von Inka Grabowsky, 01.10.2026
«Ein spektakuläres Thurgauer Kulturgut»

Vor 281 Jahren zeichnete ein Kartäusermönch eine 16 Quadratmeter grosse Karte des Herrschaftsbereichs des Klosters in Ittingen. Jetzt ist sie zum ersten Mal öffentlich zu sehen. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Mit 3,2 mal 5 Metern beherrscht die monumentale Ittinger Güterkarte den Gewölbekeller der Kartause. «Es ist ein spektakuläres Thurgauer Kulturgut», sagt die stellvertretende Leiterin der Museen in der Kartause, Stefanie Hoch. «Kurator Felix Ackermann ist es gelungen, es für einmal zurück an seinen Entstehungsort zu holen.» Der Kurator gibt das Kompliment weiter: «Ich bin dem Thurgauer Staatsarchiv, das die Karte bewahrt und restauriert hat, überaus dankbar für die Zusammenarbeit.»
Das Werk bestand ursprünglich aus Papierblättern, die zu sieben Bahnen zusammengeklebt wurden. Nach der Auflösung der Klöster und dem Verkauf des Areals an Privatbesitzer wurden sie im späten 19. Jahrhundert auf Leinwand aufgebracht. «Es muss damals eine Art Leporello gewesen sein», mutmasst Ackermann.
Nun haben Experten vom Staatsarchiv dickes Japanpapier auf den Rückseiten der Leinwand befestigt und die Streifen mit Nadeln vorsichtig an die Ausstellungswand gepinnt. «Der Erhaltungszustand ist hervorragend für eine Papierarbeit aus dem Jahr 1745», sagt der Kurator. «Die Farben sind nicht ausgeblichen. Offenkundig wurde sie selten genutzt, auch wenn sie als Verwaltungsinstrument gedacht war.»
Kartografie auf Höhe der Zeit
Die Arbeit, die der Kloster-Procurator Josephus Wech geleistet hat, ist beeindruckend. «Er entschuldigt sich trotzdem für Ungenauigkeiten, weil er nicht jede Messung im Feld selbst habe durchführen können», so Ackermann. Der Vergleich der historischen Zeichnungen mit einer Karte von 1890 und einem Luftbild von 2025 lässt allerdings nicht viele Fehler erkennen.
Auf der Rückseite der Ausstellungswand kann man Projektionen übereinanderlegen und in die Karte hineinzuzoomen. Auffällig ist, dass die Thur längst nicht mehr so mäandern darf wie früher, sondern einem begradigten Kanal gleicht. Ausserdem scheint die historische Karte schief im Raum zu hängen. «Wech hat sich am magnetischen Nordpol orientiert. Das gab sein Kompass vor. Heute nutzen wir den geografischen Nordpol.»
Ein Kontrollfreak
Über den Menschen Josephus Wech ist nicht viel bekannt. Er stammt aus einer Konstanzer Patrizierfamilie und lebte von 1702 bis 1761. Was ihn bewog, ins Kloster zu gehen, bleibt im Dunklen. Ein Widmungsgedicht auf der Karte belegt aber, dass er erinnert werden wollte. «Normalerweise werden Repräsentationsobjekte geschaffen, um nach aussen zu wirken. Hier haben wir den seltenen Fall, dass jemand nach innen – nur innerhalb einer kleinen Gemeinschaft - repräsentieren wollte», erklärt der Kunsthistoriker.
Aus den ausführlichen Anweisungen, die Procurator Wech seinen Untergebenen schriftlich gab, lassen sich einige Rückschlüsse auf seinen Charakter ziehen. Einige der Verwaltungshandbücher, in denen Wech seine Erfahrungen bei der wirtschaftlichen Führung der Kartause an seine Nachfolger weitergibt, sind ebenfalls Teil der Ausstellung. «Er war herausragend in der Professionalisierung der Verwaltung, pingelig bei der Überwachung der Zehnt-Einnahmen und sehr misstrauisch gegenüber den zinspflichtigen Bauern.» Und er war nicht unumstritten.
Den Zehntknechten, die für das Kloster von Bauern Zinsen für Darlehen einzutreiben hatten, schärfte er ein, die katholischen Schuldner an die Zahlung zu erinnern. Bei reformierten Bauern sollte sie das explizit nicht tun. Der Hintergedanke: Wenn Schulden nicht bezahlt wurden, konnte das Kloster den Hof einziehen – und dann an einen katholischen Bauern vergeben.
