von Bettina Schnerr, 11.05.2022

Eiskalte Erinnerungen

Eiskalte Erinnerungen
Witterung und Wasserpegel hinterlassen auf der Skulptur ihre Spuren. | © Bettina Schnerr

#Lieblingsstücke, Teil 23: Ein schlankes Boot ziert das Ufer vor Altnau. Es steckt fast senkrecht im Seeboden. Was will uns dieses verrostete Kunstwerk sagen?

Ein bisschen genauer muss man schauen, dann entdeckt man linkerhand eine Texttafel: Das sechs Meter hohe Boot ist eine Installation des Rottweiler Bildhauers Jürgen Knubben. Will man mehr wissen, muss man ein wenig recherchieren.

Das Boot entstand 2018, als Hagnau zum Event „Skulpturen am See“ einlud. Knubben schuf extra dafür dieses Objekt und gab ihm den Namen „Seegfrörne“. Und weil die Seegfrörne nun mal seit über 400 Jahren die Hagnauer mit den gegenüberliegenden, hiesigen Gemeinden verbindet, erhielt Altnau bei dieser Gelegenheit das logische Gegenstück. Im Werkverzeichnis des Künstlers tragen die Boote folglich die benachbarten Nummern 486 und 487.

 

Mit rund sechs Metern Höhe macht sich das Seegfrörne-Denkmal in Altnau vor dem Ufer bemerkbar. Die Skulptur von Jürgen Knubben steht seit 2018 hier. Bild: Bettina Schnerr

Dass der See zufror, war lange vollkommen normal

Es ist nicht so, dass die Menschen bei früheren Seegfrörnen nicht übers Eis gelaufen wären. Sie konnten im Winter zum Beispiel mit Hilfe von Seilen die Entfernungen zwischen den Ufern vermessen. Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert war der See so oft zugefroren, dass jede Generation mehrfach so ein Ereignis erleben konnte.

Aber 1573 nutzen die Schweizer erstmals die Eisdecke zu einer Prozession und brachten vom Kloster Münsterlingen aus eine Johannesbüste nach Hagnau. Etwa 100 Jahre später kam die Büste wieder über das Eis in die Schweiz. 1880 ging’s wieder hin, 1963 zurück. Nun steht der Johannes (das Original im Tresor, die Kopie im Kirchenschiff) also in Münsterlingen. 1963 war unter den vier belegten Seeüberquerungen der Büste die grösste und die etwa einmonatige Seegfrörne überhaupt glich einem Volksfest.

 

Nicht zu übersehen: Das Hagnauer Pendant zum Altnauer Boot steht direkt neben dem Schiffsanleger. Bild: Bettina Schnerr

Prozessionswege

Um ein erstes Bild dafür zu bekommen, wie die Prozession vorbereitet wurde, lohnt ein Ausflug nach Hagnau. Dort gibt es am Schiffsanleger rechts das Boot zu sehen und links eine weitere Stahlskulptur. Zwei türkisfarbene Silhouetten erinnern an die Gruppen, die Anfang Februar 1963 - mit verschiedenen Sicherungen ausgestattet - probierten, ob man zwischen den beiden Orten gut über den See kommen würde.

Die einen landeten in Güttingen, die anderen in Altnau, beide aber wohl ganz sicher jeweils in einem Wirtshaus zum Aufwärmen. Und der Kreuzlinger Landrat Raggenbass reiste von der einen Gruppe zur anderen und liess sie verköstigen. Schon am Tag drauf musste der Fährverkehr zwischen Konstanz und Meersburg wegen der dicker und fester werdenden Eisschicht eingestellt werden.

 

Auf deutscher Seite in Hagnau ergänzt eine Stahlsilhouette die Erinnerung an 1963 und steht für die Gruppen, die in diesem Winter die Tragfähigkeit des Eises geprüft hatten. Die Skulptur steht bereits seit 2013 und wurde zum 50. Jahrestag der Seegfrörne aufgestellt. Bild: Bettina Schnerr

Endstation Münsterlingen?

Als erstes gingen daraufhin die Altnauer Schüler übers Eis und brachten ein Bild nach Hagnau – auch das ein „Tauschobjekt“ früherer Seegfrörnen. Schon bei ihrer Rückkehr fanden sie auf dem See die „reinste Völkerwanderung“ vor, viele der Fussgänger mit diversen Sicherungen gegens Einbrechen ins Eis ausgerüstet, aber auch Velofahrer und Schlittschuhläufer. Die Prozession mit der Johannesbüste danach wurde schlussendlich von rund 2500 Menschen begleitet, verteilt über die ganze Strecke.

In Münsterlingen steht der leicht betrübt wirkende Kopf nun seit fast sechzig Jahren. „Bis zur nächsten Seegfrörne“ heisst es immer routiniert. Ausser, man erklärt es einem Jugendlichen, der das mit dem IPCC-Bericht mitbekommen hat. Dann sieht die Prognose etwas anders aus:

Kind: Wo ist die Statue jetzt?
Mutter: In Münsterlingen.
Kind: Dann bleibt die jetzt ja für immer dort.

So betrachtet ist es wohl gut, dass Jürgen Knubben bei der Schaffung seiner Skulptur an beide Seiten des Ufers gedacht hat.

 

Die Johannesbüste im Altarraum der Münsterlinger Kirche. Auf dem Sockel sind die bisherigen Prozessionen verzeichnet: 1573, 1673, 1830 und 1963. Die Inschrift erzählt auch, dass man zwei Mal auf eine Prozession verzichtet hatte. Bild: Bettina Schnerr

 

 

Wie kommt es zur Seegfrörne?

Für eine Seegfrörne müssen auf Grund der Seegrösse viel Faktoren zusammenkommen. Der vorhergende Sommer muss bereits kälter sein als normal und das gilt auch für den Herbst, der viel Ostwind bringen muss. Im Winter muss es neben grosser Kälte auch windstill sein, damit sich eine durchgehende und dicke Eisschicht ausbilden kann. Obendrein müssen die Kälteperioden über viele Wochen andauern.

 

Die Serie #Lieblingsstücke und wie Du mitmachen kannst

In unserer Serie #Lieblingsstücke schreiben Thurgaukultur-KorrespondentInnen über besondere Kunstwerke im Kanton. Das ist der Start für ein grosses Archiv der beliebtesten Kulturschätze im Thurgau. Denn: Wir wollen auch wissen, welches ist Dein Lieblings-Kunststück aus der Region?

 

Skulpturen, Gemälde, historische oder technische Exponate, Installationen, Romane, Filme, Theaterstücke, Musik, Fotografie - diese #Lieblingsstücke können ganz verschiedene Formen annehmen. Einige der vorgestellten Werke stehen im öffentlichen Raum, manche sind in Museen zu finden, andere wiederum sind vielleicht nur digital erlebbar. Die Serie soll bewusst offen sein und möglichst viel Vielfalt zulassen.

 

Schickt uns eure Texte (maximal 3000 Zeichen), Fotos, Audiodateien oder auch Videos von euch mit euren Lieblingswerken und erzählt uns, was dieses Werk für euch zum #Lieblingsstück macht. Kleinere Dateien gerne per Mail an redaktion@thurgaukultur.ch , bei grösseren Dateien empfehlen wir Transport via WeTransfer.

 

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