«Ich will nicht der grosse Zampano sein.»

«Ich will nicht der grosse Zampano sein.»
„Ich lasse mich nicht gerne vereinnahmen für etwas.“: Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld und Präsident der Kulturstiftung Thurgau. | © Beni Blaser

Seit einem Jahr ist der Frauenfelder Stadtpräsident Anders Stokholm auch Präsident der Thurgauer Kulturstiftung. Was hat er in dieser Zeit gelernt?  Ein Gespräch über Ambitionen, Ämterhäufung und die Bedeutung von Kultur für die Gesellschaft. (Lesedauer: ca. 6 Minuten)

Herr Stokholm, das erste Jahr als Präsident der Kulturstiftung ist zu Ende. Was bleibt in Erinnerung von diesem Jahr?

Es war ein intensives Jahr, weil wir verschiedene Themen hatten. Um nur zwei zu nennen: Corona und die Aufarbeitung der Dinge, die in dieser Zeit gelaufen sind wie die Recherchestipendien oder die erste Ratartouille-Ausschreibung.

Hat sich Ihr Bild von Kultur im vergangenen Jahr verändert?

Das würde ich nicht sagen. Wenn, dann hat es sich in den letzten drei Jahren akzentuiert. Vor allem im Hinblick darauf, wie wichtig Kultur und Veranstaltungen für die Gesellschaft sind. Wenn das fehlt, dann zerbröckelt etwas in unserer Gesellschaft. Kultur kann in dem Sinn ein Kitt für die Gesellschaft sein und dafür müssen wir immer wieder einstehen und sagen, wie wichtig das für unser Zusammenleben ist.

 

„Wenn Kultur fehlt, dann zerbröckelt etwas in unserer Gesellschaft.“

Anders Stokholm, Präsident der Kulturstiftung Thurgau (Bild: Beni Blaser)

Der Kantonsrat hat Ende 2022 auch der Budgeterhöhung der Kulturstiftung zugestimmt. Künftig hat die Stiftung 1,5 Millionen Franken pro Jahr zur Verfügung. Das sind 400.000 Franken mehr als bislang. Was passiert mit dem Geld?

Das zusätzliche Geld dient vor allem dazu, die Sachen finanziell weiter zu unterfüttern, die wir bereits angefangen haben: Die Recherchestipendien zum Beispiel. Damit ermöglichen wir Kulturschaffenden relativ niedrigschwellig, dass sie an einem Projekt arbeiten können, ohne gleich etwas liefern zu müssen. Damit schaffen wir einen Raum für Kreativität. Auf der anderen Seite können wir nun auch den Wettbewerb Ratartouille fortführen und neue und inspirierende Formate für den Thurgau entwickeln. Auch dem Thema soziale Absicherung für Künstlerinnen und Künstler können wir uns jetzt intensiver widmen.

Bei Ihrem Amtsantritt haben Sie gesagt, die Kulturstiftung solle eine Ermöglicherin werden - was genau meinten Sie damit?

Viele Kulturschaffende gehen mit ihrem eigenen persönlichen kreativen Reichtum an die Arbeit, wollen den zum Ausdruck bringen und ihre Reflexionen und Sichtweisen mit anderen teilen. Zu ermöglichen, dass das passiert, sich Menschen miteinander verbinden und so der gesellschaftliche Kitt entsteht von dem wir vorher schon gesprochen haben, sehe ich als eine der wichtigsten Aufgaben der Kulturstiftung. Einerseits. Andererseits ist Kunst oft auch eine Herausforderung. Ich denke an meine eigene Jugendzeit wo ich manchmal in modernen Orgelkonzerten sitzen musste. Es war ziemlich schwierig, die Musik zu verstehen. Ich habe mich dem dann ein Stück weit aussetzen müssen und habe anders gelernt auf Sachen zu schauen und habe das auch schätzen gelernt. Zu ermöglichen, dass Menschen solche Entdeckungen machen, mit sich oder anhand von anderen, das ist eine weitere vornehme Aufgabe der Kulturstiftung.

