von Inka Grabowsky, 12.08.2021

Keine brotlose Kunst

Keine brotlose Kunst

Eine tragfähige Idee für ein Kulturprojekt zu haben ist schon nicht einfach, aber noch schwerer ist es mitunter, die finanziellen Mittel für die Umsetzung aufzutreiben. Vier Kulturschaffende erzählen, was sie erlebt haben.

Die Tänzerin und Choreografin Claudia Heinle war noch völlig euphorisch, als sie im Juni thurgaukultur.ch Auskunft über ihr neuestes Projekt gab. Gerade war ein Brief vom Kulturamt des Kantons gekommen, mit der Zusage Auftritte im Thurgau finanziell zu fördern. „Das Projekt „Passion“ war durch die Restriktionen während der Pandemie entstanden“, erzählt Heinle im Rückblick. „Es ist etwas Starkes daraus entstanden. Wir waren längst Hals über Kopf darin verwickelt. Als die Zusage kam, konnten wir es nicht glauben. Einen Grundstock zu haben für ein Projekt, das ist eine grosse Erleichterung und Freude und gleichzeitig ein Gefühl der Verantwortung, alles, was geplant ist, auch umzusetzen“. 

„Als die Zusage kam, konnten wir es nicht glauben. Einen Grundstock zu haben für ein Projekt, das ist eine grosse Erleichterung und Freude und gleichzeitig ein Gefühl der Verantwortung, alles, was geplant ist, auch umzusetzen.“

Claudia Heinle, Tänzerin und Choreografin

Das Projekt der Compagnie Tanz-Raum wäre wahrscheinlich auch ohne die Unterstützung des Thurgaus umgesetzt worden, aber eben kleiner, vielleicht mit nur zwei Auftritten in Konstanz statt einer Reihe von Auftritten im Kanton.

Claudia Heinle musst sich einen Pfad im Förderdschungel suchen, weil sie ihre Projekte wegen der Pandemie nicht mehr durch Unterricht in ägyptischem Tanz quersubventionieren konnte. | Foto: Inka Grabowsky

 

Dieses Phänomen ist David Nägeli alias DAIF aus Frauenfeld bestens bekannt: „Ich entwickle meine Ideen und schreibe meine Musik ohnehin, einfach automatisch. Aber wenn man kein Budget auftreiben kann, dann muss man die Umsetzung eben runterskalieren. Eine Produktion von physischen Vinyl-Platten gibt es in dem Fall eben nicht. Und ohne Fördergelder müsste ich bei Konzerten Gagen verlangen, die jene Veranstalter, mit denen ich zusammenarbeiten möchte, gar nicht bezahlen könnten.“

Im Clip von 2018 setzt sich DAIF mit den Subventionen dadaistisch auseinander

Reinfuchsen ist Bedingung

Die Auszahlung ist das glückliche Ende eines langen Wegs, der mit dem Ausfüllen eines Formulars beginnt. Anschreiben, Projektbeschrieb, Lebenslauf, Budget und eine konkrete Angabe zum Verwendungszweck müssen verfasst werden. „Anträge sind nicht in ein paar Stunden erledigt, auch nicht in einem Tag“, so Claudia Heinle. „Ich brauche Wochen dafür, je nach Art des Projekts und wie gut ich mich gerade im Antragsdschungel auskenne.“

Es müsse viel parallel laufen: die Entwicklung des künstlerischen Projektes, das Schreiben der Idee, das Zusammenstellen des Teams, das Erstellen des Finanzierungsplanes, im Fall von internationalen Projekten auch noch die Übersetzungen. „Da braucht man ein dickes Fell, konkretes Wissen und Professionalität in ganz unterschiedlichen Gebieten. Es reicht nicht aus, als Künstlerin zu wissen, woher man kommt, für was man steht und wohin man geht.“

Vor der Pandemie konnte die Expertin für ägyptischen Tanz Geld für zukünftige Projekte mit Kursen, Workshops und Auftritten finanzieren. Inzwischen hat sie sich mit Hilfe ihres Steuerberaters Fachwissen zu finanziellen Fördermöglichkeiten verschafft.

