von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 26.05.2026
Big in Japan

Wie schafft man kreativ Räume für Kultur? Die Ostschweizer Künstlerin Heidi Schöni hat in Asien ein spannendes Projekt entdeckt - und es sich vor Ort angeschaut. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)
Japan - das ist schon ganz lange ein Sehnsuchtsziel von Heidi Schöni. Mehrfach hat sie das Land bereist, immer wieder hat sie auch vor Ort gearbeitet. „Ich kann es auch nicht ganz genau sagen, aber Japan ist ein Land, in dem man sich absolut fremd fühlen kann, trotzdem gibt es vertraute Elemente, irgendwas fasziniert mich an diesem Land und seiner Gesellschaft immer wieder“, sagt die Thurgauer Künstlerin. Im Alter von 12 Jahren liest sie ein Buch über Japan und beschliesst: „Da will ich mal hin!“ Viermal war sie inzwischen bereits dort, das fünfte Mal soll nun folgen.
Im August 2025 schreibt Schöni eine erste E-Mail an mich. Es werde doch immer und überall über fehlende Räume für Kulturschaffende gesprochen, vielleicht gebe es eine Antwort auf all das rund 15’000 Kilometer entfernt. In Japan, präziser in Beppu, einer mittelgrossen Stadt im Süden des Landes. Die Stadt liegt auf vulkanischem Untergrund, ist vor allem für seine sprudelnden heissen Quellen bekannt. Und ausgerechnet hier soll die Antwort auf eine Frage liegen, die sich Kulturschaffende, Architekt:innen und Städteplaner:innen schon so lange stellen?
Eine Hoffnung, die mit auf die Reise geht
Das Beppu-Projekt, schreibt Schöni also im August 2025, betreibe kunstzentrierte Regionalentwicklung mit dem Ziel „kreatives Kapital“ unter die lokale Bevölkerung zu bringen. „In diesem Umfeld können wir im Dezember vier Wochen ein Atelier mit kleinem Galerieraum nutzen und uns vor allem mit den geologischen Eigenheiten der Stadt und ihrer Umgebung auseinandersetzen“, erklärt sie.
Wir, das sind in diesem Fall Schöni und ihre Künstlerkollegin Marianne Mueller. Sie haben bereits mehrfach kollaborativ zusammen gearbeitet. Jetzt also wieder Japan. „Ich bin 72, aber immer noch neugierig“, sagt Heidi Schöni, wenn man sie nach den Gründen der Reise fragt. Eine Hoffnung, die sie auf die Reise mitnehmen wird ist, „vielleicht kann ich mich künstlerisch nochmal neu erfinden“, sagt sie.
In unserem Dossier «Kultur trifft Politik»: Räume gibt es weitere Texte, die sich mit dem Thema Raummangel für Kultur beschäftigen. Unter anderem diese hier:
Heidi Schöni und das Beppu Projekt - das passt ganz gut
Schöni ist eine markante Künstlerin in der Ostschweiz. Seit vielen Jahren arbeitet sie ausdauernd zwischen Malerei, Installation, Fotografie und Videokunst. Als Einzelkünstlerin, aber auch als Teil des Duos steffenschöni mit Karl Steffen. Ihre eigene Malerei ist reduziert und atmosphärisch, oft stark von Materialität und Landschaft geprägt. Die in Kreuzlingen lebende Künstlerin arbeitet seit Jahren kontinuierlich an ihrem Werk und interessiert sich auch immer wieder für neue Formen. Mit dieser Haltung passt sie sehr gut zu dem japanischen Beppu-Projekt.
