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von Inka Grabowsky, 25.02.2026

Eine Wand für künstlerische Einwände

Eine Wand für künstlerische Einwände
«Es ist mein Wunsch, dass es weitergeht.» Die Künstlerin Renate Flury hat ein neues Ausstellungsformat für das Kultur-Lokal Goldener Dachs in Weinfelden entwickelt. | © Inka Grabowsky

Hochkonzentriert und präzise: Das neue Ausstellungsformat «Ein-Wand-Ausstellung» bietet Künstler:innen im Weinfelder «Goldener Dachs» die Chance, Position auf kleinem Raum zu beziehen. Silvia und Hans Gysi stellen sich der Herausforderung als erste. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Alles begann mit einem Fest, das die Künstlerin Renate Flury  im vergangenen September im Weinfelder Kultur-Lokal «Goldener Dachs» veranstaltete. «Ich habe an der freien Wand neben der Bühne meine Tolggen präsentiert, rund fünfzig Klecks-Bilder. Das kam gut an. Und ich dachte: Aus der Wand könnte man etwas machen.» 

Nun ist die mittlerweile 73-Jährige lange Ausstellungstechnikerin im Kunstmuseum Thurgau gewesen. An Expertise mangelt es ihr also nicht. «Ich schlug vor, alle zwei Monate eine kleine Wechselausstellung für Kunstschaffende vor allem aus der Region zu installieren.» 

 

Heir können Künstler:innen Position beziehen - die neue EinWand im Goldenen Dachs Weinfelden. Kuratiert von Renate Flury. Bild: Inka Grabowsky

Eindeutig zweideutig

Dachs-Gastgeber Dominik Anliker war begeistert: «Ich freue mich, dass Renate Folgeausstellungen kuratiert.» Von Renate Flury geprägt ist auch der zweideutige Titel der Reihe «Ein-Wand-Ausstellung», weil sie sich auf eine Wand beschränkt und einen künstlerischen Einwand zu gesellschaftlichen Entwicklung vorbringen will. 

Erste Gäste sind Silvia und Hans Gysi. Sie macht fotobasierte Kunst, die für diesen Zweck in 27 kleinformatigen quadratischen Holzrahmen zu sehen ist. Er steuert neun noch unveröffentlichte Gedichte bei. Einträchtig hängen die 36 an sich jeweils eigenständigen Bilder zusammen und bilden ein Gesamtkunstwerk. 

 

Silvia Gysi bezeichnet sich nicht als Fotografin, sondern als «photo based artist». Bild: Inka Grabowsky

Unabhängig, aber passend

Bei der Entstehung der Ausstellungsobjekte haben Gysis keine Rücksicht aufeinander genommen. «Bei mir öffnet ein Satz oder eine Anregung von aussen den Gedankenstrom», so der Dichter. «Dann spinne ich weiter und folge dem Sound der Sprache.» Die präsentierten Texte seien gerade im Entstehen gewesen. Im Herbst kommt der nächste Gedichtband heraus. 

Silvia Gysi erklärt: «Wir sind auf zwei autonomen Gleisen unterwegs, aber manchmal  trifft man sich an einem Bahnhof.» Eine gemeinsame Ausstellung in der Remise mit dem Arbeitstitel «Redefining Weinfelden» gab es schon 2008. Und 2019 hat Silvia Bilder zum Gedichtband «ein tag mit chiligeschmack» beigesteuert. 

 

Hans Gysi musste wegen eines medizinischen Eingriffs seine Nase «verhüllen». Bild: Inka Grabowsky

Die Wesenheiten der Stühle 

Die Künstlerin lässt sich ebenfalls im Alltag inspirieren. Seit über zwanzig Jahren macht sie Fotos, die sie bearbeitet – mal coloriert sie sie, mal macht sie Collagen, mal wirkt ein Motiv am besten in Schwarz-weiss. «Auch durch die Wahl des Formats verändert sich viel im Ausdruck.» Sie bezeichnet sich selbst als «photo based artist» in der Tradition der «objet trouvé» Bewegung: «Ich entdecke etwas und drücke ab. Mir geht es um den Augenblick – im wortwörtlichen Sinn.» 

