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von Brigitta Hochuli, 01.11.2010

Halleluja!

Halleluja!

Brigitta Hochuli

Sonntag, 31. Oktober, Kirche St. Stefan in Kreuzlingen-Emmishofen: Die Ostschweizer „Cantores Corde“ singen Georg Friedrich Händels MESSIAS. Zu diesem barocken Oratorium gehört auch ein HALLELUJA. Das Konzert ist in seiner Ernsthaftigkeit einfach wunderbar. Die Arbeit von Dirigent und Chorleiter, des Orchesters, der einzelnen Stimmen der „Sänger mit Herz“ sind transparent. Eine ziemlich reine Wohltat.

Dasselbe Halleluja erklingt eine Woche zuvor im „Kampf der Chöre“ in der Bodensee-Arena. Das Schweizer Fernsehen kündigt es als „etwas aus der Klassik“ an. Die Sängerinnen und Sänger sind im Umfeld der Oper gecastet worden. Dirigiert werden sie von Opernsängerin und TV-Jurorin Noëmi Nadelmann. Begleitet wird das Ganze von einem rauschenden Band, das alle Reinheiten ziemlich zudeckt.

Glaubwürdig ist bei Nadelmann, dass man ihr das Dirigieren qua Qualifikation zutraut. Der allenfalls qualifizierte Rest der Sendung aber bleibt im Dunkeln. Im Dunkeln hinter dem Hüpfen, Springen und Fuchteln zum Beispiel eines Michael von der Heide. Hinter Show und Choreografie bleiben die eigentlichen Chorleiter unsichtbar. So leistet der „Kampf der Chöre“ dem Chorgesang einen Bärendienst, finde ich und denke dabei mit Wehmut an Gesangfest und Xang in Weinfelden und eben an die Cantores Corde.

Und Sie, liebe Chrofreundinnen und Chorfreunde, liebe Sängerinnen und Sänger? Was halten Sie vom „Kampf der Chöre“, bei dem me use gheie cha, mir nichts dir nichts?

***
Kommentare

lukas dumelin | 01.11.2010, 17.03 Uhr
Mir nichts, dir nichts usegheie?
Glaube ich nicht. Für die kleine Fernsehkritik der Thurgauer Zeitung (Ausgabe vom 1.11.) sass ich mit Block und Bleistift vor der Kiste – und hatte noch vor der definitiven Entscheidung zwei Vermutungen, wer wohl gehen muss: Padi Bernhard (wie im Musikantenstadl, einfach mit einem falschen Song) oder Michael von der Heide (kraftlose, farblose, ideenlose Umsetzung des U2-Songs “Pride”). Zufällig usegheit ist von der Heide nicht (auch wenn es angesichts seiner Bekanntheit als Überraschung erscheint).
Die Stärke der Sendung liegt darin, dass keine Einzelpersonen (ausser den Chorleitern) die Helden sind, sondern die verschiedenen Teams. Nur so kann das Fernsehen der Schweizer Chorvielfalt und -tradition gerecht werden – auch wenn für die Sendung “Kampf der Chöre” eine künstliche Welt geschaffen wird.


Hanspeter Schär | 02.11.2010, 12.03 Uhr
Mit grosser Skepsis und zunehmendem Unbehagen habe ich die geballte Werbeflut für die Fernseh-Sendungen “Kampf der Chöre” verfolgt. Als langjähriger Chorleiter störte mich insbesondere der Begriff “Kampf”. Mit meinen Chören habe ich an vielen Wettbewerben und Chorfestivals teilgenommen, wir haben uns mit anderen in friedlicher Art gemessen und wunderbare Freundschaften mit Chören aus aller Welt geknüpft. Sich messen mit anderen ist ein Grundbedürfnis der Menschen, sollte aber meiner Ansicht nach nie zum Kampf werden.
Das zweite, was mich störte, war der Missbrauch des Chorbegriffes. Mit Interesse habe ich einen Teil der ersten Sendung gesehen und durchaus einiges an Unterhaltungswert festgestellt. Aber mit Chorsingen im landläufigen und bei uns üblichen Sinn hatte dies nun überhaupt nichts zu tun. Erstens hatte keiner der so genannten “Chorleiter” auch nur den Hauch einer Ahnung von Chorleitung und Dirigieren und zweitens wurden mögliche Chorqualitäten, wie Reinheit, Ausgeglichenheit der Stimmen oder Intonation durch den konservierten Instrumentalsound völlig verunmöglicht. So habe ich die Befürchtung, dass diese Sendereihe für unsere gefährdete Chorlandschaft wenig hilfreich sein wird und zum Bumerang werden könnte.