Hat sich diese Ermöglicher-Rolle im ersten Jahr schon erfüllt?

Das ist eine Daueraufgabe und nichts, was man in einem Jahr erledigt. Aber ich denke, es ist uns gelungen auf dem Weg zu bleiben und den noch zu verstärken.

 

„Zu ermöglichen, dass Menschen Entdeckungen machen, mit sich oder anhand von anderen, das ist eine vornehme Aufgabe der Kulturstiftung.“

Anders Stokholm, Präsident der Kulturstiftung Thurgau (Bild: Beni Blaser)

Das heisst, Sie haben es noch nicht bereut, das Amt bei der Kulturstiftung übernommen zu haben?

Nein, zu keinem Zeitpunkt. Die Kulturstiftung ist eine gute Institution für die ich mich sehr gerne einsetze.

Was genau macht man als Präsident der Kulturstiftung eigentlich?

Zu meinen Aufgaben gehört vor allem das Repräsentieren nach aussen. Und nach innen das Führen der Sitzungen, Sparringpartner zu sein von unserem Kulturbeauftragten Stefan Wagner in Fragestellungen der Weiterentwicklung der Stiftung. Und dann darauf zu achten, dass wir in den Stiftungsratssitzungen zu guten Entscheiden miteinander kommen.

Verstehen Sie sich in Ihrer Rolle auch als Scharnier in die Politik?

Ja, durchaus. Besonders, wenn es um kulturpolitische Fragen geht. Zusammen mit Nina Schläfli, die auch im Stiftungsrat sitzt, sind wir beide sicher diejenigen, die solche Scharnierfunktion in die Politik ausfüllen können.

Sie sind nicht nur Präsident der Kulturstiftung, sondern auch Stadtpräsident von Frauenfeld, Präsident des Schweizerischen Städteverbandes, FDP-Fraktionsvorsitzender im Kantonsrat. Wie bekommen Sie all diese Ämter unter einen Hut?

Eigentlich wird es manchmal nur terminlich schwierig, alles unter einen Hut zu bringen. Sonst eigentlich nicht. Ich bin immer schon so unterwegs gewesen, habe immer schon verschiedene Hüte aufgehabt. Schon im Studium war ich in verschiedensten Vereinen. Das gehört zu meiner DNA. Ich bin gerne in unterschiedlichen Settings unterwegs mit unterschiedlichen Menschen und verschiedenen Aufgaben. Das entspricht auch meinem Lebensbild, das Leben ist bunt und vielfältig. Schön, wenn ich die Gelegenheit habe, das auch zu leben und ehrlich gesagt: Für mich ist das auch ein Privileg.

Gibt es da manchmal auch Vorbehalte? Stichwort Ämterhäufung.

Klar, die gibt es immer. Das erlebe ich noch und nöcher, dass Leute das Gefühl haben, jetzt macht der das auch noch. Als ich noch Angestellter vom Kanton war hat mich der Regierungsrat Kasper Schläpfer gelegentlich gefragt: Nimmst du dir da nicht ein bisschen viel vor? Da konnte ich ihm antworten: Nein, ich brauche das im Fall sogar eher. Nicht, weil ich der grosse Zampano sein will, sondern mir geht es eher darum, all die verschiedenen Facetten des Lebens erleben zu dürfen und mitgestalten können, dort wo es möglich ist.

 

„Mir geht es nicht darum, für mich etwas herauszuholen, sondern darum mitzuhelfen, etwas zu ermöglichen.“

Anders Stokholm, Präsident der Kulturstiftung Thurgau (Bild: Beni Blaser)

Ergänzen sich die verschiedenen Ämter auch in manchen Fällen?

