von Stefan Böker, 13.02.2020

Ein Tempel für das Automobil

Ein Tempel für das Automobil
Die Autobau Erlebniswelt in Romanshorn feiert das Automobil als Wunderwerk von Technik und Design. | © Autobau Erlebniswelt

Seit mehr als zehn Jahren präsentiert die Autobau Erlebniswelt in Romanshorn seltene Autos als Wunderwerke der Technik und des Designs. Die Frage ist: Passt ein solches Museum noch in die Zeit der Klimakrise?

«Für mich ist das Auto ein Kulturgut», erklärt Fredy Lienhard. «Sicher, Mobilität ist im Wandel. Vielleicht wird es den Verbrennungsmotor eines Tages gar nicht mehr geben. Aber selbst dann wäre es umso wichtiger, unsere Ausstellung aufrecht zu erhalten.» Lienhard wurde 2018 Geschäftsführer der Autobau AG, gab diesen Posten Ende 2019 an seine Mitarbeiterin Yvonne Stütz ab und ist heute als Verwaltungsrat und Kurator der Erlebniswelt tätig.

Er sorgt dafür, dass es jedes Jahr einige neue Autos zu sehen gibt. Der Gang durch die Ausstellung soll lehrreich und unterhaltsam sein. Vom Alltagswagen bis zum aktuellen Formel-1-Boliden reicht die Bandbreite.

Lienhards Begeisterung wirkt ansteckend, wenn er die Schmuckstücke auf vier Rädern vorführt. Einen schwarzen Ford GT40 etwa, Leihgabe des Schweizer Rennfahrers René Herzog, mit dem die Neuseeländer Chris Amon und Bruce McLaren 1966 das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewannenl – ein Stück Rennsportgeschichte, die es im Film «Le Mans 1966 – Gegen jede Chance» auf die Kinoleinwand geschafft hat und gerade mit zwei Oscars (Bester Filmschnitt, Bester Tonschnitt) belohnt wurde.

Hochglänzender Kraftprotz: Eines von vielen schicken Autos, die man in Romanshorn bestaunen kann. Bild: Autobau Erlebniswelt

Der Gründer des Museums ist eine lebende Legende

Lienhard ist früher selbst Rennen gefahren, leitete eine Fahrschule am Nürburgring und ist Teilhaber einer Firma, die Rennwagen vermietet. Die Leidenschaft für schnelle Autos wurde ihm in die Wiege gelegt: sein Vater Fredy Lienhard Sr. ist einer der bekanntesten Schweizer Rennfahrer, ein erfolgreicher Unternehmer und grosser Förderer des Motorsports.

Der Vater hat schon alles gelenkt: von selbst gebauten Karts über Tourenwagen bis hin zu Formel-Rennwagen. Der Grundstein der Autobau-Ausstellung bildet seine private Sammlung, die er nach mehreren Anfragen von Schulen ab 2009 auch der Öffentlichkeit zugänglich machte. Er besitzt mehr als 120 Autos.

«Wir sind keine Dinosaurier, die den Verbrennungsmotor feiern.»

Fredy Lienhard, Verwaltungsrat und Kurator der Erlebniswelt (Bild: Stefan Böker)

In der Autobau-Ausstellung nehmen Rennwagen den grössten Teil ein. Eine ganze Etage ist dem Schweizer Rennstall Sauber gewidmet. Zehn Formel-1-Fahrzeuge stehen hier, auch das Modell C20, mit dem die Fahrer Kimi Räikkönen und Nick Heidfeld 2001 den 4. Platz in der Konstrukteurswertung erreichten.

Aber ist Autorennen noch ein zeitgemässer Sport? «Natürlich», sagt Lienhard. «Viele Innovationen, die zu mehr Sicherheit, aber auch Wirtschaftlichkeit im Alltagsverkehr führten, hatten im Motorsport ihren Ursprung. Die Klimadebatte hat die Leute sensibilisiert, das wirkt sich aus. Aber schon immer wurden dort neue Technologien entwickelt. Ausserdem ist der Rennzirkus ein gutes Marketingtool, um moderner Technologie mehr Akzeptanz zu verschaffen.»