Christine Forster | 02.11.2010, 20.59 Uhr
Das Wichtigste in diesem «Kampf? der Chöre» sind Tanz, Choreografie, Solo-Einlagen, Outfit, raffiniert zudeckender Begleitsound aus der Konserve, Produktion und Darstellung der auserwählten so genannten Chorleiterinnen und Chorleiter und viel guuuuuuuuuuute Stimmung!
Die möglichst stolpersteinlosen Arrangements bekannter Popsongs kreieren Menschen im Hintergrund – wohl auf Hochtouren. Die intensive Probearbeit mit den Chören (und Chorleitern ☺) leisten Menschen im Hintergrund – wohl unter Hochdruck. Sie alle bleiben leider unerwähnt.
Wo sind die richtigen, bestehenden Chöre? Wo sind die richtigen, ausgebildeten Dirigentinnen und Dirigenten? Und wo ist die jahrhundertealte Tradition von Chorgesang und deren spezifische Chorliteratur?
Ja, «Kampf der Chöre» ist definitiv der falsche Titel für diese trotz allem ganz unterhaltsame Sendung des Schweizer Fernsehens. Wie wäre es mit – damit wir alle gleich wissen, worum es eigentlich geht: «Kreuzlingen sucht den Superstar mit Sängerschar»?


Karlheinz Ribar | 03.11.2010, 19.23 Uhr
Es ist gut, dass das Schweizer Fernsehen eine Sendung mit ‚Chören‘ bringt, so erhofft sich der Schweizerische Chorverband (SCV) etwas Publicity für die eigenen Anliegen und hofft auch um den einen oder anderen neuen Sänger oder Sängerin. Ob dies gelingt ist offen, denn der Inhalt der Sendung hat mit ‚unserem Chorwesen‘ wenig zu tun.
Wir möchten nachfolgend nicht die Fernseh-Show bewerten, sondern einen kurzen Vergleich zwischen den Fernsehchören und deren Leitung anstellen und ‚unser Chorwesen‘ ins rechte Licht rücken.
Der überwiegende Teil der Chöre im Thurgau ist als Verein in einem Ort oder begrenzten geografischen Gebiet entstanden. Dementsprechend ist die Zusammensetzung des Chores zufällig herbeigeführt. Bei einem Eintritt in einen solchen Gesangsverein spielen die gesanglichen Fähigkeiten eine eher untergeordnete Rolle, soziale Aspekte stehen im Vordergrund. Ein ‚Casting‘ ist für solche Chöre undenkbar. Die Chorleitung versucht aus dem vorhandenen ‚stimmlichen Material‘ möglichst viel herauszuholen. Einsing-Übungen, Stimmbildung, stimmenweises Proben, Gehör- und Rhythmus-Schulung sind wichtige Elemente, die einen Chor weiter bringen. Oft ist viel Geduld und die Fähigkeit, den Chor zu fordern aber nicht zu überfordern gefragt. Psychologisches Gespür, Überzeugungsarbeit und eine gehörige Portion Motivation von Präsident und Dirigent bringen für einen Chor Erfolge, z.B. gute Bewertungen bei Vorträgen vor Experten an einem Gesangsfest. Genau hier setzen auch die Aufgaben des Kantonalverbandes an. Ein breites Angebot an Kursen für Sängerinnen und Sänger sowie Dirigentinnen und Dirigenten soll mithelfen, die Qualität der Chöre zu stärken und die Chorleitung zu fördern.
Die Chorlandschaft ändert sich langsam. So sind einige ortsunabhängige oder Chöre mit einem grossen Einzugsgebiet entstanden. Projektchöre mit klaren Zielen haben zurzeit weniger Probleme mit der Rekrutierung von Sängerinnen und Sängern. Dieser Trend wird sich fortsetzen und die bestehenden Strukturen vor neue Herausforderungen stellen. Den grössten Einfluss auf den ‚Erfolg‘ eines Chores haben aber die musikalische Leitung und auch der Vereinsvorstand. Dirigentinnen und Dirigenten bestimmen durch ihr Wirken die Leistungsmöglichkeiten und motivieren Sängerinnen und Sänger durch geeignete Auswahl der Lieder. Dies strahlt auch nach aussen, gibt dem Chor ein entsprechendes Gesicht.
Unsere Chöre singen vor allem ‚accapella‘ d.h. ohne musikalische Begleitung. Arrangements wie sie im Kampf der Chöre vorgetragen werden, eignen sich dazu nicht, die Instrumente müssen durch Stimmen ersetzt werden, sonst entstehen ‚Löcher‘. Die fetzige musikalische Begleitung erleichtert das Singen, in einigen Vorträgen der kämpfenden Chöre kann der eigentliche Chorgesang gar nicht herausgehört werden. Die Begleitinstrumente füllen jede gesangliche Lücke.
Die Liedervorträge unserer Chöre erfolgen meist 4-stimmig, einzelne Passagen können durch Solo oder Stimmteilungen (6-8 stimmig) angereichert werden. Die Chorleitung sorgt durch Handzeichen und Körpersprache für Tempo, Tempowechsel, Stimmeinsatz, Laut und Leise, An- und Abschwellen etc. Diese wichtige Aufgabe erfordert volle Konzentration, eine Chorleitung als ‚sterbender Schwan‘ oder ‚Zappelfilipp‘ wie von Darstellern am Fernsehen vorgeführt, ist dabei undenkbar, die Chöre könnten ihre Lieder kaum zu Ende führen.
Von der Choreographie und auch der Bekleidung der Kämpfenden Chöre können sich noch viele Vereine etwas abschauen. Natürlich ist die Show im Fernsehen überzeichnet, aber etwas mehr Mut für Bewegungen, Lachen und auswendig singen täten vielen unserer Chöre gut. Auch etwas mutigere Kleidung könnte da und dort Auffrischung bringen. Es gibt in unserem Chorverband einige herausragende Beispiele von Chören, denen die richtigen Schritte in die Moderne ohne Vernachlässigung der Gesangsqualität und mit dem Vereinsgedanken gelungen ist. Solche Chöre müssten am Fernsehen zu sehen sein.
Wir können allen Leuten, ob jung oder alt, begabt oder weniger begabt nur empfehlen, in einem Chor mit zu wirken. Das richtige Atmen beim Gesang und die Musik selber sowie die Geselligkeit fördern die Gesundheit. Auf andere Stimmen hören, nachgeben und einfühlen fördern die soziale Kompetenz und Ausgeglichenheit. Treten Sie einem Chor bei, es wird kein Casting durchgeführt, es darf aber auch keine Enttäuschung geben, wenn alles anders ist als im Kampf der Chöre vorgeführt.
Karlheinz Ribar
Präsident Thurgauer Kantonalgesangsverband