Tatsächlich ist das Beppu-Projekt interessant. Die Grundideen sind: leerstehende Gebäude retten, Künstler:innen in die Stadt holen, lokale Kultur mit zeitgenössischer Kunst verbinden und dadurch auch die eigene Innenstadt wiederbeleben. Denn Beppu ging es bei der Initialisierung des Projektes wie vielen mittelgrossen Städten im Land: die Bevölkerung ist überaltert, junge Menschen ziehen weg, viele Geschäfte stehen leer, die Innenstädte sind quasi tot. Seit den frühen 2000er Jahren versucht die Non-Profit-Organisation „Beppu Project“ diesen Prozessen entgegen zu wirken und die Stadt als internationalen Kunst- und Kreativstandort zu etablieren.
Ein Vorbildprojekt, das Kultur, Stadtentwicklung und Tourismus zusammen denkt
Was das japanische Projekt so spannend macht ist der sehr eigene Ansatz. Vorhandene Gebäude werden umgenutzt, lokale Communities aktiviert, es gibt eher kleinere Interventionen und eine langsame Transformation statt grosser Mega-Projekte. So wurde ein ein altes Nachkriegs-Apartmenthaus zu einem Wohn- und Arbeitsort für Künstler:innen umgebaut. Dort leben internationale und japanische Kulturschaffende zeitweise zusammen. Daneben wurden mehrere leerstehende Gebäude zu Studios, Residenzen und Gemeinschaftsräumen für Kreative umgebaut. Hier liegt der Fokus oft auf nachhaltiger Stadtentwicklung.
Vielleicht das öffentlichkeitswirksamste Projekt ist „Select Beppu“ - dafür wurde ein mehr als 100 Jahre altes Stadthaus renoviert und dient heute als Mischung aus Kunstort, Shop, lokaler Designplattform und kulturellem Treffpunkt. Alles sehr einfach und niederschwellig gehalten. Zeitweise gab es auch ein experimentelles Kunstfestival, das die Badekultur der Region mit zeitgenössischer Kunst verband. Wegen all dieser Dinge gilt Beppu heute international als Vorbildprojekt für kreative Stadtentwicklung, kulturellen Tourismus unter möglichst nachhaltigen Prämissen.
Das ist der Ort, den sich Schöni und Mueller für ihr Atelierstipendium ausgesucht haben. Gefördert von verschiedenen Institutionen aus St. Gallen und dem Thurgau machten sie sich im Dezember auf den Weg. „Wir werden uns der Region mit einer essayistischen Arbeitsweise annähern und uns auch mit Interesse mit den gesellschaftlichen Prozessen vor Ort auseinandersetzen“, schreibt Schöni mir noch kurz vorher. Wir vereinbaren in Kontakt zu bleiben.
Wie sich das Projekt in Japan finanziert
Kaum zwei Wochen später folgt ihre erste Mail aus Japan. „Die Zeit ist kurz, aber extrem intensiv und produktiv, unser Atelier ein perfektes kleines Recherchelabor und der Einblick in die Arbeit von Beppu Project interessant“, schildert Heidi Schöni ihre ersten Eindrücke. Die grösste Herausforderung für den Anfang: „Wir versuchen eine Balance zwischen eigener Arbeit im Atelier und Erkunden der Umgebung, Einbezug ins Uniprogramm und der Pflege der sozialen Kontakte hier zu finden!“, so die Künstlerin.
Wer wissen will, weshalb das Kunstprojekt in der japanischen Stadt auch 20 Jahre nach Gründung noch funktioniert, der muss einen Blick auf die Strukturen dahinter werfen. Beppu Project ist eine japanische Non-Profit-Organisation (NPO), gegründet 2005. Sie finanziert sich nicht aus einer einzigen grossen Quelle, sondern vielen verschiedenen: öffentliche Förderung durch Stadt und Präfektur, Stiftungen, lokalen Partnerschaften, Projektaufträge und sehr viel Netzwerk- und Beziehungsarbeit.
