtiger Farmer überzeugen, sondern schafft im Laufe der knapp einstündigen Vorstellung auch als Pony Harvey oder Kuh Alma Vergnügen. Die Kostüme und Masken von Barbara Bernhardt und Tatjana Mahr sind famos und bringen vor den gemalten ländlichen Tableaus des Bühnenbilds von Peter Affentranger auch immer wieder den Elternanteil unter dem Publikum zum Lachen. Bezaubernd sind sie allesamt ohnehin.
Nur von der verschnarchte Moni ist Hans etwas enttäuscht
Da tauscht also dieser glückliche Hans auf dem Weg nach Hause zur Mutter ein ums andere Mal so ein Tierchen gegen ein anderes, das vermeintlich weniger wert ist. Im ökonomischen Sinne. Hans sieht das anders. Für ihn sind alle gleich liebenswert, und je nach Sichtweise bieten sie ihm diesen und jenen Vorteil. Auf dem Pony, pardon: Pferd, lässt sich gut vorankommen, eine Kuh liefert Milch und in der Weiterverarbeitung Käse, meistens zumindest. Dass die bereits betagte Kuh Alma dazu nicht mehr taugt, kann er aber auch verstehen. Erst als das Säulein Moni sich als verschnarchte Langweilerin erweist, wirkt er etwas enttäuscht. Deborah Loosli hat viel Gespür für das Nachwuchspublikum und sowohl als Moni wie als Vroni und in sonstigen Rollen einen grossen Anteil am Märchenspass.
Der ideale Tauschhandel, immer kann jemand etwas gebrauchen, was der andere hat. Und am Ende seines Roadtrips ist Hans froh, dass er grad mal noch einen Wetzstein besitzt, den er in der Tasche unbeschwert mit sich herumtragen kann. Besitz belastet. Heile Welt? Im Erwachsenen-Sprech heisst es: In einer idealen Welt wäre das so und so, womit gesagt werden soll, dass es hier und jetzt gerade nicht so ist. In der Welt des glücklichen Hans ist es aber genau so, ein Gegenentwurf zur Realität, in der alles einen Preis hat.
Die Kinder scheinen kein Problem damit zu haben, die Wunschvorstellung vom Glück, das buchstäblich auf der Strasse liegt, zumindest vorübergehend als Wirklichkeit anzunehmen. Glück ist, mit offenen Augen durchs Leben zu gehen und es einfach aufzuheben. Mischa Löwenberg schliesst mit dieser Empfehlung ab. Ganz unpädagogisch. Kam sehr gut an.
«Hans im Glück» bei den Schlossfestspielen Hagenwil
Weitere Vorstellungen mit Vorprogramm eine Stunde vor Vorstellungsbeginn: 12. August, 16. August, 19. August, 23. August, 26. August und 2. September 2026.
Mehr Informationen gibt es hier: www.schlossfestspiele-hagenwil.ch

Von Maria Schorpp
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