von Inka Grabowsky, 15.11.2022

Geschichten vom Seegrund

Geschichten vom Seegrund
Fabian Rey, Geoökologe an der Universität Basel, verbrachte unzählige Stunden am Mikroskop | © Inka Grabowsky

Neue Erkenntnisse zur Klima- und Siedlungsgeschichte des Thurgaus: Wie Forscher:innen in einem aufwändigen Projekt die Vergangenheit neu entdecken. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Auf dem Tisch im obersten Stockwerk des Museums liegen als Anschauungsobjekte zwei je einen Meter lange Bohrkerne. Sie sind halbiert, so dass man Strukturen erkennen kann. Bei dem Exemplar aus dem Bichelsee sieht man vor allem feuchten Ton – auf den ersten Blick eine homogene Masse, die sich innerhalb von 150 Jahren am Seegrund abgesetzt hat.

Das Stück aus dem Hüttwilersee jedoch zeigt in vielen unterschiedlichen Schichtungen, was sich in der Zeitspanne von 12.500 bis 6000 vor Christus abgelagerte. Durchschnittlich tausend Jahre vergingen, bis zehn Zentimeter Boden zusammenkamen.

Ziemlich weit unten gibt es eine Schicht, die anders ist als alle andern. «Das ist Bims-Tuff von einem Vulkanausbruch in der Eifel vor 13.000 Jahren. Die Asche verteilte sich damals über ein gewaltiges Areal zwischen den Alpen und Nordeuropa», sagt Paläoökologin Lucia Wick. Eine solche Schicht aus feinen Glaspartikeln mit typischen Lufteinschlüssen kennen Geologen schon von anderen Fundstellen. Deshalb ist sie ein idealer Marker für die Datierung. «Davon könnte man mehr brauchen», seufzt die Wissenschaftlerin. 

Jahrelange Kleinarbeit

Vor drei Jahren hatten die Forscherteams Bohrkerne aus dem Bichel- und Hüttwilersee entnommen, mal bis in 7 Meter Tiefe, mal bis in 13 Meter Tiefe. «Einer Woche im Feld – also in diesem Fall auf den Seen – steht jahrelange Arbeit im Labor gegenüber», so Fabian Rey, Geoökologe an der Universität Basel.

„Wir haben aus jedem der beiden Bohrkerne 500 bis 600 Proben genommen und bei denen jeweils 500 Pollen ausgezählt, um die Zusammensetzung der Pflanzen in jeder Zeit zu bestimmen.» Alle paar Zentimeter kratzten die Forschenden je einen Kubikzentimeter Material aus dem Schlamm, entfernten Kalk und Ton und begutachteten Pollen und Reste von Pflanzen oder Tieren unter dem Mikroskop.

Organisches Material kann man mit Hilfe der C14 Methode (man misst die Zerfallsraten des entsprechenden Kohlenstoffisotops) datieren. Man weiss nun also, was rund um die beiden Seen seit 15.000 vor Christus gewachsen ist und welche Spuren der Mensch hinterlassen hat.

Verraten die Leinsamen die Pfahlbauer?

Der Abschluss der Datenaufbereitung durch die Basler Experten ist der Anfang der interpretierenden Forschung. «Jetzt sind wir in der Lage, aus den Mosaiksteinchen von Wissen ein Gesamtbild zu machen», sagt der Thurgauer Archäologe Urs Leuzinger, der das Projekt leitete.

Eine Erkenntnis gab es bereits spontan. Lucia Wick fand in einer Probe aus dem Boden des Bichelsees in einer etwa 6000 Jahre alten Sedimentschicht aus dem Boden des Bichelsees einen Leinsamen. «Lein wächst hier nicht wild. Die Pflanze muss kultiviert worden sein», erklärt sie.

Auch wenn an diesem See noch keine archäologischen Funde die Besiedlung durch Pfahlbauer belegen, hat man jetzt einen indirekten Beweis für ihre Anwesenheit.

Logische Rückschlüsse nötig

Anders als der Hüttwilersee, der eine bekannte Fundstätte für Siedlungsreste aus der Pfahlbauerzeit ist, gilt der Bichelsee nicht als «Gunstort» für Landwirte im Jahr 4000 vor Christus. Er liegt in einem hügeligen Gebiet. Hier ist es nicht so attraktiv, Getreide anzubauen.

«Nun aber können wir beweisen, dass die Menschen hier früh Waldflächen gerodet haben», sagt Fabian Rey. «Lucia konnte in einer Schicht aus der Zeit einen plötzlichen Anstieg der Anzahl bestimmter Pilzsporen verzeichnen. Die fliegen nicht in der Luft herum, sondern kommen im Waldboden vor.» Regen muss sie in den See gespült haben, weil die Baumwurzeln die Erde nicht mehr hielten.

Alles schlug sich nieder

Der Einfluss der Römer, die 15 vor Christi Geburt in die Region kamen, macht sich durch einen überproportionalen Anteil an Eichenpollen bemerkbar. «Wahrscheinlich wurde andere Baumarten stärker genutzt. Es blieben mehr Eichen übrig», so Fabian Rey. «Wir gehen davon aus, dass die Römer Schweine in den Wald trieben, damit die sich von den Eicheln ernähren. Die Landschaft wurde dadurch offener.»

Die Pest-Epidemien im 14. und 17. Jahrhundert und den Dreissigjährigen Krieg kann man erkennen, weil so viele Menschen starben, dass weniger Ackerbau betrieben wurde. «Im Mittelalter tauchen erstmals gehäuft Cannabis-Pollen auf», sagt Urs Leuzinger mit einem Grinsen. «Aber die Leute haben kein Rauschmittel, sondern Hanffasern für Seile gebraucht.»

Weltkriege und Kläranlagen sind ablesbar

Die Thurgauer Archäologen hatten die Basler Analysten ausdrücklich gebeten, sich auf die Zeit der frühen menschlichen Besiedlung zu konzentrieren. Trotzdem gab es sowohl aus der Zeit vor dem Auftreten der Menschen als auch aus jüngster Vergangenheit Erkenntnisse.

«Wir haben in tiefen, also sehr alten See-Sedimenten, Sporen eines Pilzes gefunden, der sich auf Dung besonders wohlfühlt. Nun können wir uns vorstellen, wie vor 15.000 Jahren Mammuts hier durch eine Tundra gezogen sind», sagt Urs Leuzinger.  

Am anderen Ende der Zeitskala lässt sich an den Pollen im Sediment ablesen, dass im zweiten Weltkrieg der Wald stärker abgeholzt wurde, weil die Kohlelieferungen aus Nazi-Deutschland ausblieben. «Sogar der Effekt der vor einige Jahrzehnten gebauten Kläranlagen ist deutlich ablesbar.» Die gesammelten Daten sind eine Fundgrunde für Forschende aus allen möglichen Bereichen, ob sie sich für Geschichte, Klimaveränderungen oder Wasserqualität interessieren.

Aussergewöhnlicher Effort

«Wir machen Untersuchungen wie diese regelmässig, in ganz Europa und auch auf anderen Kontinenten», so Oliver Heiri, Professor für Umweltwissenschaften an der Universität Basel. «Aber einen solchen Aufwand können wir nur ganz selten treiben. Es gab beispielsweise allein 130 C14-Analysen für organische Funde aus dem Hüttwilersee – und jede kostet 300 bis 400 Franken.»

Erst der Beitrag aus dem Walter-Enggist-Fonds hat die umfangreichen Arbeiten am Projekt «Klima, Umwelt und Mensch im Thurgau» (KUMiT) und damit die Schaffung der Grundlagendaten ermöglicht.

 

 

 

 

 

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