Als Audi 2006 erstmals mit einem Diesel Le Mans gewann, habe die Firma ihren Absatz in Amerika vervielfachen können. Mittlerweile tüftelten die Konstrukteure an Wasserstoff betriebenen Rennautos. Ein solches Exemplar für die Ausstellung zu gewinnen, sei allerdings noch nicht möglich, so Lienhard. «Da geht die Geheimhaltung vor, die Hersteller wollen ihr Know-How schützen.»

«Die Autos werden regelmässig bewegt, aber nur wenige Kilometer, um Standschäden zu vermeiden.»

Fredy Lienhard, Kurator der Autobau Erlebniswelt

Wer zur Autobau-Erlebniswelt kommt, fährt eher Auto als Fahrrad – diesen Schluss legt zumindest die Homepage des Museums nahe. Lange Textpassagen erklären dort detailliert, wie Autofahrer aus Zürich, St. Gallen, Winterthur oder Kreuzlingen ans Ziel gelangen, für sie ist wirklich jede Abzweigung erwähnt, und für deutsche oder österreichische Besucher gleich nochmal extra.

Nur wer bis ganz nach unten scrollt, findet auch eine Wegbeschreibung via öffentlichem Verkehr. «Nur 12 Minuten vom Bahnhof und Hafen Romanshorn entfernt», steht dort. Gibt es denn Pläne, dass Museum in einer Weise zu ergänzen, die der Klima-Frage Rechnung trägt?

Auch zu sehen: ein orangefarbener Porsche in der Autobau Erlebniswelt Romanshorn. Bild: Stefan Böker

Ein Motto des Museums: Bratwurst, Bier und Boliden

«Wir sind keine Dinosaurier, die den Verbrennungsmotor feiern und uns Neuem verschliessen», sagt Lienhard. «Ich sehe bezüglich der Klimafrage darum gar keinen Konflikt. Autobau besitzt ein wasserstoffbetriebenes Auto, welches ich auch gerne fahre, wir wollen eine Wasserstofftankstelle installieren, haben bereits eine Tanksäule für Elektroautos vor dem Haus und auf dem Dach Solarzellen. Und Lärm oder Abgase produzieren wir auch nicht. Die Autos werden regelmässig bewegt, aber nur wenige Kilometer, um Standschäden zu vermeiden, viele Rennwagen gar nicht mehr. Das gesamte Museum macht im Jahr wahrscheinlich weniger Kilometer als ein einzelner Privatwagen.»

Ausserdem bleibe man stets auf dem neuesten Stand der Technik: So ist der Porsche 918 Spyder mit seinem Hybridmotor auch Teil der Ausstellung.

Es gehe überdies um ein intensives ästhetisches Erlebnis, darum, der Öffentlichkeit Autos zugänglich zu machen, die es sonst kaum zu sehen gibt. «Unsere Autos sind nicht abgesperrt, die Besucher können sie hautnah erleben», verdeutlicht Lienhard eine Besonderheit der Erlebniswelt und öffnet die Tür eines Ferrari Daytona.

Schicker Schlitten: Das Cockpit des Honda S 800 in der Autobau Erlebniswelt Romanshorn. Bild: Stefan Böker

 

«Unsere Autos sind nicht abgesperrt, die Besucher können sie hautnah erleben.»

Fredy Lienhard, Kurator Autobau Erlebniswelt

An Sonderevents werden mit den seltenen Modellen Runden auf der hauseigenen Rundstrecke gedreht, sehr zur Freude des Publikums. Man darf sogar mitfahren. «Bratwurst, Bier und Boliden» hiess es beispielsweise am Vatertag 2019.

Daneben gibt es absolute Kuriositäten zu bestaunen. Lienhard öffnet die Flügeltüren eines Vector W8 und zeigt auf den Bildschirm, der den Rückspiegel ersetzen soll. Der Innenraum mutet in der Tat wie ein Flugzeug-Cockpit an. Der schwarze Youngtimer mit den Flügeltüren fährt mit 625 PS, wurde vom deutschen Automobildesigner Gerald Wiegert entwickelt, besteht ausschliesslich aus Teilen amerikanischer Herstellung und galt in den 90er Jahren als der schnellste amerikanische Sportwagen aller Zeiten. Die Produktionskosten waren gigantisch; schliesslich ging die Firma bankrott, nachdem sie lediglich 17 Stück produziert hatte.