«Jemand hat später ‹Non decet - Das gehört sich nicht› als Anmerkung an diese Zeilen geschrieben», so Ackermann. (Nachzulesen hier)
Landkarten als Kunstwerke
Die Sonderausstellung der historischen Karte im Ittinger Museum wäre für sich allein schon einen Besuch in der Kartause wert, doch der Ort bietet mehr Möglichkeiten. In der Etage über dem Gewölbekeller hat Kunstmuseum-Kuratorin Miriam Edmunds zeitgenössische Werke zum Thema Kartografie zusammengetragen. «Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden» hat sie als Titel gewählt. «Karten sollen Orientierung geben», erklärt sie. «Ich habe das frei interpretiert und zeige Positionen zur Frage, wie Menschen ihren Platz in der Welt suchen.»
Auf der Empore sind deshalb Sus Zwicks Video-Interviews mit Frauen zum Älterwerden zu sehen – entstanden als Langzeitstudie über 26 Jahre. Zum Titelbild der Ausstellung avanciert ist Esther Ernsts Übersichts-Zeichnung aus Mürren mit dem Titel «d'obe luftet's». «Mit seinem Hotel und Kräutergarten passt einfach perfekt zu uns nach Ittingen mit unserem Hotel und unserem Kräutergarten», so die Kuratorin mit einem Lächeln.
Für Michael Golz liefert die Landkarte seines imaginierten Athoslandes eine Auslegeordnung. Seit den sechziger Jahren gestaltet er seine eigene Welt bis hin zum kleinsten Detail. Den Tagesablauf seiner Einwohner etwa kann man als Comicstrip nachvollziehen.
Die Thurgauerin Rahel Müller zeigt in ihren Collagen aus altem Kartenmaterial wie vergeblich es ist, die Realität in einer Grafik abzubilden. «In dem Augenblick des Druckens hat sich die Wirklichkeit schon verändert. Eine Karte kann nicht aktuell sein», sagt Kuratorin Edmunds.
Auf der Wand gegenüber ist eine grossformatige Weltkarte von François Burland zu sehen. Er zeigt anhand von gezeichneten Käselaiben, wo überall die Schweiz indirekt vom Sklavenhandel profitierte.
Berührend ist der gezeichnete Lagerplan eines Camps für geflüchtete syrischen Kurden im Nordirak auf der interaktiven Internet-Plattform «Refugee Republic». «Es ist eher ein Projekt als ein Kunstwerk», räumt die Kuratorin ein. Die Besucher können sich anhand der Karte durch die englisch-sprachige Website klicken, Interviews, Gedichte, Lieder hören und so miterleben, wie sich das Flüchtlingslager Domiz zu einer eigentümlichen Stadt mit rund 40.000 Einwohnern entwickelt.
Ittinger Synergieeffekte
Interims-Direktorin Stefanie Hoch freut sich über die parallelen Ausstellungen: «Anhand ihrer sieht man wieder einmal, wie sehr es Sinn macht, das Kunstmuseum an diesem zwar etwas abgelegenen, aber einzigartigen Ort zu haben. Nur so sind solche Verbindungen von historischen Zeugnissen mit aktuellen Fragestellungen möglich, die Geschichte und Gegenwart miteinander zum Schwingen bringen.»
Die Ausstellungen: «Die Ittinger Güterkarte von 1745» und «Vom Verlieren und (sich) Wiederfinden»
Beide Ausstellungen laufen bis zum 20. Dezember 2026
Rahmenprogramm:
20. Oktober, 18.45 Uhr: Referat und Gespräch mit der Psychologin Stephanie Karrer zu «Sich in anderen finden»
25. Oktober, 11.45 Uhr: Rundgang durch die Güterkarte-Ausstellung mit Felix Ackermann
10. November, 18.45 Uhr: Vortrag «Josephus Wech und die Waldwirtschaft» von Felix Ackermann
15. November, 11.45 Uhr: Führung durch «Vom Verlieren und (sich) wiederfinden» mit Miriam Edmunds
27 November 14 -16 Uhr und 28. November 10 -14 Uhr: «Spuren des Wiederfindens» Performance mit der TanzNetz Thurgau

Von Inka Grabowsky
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Warth, Kartause Ittingen
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