Worauf es ankommt? Das Netzwerk und einzelne Personen
Dadurch ermöglichen sie einerseits Festivals und kulturelle Stadtentwicklungsprojekte, andererseits aber auch Programme zur Kreativwirtschaft, regionalen Innovation. Beppu Project versteht sich also nicht nur als Kunstproduzent, sondern auch als kultureller Dienstleister für die Region. Recherchiert man zu dem Projekt, dann trifft man immer wieder auf zwei mögliche Erfolgsfaktoren. Der eine lautet: Die Initiator:innen haben nicht zuerst Millionen gesammelt und dann gebaut, sondern sie haben mit vorhandenen Räumen angefangen. Der andere: Als der vielleicht grösste Erfolg des Projektes gilt deshalb auch nicht ein einzelnes Gebäude, sondern das entstandene Netzwerk.
Einen dritten zentralen Faktor hat Heidi Schöni vor Ort erfahren: „Das Projekt hat vor 15 Jahren richtig Fahrt aufgenommen, nachdem im Gemeinderat von Beppu eine Person eingezogen ist, die sich sehr stark für das Projekt engagiert hat“, erklärt die Thurgauer Künstlerin. Da gibt es dann eine Parallele zur Schweiz und allen anderen Kulturstandorten auf dieser Welt: man kann noch so tolle Strukturen schaffen, wenn man keinen Fürsprecher:in an entscheidender Stelle hat, bleibt es schwer. Die Lehre: Am Ende kommt es doch oft auf die Überzeugungskraft einzelner Menschen an.
Was andere Städte aus dem Projekt lernen können
Zur Wahrheit gehört allerdings auch - das Projekt konnte auch nicht alle strukturellen Probleme in Beppu lösen. Die Bevölkerungszahl sinkt weiter, wirtschaftlich ist die Stadt immer noch sehr abhängig vom Tourismus, ausserhalb der Hotspots gibt es weiterhin Leerstand. Aber: Beppu Project hat neue Inseln kultureller und sozialer Kreativität geschaffen vor Ort geschaffen, aber vielleicht ist es nüchtern betrachtet genau das, was Kulturpolitik in Stadtentwicklung leisten kann.
Daneben gibt es drei Dinge, die auch Schweizer Städte aus Beppu lernen können: 1. Kultur nicht als „Event“, sondern als Infrastruktur denken. 2. Dauerhafte Räume für Kultur sind oft wichtiger und nachhaltiger als spektakuläre Programme. 3. Weniger Angst vor dem Unfertigen haben. Die Räume in Beppu sind oft sehr einfach. Alles ist immer im Beta-Status.
Für Heidi Schöni hat sich die Reise auf jeden Fall gelohnt. Fragt man sie danach, was für sie davon zurück bleibt, dann sagt sie: „Es war toll, Bedingungen zu haben, unter denen man künstlerischen Prozess und Alltag so gut verbinden konnte. Das Leben hier in der Schweiz splittert sich wie immer in viele interessante und auch einfach zu erledigende Elemente auf.“
Eine Ausstellung in St. Gallen zeigt Ergebnisse
Neben den persönlichen Eindrücken, bleiben aber auch die in Japan erstellten Werke. Diese zeigen Schöni und Mueller noch bis zum 11. Juni im Ausstellungsraum AUTO in St. Gallen. „Die Rückschau im Projektraum bündelt Ergebnisse und Experimente aus dem Beppu Studio 2 und wird ergänzt mit Arbeiten, die in den letzten 4 Monaten dazu gekommen sind“, sagt die 72-Jährige dazu.
Sie habe in Japan nicht absichtsvoll „tolle Kunst schaffen wollen“, sagt sie. Vielmehr habe sie „dem Material Raum geben und viel ausprobieren“ wollen. Was dabei herausgekommen ist, das kann nun jede:r selbst in St. Gallen betrachten. So viel sei verraten - der Besuch lohnt sich.
Warum sich die Ausstellung lohnt
Nicht nur wegen der Arbeiten von Schöni und Mueller. Sondern auch wegen einer besonderen Soundinstallation des Komponisten Tobias Preisig. Seine Musik erforscht die Schnittpunkte von experimenteller, klassischer und elektronischer Musik. Grosse Empfehlung!

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