Für die aktuelle Ausstellung hat sie sich vor allem auf die beiden Motive «Stühle» und «Hüllen» konzentriert. «Stühle gehören zur Minimalausstattung in unserer Kultur. Sogar im Gefängnis hat man Bett, Tisch und Stuhl. Und sie tragen Spuren ihrer ‹Besitzer›, was einen melancholischen Anklang haben kann.» 

Renate Flury erinnert an die Rolle des Stuhls in der Kunst: von van Goghs leerem Stuhl als Symbol der Abwesenheit über Mani Matters «Taburettli» bis zu Ai Weiweis «1001 Stühle» bei der Documenta 2007, die als soziale Skulptur gedacht waren. «Was wäre ich für ein Stuhl?», überlegt die Kuratorin in ihrem Rollstuhl. «Wer sollte auf mir sitzen?» 

 

Gestapelte Stühle werden in den Augen von Silvia Gysi zur Installation. Bild: Inka Grabowsky

Die Symbolkraft von Hüllen

Ob Hüllen für sie etwas Geheimnisvolles haben, will die Kuratorin von der Künstlerin wissen. Sie selbst assoziiere das Verhüllen, das Verbergen, vielleicht Scham, mitunter etwas Religiöses. «Wir alle tragen doch sichtbare und unsichtbare Hüllen.» Silvia Gysi muss lachen. «So hoch philosophisch betrachte ich es nicht. Mich fasziniert eher die sichtbare Struktur, die Faltenwürfe, die einem Alltagsgegenstand wie mit Folie abgedeckten Zuckerrüben oder gepressten Silo-Ballen etwas Majestätisches geben.» 

Das Gespräch ist nicht nur für das Publikum, sondern auch für die beiden Frauen erhellend. «Jetzt nehme ich wahr, was es noch alles bedeuten kann», so Gysi. «Es ist ein Stillleben. Man kann dabei verweilen - eben ‹hell bleiben leicht bleiben›.»

 

Unten links:  Eine Mumie? Ein verschleiertes Gesicht?  Nein! Die Detailaufnahme eines Siloballens. Bild: Inka Grabowsky

Hell bleiben leicht bleiben

Den Titel der Ausstellung «hell bleiben leicht bleiben» habe sie zunächst gar nicht verstanden, räumt nun Moderatorin Renate Flury ein. Erst als sie begriff, dass er Teil des Gedichts «popcorn im hirn» von Hans Gysi ist, erklärte es sich: 

hell bleiben
leicht bleiben
klar und
offen
bleiben
unbeschwert
herumschwirren wie
popcorn im hirn

Hans Gysi liest drei seiner Gedichte (Ausschnitte).

 

Besonders gefallen hat Renate Flury auch «An den Bäumen vorbei», das Hans Gysi auf ihre Aufforderung vorträgt:

 

(…) ich gehe an den bäumen vorbei
und entschuldige mich
ich gehe an den häusern vorbei
und entschuldige mich
ich gehe am leben vorbei
und entschuldige mich

«Ein schwieriges, ein spannendes Gedicht», kommentiert Flury, nicht ohne die nachdenkliche Stille sofort mit einem Witz aufzubrechen: «Ich bin in meiner Wohnung herumgelaufen und haben mich entschuldigt, aber den meisten Sachen war es egal.» 

Hans Gysi erklärt: «Es ist ein Lied mit Refrain. Etwas verändert sich in der Wiederholung, Und ich mag den absurden Aspekt.» Sein Ziel sei es gewesen etwas Schweres auf leichte Weise zu auszudrücken. «Das ist ein starkes Stück», kommentiert Flury. «Du gehst am Leben vorbei und entschuldigst dich? Wie soll ich das verstehen?» Hans Gysi zuckt mit den Schultern: «Im Alter erinnert man sich an die ‹Hätte-ich-doch›s. Man ist an einigem vorbei gegangen und hat Chancen vergeben.» 

Ein-Wand mit Zukunft

Die Ein-Wand-Ausstellung von Hans und Silvia Gysi im «Goldenen Dachs» in Weinfelden ist noch bis April 2026 zu sehen. Renate Flury plant bereits an den nächsten Ausgaben. «Es ist mein Wunsch, dass es weitergeht. Zwei potenzielle Kandidaten haben ich schon gefragt. Und vielleicht findet sich auch jüngere Kunstschaffende in der Region, die hier ausstellen wollen.» 

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