Es kommt zu Synergien, wenn es um kulturpolitische Anliegen geht. Wenn ich mich dafür einsetzen kann, dass Kultur auch in Frauenfeld ihren Stellenwert hat. Es gibt aber auch klare Trennlinien. Wenn die Stadt Frauenfeld Projekte bei der Kulturstiftung eingibt, dann halte ich mich da komplett raus und bin im Ausstand. Da haben wir sehr klare Regeln gefunden. Für mich persönlich sind die Gespräche, die ich in der Kulturstiftung führe zu Entwicklungen in der Kultur und der Kulturförderung zudem bereichernd und hilfreich. Weil ich diese Sichtweisen dann in anderen Kontexten, sei es in Frauenfeld oder in meinem Amt als Städteverbandpräsident, der im nationalen Kulturdialog steht mit Bundesrat Alain Berset und dem Bundesamt für Kultur, nutzen kann.

Von der Synergie ist es manchmal nicht weit zum Filz. Wie schützt man sich selbst und das Amt davor?

Das ist auch wieder eine Frage vom persönlichen Naturell. Ich bin nicht gern im Filz. Das liegt mir nicht. Zumindest wenn man Filz so versteht im Sinn von man ist drin, damit man drin ist. Um daraus einen Selbstwert zu generieren - das habe ich nicht gern. Ich lasse mich nicht gerne vereinnahmen für etwas. Wenn ich mich für etwas engagiere, dann bringe ich meine Kompetenz und mein Netzwerk ein. Nicht, um für mich etwas herauszuholen, sondern um mitzuhelfen, etwas zu ermöglichen.

 

„Ich lasse mich nicht gerne vereinnahmen für etwas.“

Anders Stokholm, Präsident Kulturstiftung Thurgau

Jenseits von der Kulturstiftung gibt es auch in Frauenfeld ein paar spannende Kulturprojekte, die gerade wachsen. Zum Beispiel die Entwicklung des Kasernenareals oder das Street Art Festival im Sommer. Entwickelt sich Frauenfeld mehr und mehr zur Kulturstadt?

Es wäre schön, wenn das so wäre. Frauenfeld macht vieles klein, aber fein. Wir sind nicht die Stadt mit den grossen Kulturhäusern, mit der grossen Infrastruktur. Sehr oft ist Infrastruktur dafür da, um Dinge zu ermöglichen. Das ist aber nicht der Ansatz von Frauenfeld, der Ansatz von Frauenfeld ist - wir investieren in Menschen und in Vereine, die anderen eine Bühne bieten.

Also träumt in Frauenfeld niemand mehr von einem neuen Museum im Herzen der Stadt?

Es kann schon sein, dass irgendwann nochmal ein Teil von Kultur-Infrastruktur dazu kommt. Es war mit dem Neubau des Historischen Museums auf dem Oberen Mätteli schon mal angedacht, die Kantonsregierung hat sich dann für einen anderen Standort entschieden. Trotzdem ist das Thema jetzt nicht völlig weg bei uns. Es ist jetzt vielleicht nicht die Zeit dafür, im Moment gibt es andere Themen, die wir dringlicher angehen müssen. Aber mit der Stadtkaserne, die Möglichkeiten auch für die Kultur bietet, gibt es die nächste Entwicklungschance.

Gibt es da schon konkrete Ideen, welche Rolle Kultur bei der Entwicklung spielen kann?

Es gibt Ideen von Kulturschaffenden selber, es gibt Ideen vom Verein Stadtkaserne, der auch Möglichkeiten sieht in dem Projekt Kulturschaffenden Raum zu bieten. Kultur wird eine von mehreren Bestandteilen der Stadtkaserne sein. Wir müssen die Stadtkaserne vielfältig entwickeln.

Wie lange wird diese Entwicklung dauern?

Das ist eine Generationenaufgabe. Das unterschätzen ganz viele Leute. So ein Volumen, so ein Areal gut zu entwickeln, das ist eine Generationenaufgabe. Da wird man im 2024 starten, aber das wird uns, ähnlich wie das Sulzer-Areal in Winterthur, 20 bis 30 Jahre beschäftigen bis das eine fixe Form hat. Da braucht es Durchhaltevermögen.

 

„Das ist eine Generationenaufgabe.“

Anders Stokholm, Präsident der Kulturstiftung & Stadtpräsident von Frauenfeld über die Entwicklung der Stadtkaserne. (Bild: Beni Blaser)

Wo steht das Projekt jetzt?