Dinner mit Auto: Wer mag, kann sich zu seinen Events auch die passenden Autos stellen lassen. Bild: Autobau Erlebniswelt

Auch zu sehen: Ein Auto mit sagenhaften 11'000 PS

Ausserordentlich ist auch ein Dragster mit 11’000 PS, der aus dem Stand in 5,3 Sekunden auf 500 Stundenkilometer beschleunigen kann. «Ein Materialmord, der Motor muss nach 20 Sekunden revidiert werden», erklärt Lienhard. «Aber er läuft mit reinem Methanol, also eigentlich ziemlich umweltfreundlich.»

Man muss kein Auto-Narr sein, um beim Anblick der kostbaren Kraftwagen ins Schwärmen zu geraten. Auch Alltagsautos sind in den wunderschön restaurierten historischen Gebäuden eines ehemaligen Alkohollagers zu finden. «Hier ist für jeden etwas dabei, für Jung und Alt, für Männer und Frauen», ist sich Lienhard sicher.

Der BMW Isetta beispielsweise, ein kurioses Mini-Auto mit 13 PS, dessen einzige Türe sich nach vorne öffnet. Mehr Roller als PKW gilt er als Symbol für das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit und hat damals BMW gerettet: von 1955 bis 1962 konnte der bayrische Autohersteller 161'728 Stück verkaufen, ist auf der dazugehörigen Infotafel zu lesen.

Kugelrund: BMW Isetta. Die Ausstellung zeigt nicht nur kraftstrotzende Karren, sondern auch Kuriositäten. Bild: Stefan Böker

Die Wissensvermittlung soll nicht zu kurz kommen

Neben dem Spass, den ein Rundgang bringt, soll die Wissensvermittlung nicht zu kurz kommen. In der Bibliothek sind zahlreiche Fachbücher, Magazine, aber auch technisches Anschauungsmaterial zugänglich. Sie wird ständig ergänzt und wurde schon von Studierenden für ihre Recherche genutzt. Sie beinhaltet ein kleines Kino und einen Spielbereich mit professionellen Simulatoren.

Vor allem bei Events nutzen die Gäste diesen Rückzugsort gern. Denn: «Wir sind kein reines Museum», sagt Lienhard. Die Räumlichkeiten können auch für Veranstaltungen gemietet werden. Und wer möchte, bekommt sein Lieblingsauto direkt neben den Tisch geparkt. Ob dieses mit Benzin, Diesel, Strom oder Wasserstoff fährt, spielt keine Rolle. 

Museum zum Anfassen: In der Autobau Erlebniswelt darf man die Exponate auch berühren. Bild: Autobau Erlebniswelt

 

Autobau Erlebniswelt: Öffnungszeiten und Führungen

Die Autobau Erlebniswelt ist immer sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. In fünf Hallen und auf insgesamt acht Ausstellungsflächen zeigt sie die Sammlung von Fredy Lienhard. An einzelnen Samstagen (Termine online) können Interessierte beim sogenannten «Rollout» in besonderen Wagen mitfahren, oder beim «Carspotting» Traumautos in Action sehen und fotografieren. Führungen können extra gebucht werden. In den Sommerferien von 6. Juli bis 29. August ist die Autobau Erlebniswelt jeden Tag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Im Internet: www.autobau.ch 

 

Autobau AG: Die Autobau AG ist Betreiber der Autobau Erlebniswelt. Kernstück ist die Autosammlung von Fredy Lienhard. Hinzu kommen die autobau Factory, ein modernes Gewerbezentrum für Automobilfachbetriebe, und die autobau Carlounge mit ihren alarmgesicherten Einstellplätzen. 

Video: Imagefilm der Autobau Erlebniswelt Romanshorn

 

Der Ex-Rennfahrer fährt gern mit einem Wasserstoff betriebenen Auto: Fredy Lienhard und Geschäftsführerin Yvonne Stütz. Bild: Stefan Böker

 

VW Porsche Karmann 914  in der Autobau Erlebniswelt Romanshorn. Bild: Stefan Böker

 

Unter der Haube: BMW Isetta. Bild: Stefan Böker

 

 
 
 
 
 

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