Nick Dutli | 04.11.2010, 14.47 Uhr
Wie die Stimmen der Laiensänger/innen beim Fernsehpublikum ankommen, hängt offensichtlich stark damit zusammen, welchen Stellenwert die Zuschauer auf das “Outfit” der Einzelnen und des gesamten Chores legen, wenn sie ihre Stimmen abgeben. Natürlich hört und sieht man nur das, was gesendet wird und nicht all die Wiederholungen während den Proben. Vielleicht würden die Stimmen objektiver, sicher aber neutraler abgegeben, wenn als Chorleiter diejenigen Männer und Frauen vor den Chören stünden, die Woche für Woche mit ihren Chören die Lieder und die Texte einstudieren. Von unzähligen Gesangsfesten, an denen ich als aktiver Chorsänger in mehreren Chören teilgenommen habe, konnte ich immer wieder die Fröhlichkeit unter den Sängerinnen und Sängern erleben, die in den Festzelten aufkam, obwohl die Wettgesänge in Kirchen oder Musiksälen in konzentrierter Ernsthaftigkeit vorgetragen wurden.
Von dem Geist des originalen Sängerspruchs: “Wo man singt, da lass Dich ruhig nieder….usw.” könnte bei der Sendung mit den Chören wesentlich mehr herüberkommen, und manch einer oder andere Zuschauer könnte das Gesehene und Gehörte als Grund dafür sehen, aktiv einmal bei einem der vielen Chöre reinzuhören oder beizutreten. Es braucht absolut keinen Mut, einem Chor beizutreten, denn bisher alle Chorleiter, die ich kenne sind in der Lage, die Stimme, (-so man sie denn etwas klingen lässt), zur richtigen “Stimme” und neben den oder die richtigen Sänger/in zu stellen, um an den Proben und bei den Auftritten grossen Spass zu haben, als aktiver Teil eines Chores.
Ehrlicher und sicher auch mit mehr Echtheit über unser schweizer Chorwesen könnten sich die Chöre präsentieren, wenn die Chöre allenfalls auch als “Preis” für ihre Leistungen an Wettgesängen und Gesangsfesten für das Fernsehen ausgewählt würden. Es gäbe zwar keinen “Kampf der Chöre” sondern allenfalls “Die Spitze der Chöre” mit ihren Liedern, die ihnen die eine oder andere Auszeichnung brachten.

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