Wir haben den Baurechtsvertrag unterschrieben. Im Januar 2024 können wir das Gelände übernehmen. Natürlich lief und läuft auch vorher schon viel. Wir haben die Idee des Markt Thurgau entwickelt. 20 Millionen Franken könnten aus dem Verkauf der Anteile der Thurgauer Kantonalbank in das Projekt fliessen. Über die Verteilung dieser insgesamt 127 Millionen Franken entscheiden die Bürger bei einer Volksabstimmung in diesem Jahr. Ich habe immer gesagt: je mehr öffentliche Mittel in die Gestaltung der Kaserne fliesse, um so öffentlicher kann die Nutzung sein. Je weniger, um so privatwirtschaftlicher wird es, das wird es prägen. Die 20 Millionen sind ein guter Anteil, um das Areal so zu entwickeln, dass es auch ein öffentlicher Ort wird.

Und einestages gibt es vielleicht doch noch eine Dependance des Kunstmuseums Thurgau in Frauenfeld.

Ja, wer weiss. (lacht)

Frauenfeld und das Museum würden davon profitieren.

Es ist genau das, was wir immer gesagt haben. Aber der Kanton schaut auf seine Möglichkeiten und das kann ich auch gut nachvollziehen.

 

„Je mehr öffentliche Mittel in die Gestaltung der Kaserne fliesse, um so öffentlicher kann die Nutzung sein.“

Anders Stokholm, Stadtpräsident von Frauenfeld

Zur Person & zur Kulturstiftung

Anders Stokholm (56) ist seit 2015 Stadtpräsident von Frauenfeld. Seit 2022 ist er zudem Präsident der Kulturstiftung Thurgau. Er ist gelernter Pfarrer, hat als Redaktor gearbeitet und war Direktor des Amtes für AHV und IV des Kantons Thurgau. Neben seinem Amt als Stadtpräsident ist er auch Fraktionspräsident seiner Partei, der FDP, im Kantonsrat. Seit Juni 2022 ist er zudem Präsident des Schweizerischen Städteverbands (SSV). Anders Stokholm ist verheiratet und Vater zweier Söhne.

 

Die Kulturstiftung Thurgau wurde 1991 gegründet. Sie ist für die Förderung von zeitgenössischen Projekten professioneller Kulturschaffender im Thurgau zuständig. Sie vergibt in diesem Bereich Werk- und Projektbeiträge und wird aus dem Lotteriefonds alimentiert. Die Stiftung im Internet: https://www.kulturstiftung.ch/stiftung/

 

Wer sitzt im Stiftungsrat? Der Stiftungsrat setzt sich aus neun Mitgliedern zusammen: drei Kulturschaffende, drei Kulturvermittlerinnen oder -vermittler, drei Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Die aktuelle Besetzung des Gremiums ist hier nachzulesen. Die Mitglieder des Stiftungsrates werden vom Regierungsrat gewählt. Die Amtsdauer der Mitglieder beträgt vier Jahre. Ihre Amtszeit ist auf maximal acht Jahre begrenzt. Übernimmt ein bisheriges Mitglied das Präsidium, beträgt die maximale Amtszeit zwölf Jahre.

 

Die Aufgaben des Stiftungsrats: Der Stiftungsrat ist zuständig für die Stiftungspolitik und die programmatische Ausrichtung, beobachtet die kulturellen Szenen und Tendenzen, entscheidet über Gesuche und Eigeninitiativen der Stiftung.

 

Klare Regel: Mitglieder des Stiftungsrates dürfen während ihrer Amtszeit keine eigenen Gesuche einreichen.

 

Transparenz-Hinweis: Die Kulturstiftung des Kantons Thurgau ist eine von zwei Aktionär:innen der gemeinnützigen Thurgau Kultur AG, die thurgaukultur.ch betreibt. Alle Details zur Struktur und Finanzierung von thurgaukultur.ch findet ihr hier.

 

 

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