„Anträge sind nicht in ein paar Stunden erledigt, auch nicht in einem Tag“, so Claudia Heinle. | Foto: Inka Grabowsky

 

Auch David Nägeli ist im Laufe der Jahre schneller und erfolgreicher geworden. Er denkt bei der Planung eines Projektes gleich mit an die Finanzierung. Allerdings muss er einräumen, dass er immer noch Fehler macht und sich mal die Kulturämter von Stadt oder Kanton und mal die Kulturstiftung für nicht zuständig erklären. „Seit ich meine Buchhaltung als Selbständiger selbst mache, ist es leichter geworden. Bei jungen Kolleginnen und Kollegen sieht es anders aus. Oft beantragen sie aus Unwissenheit gar nichts. Sie müssen sich auch erst bewusst machen, dass sie mit ihrem Werk etwas machen, was für die Allgemeinheit einen Wert darstellt.“

David Nägeli alias DAIF findet sich inzwischen im Förderbetrieb gut zurecht. „Transparent“ nennt er das Verfahren. | Foto: Olaf Brachem

 

Nägeli produziert für andere Musikerinnen und Musiker Audio- und Video-Aufnahmen und kennt deshalb die Sorgen der Newcomer. Die jungen Musikschaffenden fühlten sich überfordert. Immerhin: „Vorbehalte, vom Staat Geld anzunehmen, gibt es sehr selten – vielleicht mal bei ein Punk-Band, die eher anarchistisch orientiert ist – aber deren Produktionen kosten meist auch nicht viel. Die Auflagen durch die Geldgeber sind ja häufig auch denkbar gering: Man muss im Kanton oder in der Stadt aufführen und – wo möglich – ein Exemplar der Arbeit abgeben.“

„Vorbehalte, vom Staat Geld anzunehmen, gibt es sehr selten – vielleicht mal bei ein Punk-Band, die eher anarchistisch orientiert ist – aber deren Produktionen kosten meist auch nicht viel.“

David Nägeli alias DAIF, Musiker

Absagen verkraften

Eine Bitte um Unterstützung beinhaltet logischerweise das Risiko, dass sie abgelehnt wird. „Absagen kratzen schon am Selbstbewusstsein“, sagt David Nägeli. „Man fragt sich: Bin ich vielleicht nicht gut genug. Auch bei mir ist das ‚Impostor-Syndrom‘ noch nicht ganz weg. Zusagen helfen dagegen, sich wie ein ernstzunehmender Kulturschaffender zu fühlen.“

„Absagen kratzen schon am Selbstbewusstsein“, sagt David Nägeli. „Man fragt sich: Bin ich vielleicht nicht gut genug.“ | Foto: Nicolaj Leu

 

Claudia Heinle hat eine abgeklärte Einstellung zu behördlicher Ablehnung: „Bei der Kulturstiftung habe ich mich dieses Jahr für ein Forschungsstipendium beworben und eine Absage erhalten. Das Wichtige für mich war aber nicht der Entscheid, sondern in Dialog mit mir selbst und mit anderen zu treten und mich dafür zu öffnen, dass ein Komitee unterschiedlicher Menschen einen Blick darauf wirft. Wenn ich als Tänzerin kreiere, kommen die Dinge sehr tief aus meinem Inneren, das macht einerseits stark und andererseits verletzlich. Es ist eine Herausforderung als Künstlerin und Mensch, mit diesen Dingen umzugehen. In der Tradition der Mystiker muss man das Ego töten, um wirklich frei zu sein. Und wir Künstler und Künstlerinnen nehmen für uns in Anspruch Freigeister zu sein. Bis jetzt konnten wir mit der Compagnie Tanz-Raum alles realisieren, das uns am Herzen liegt, auch ohne Förderung. Unabhängigkeit ist essentiell – vor allem, wenn man wie wir nicht so gut in eine Schublade gesteckt werden kann.“  

Enttäuschungen nie ausgeschlossen

Der Ermatinger Kleintheater-Betreiber Adolf Jens Koemeda kann ein Lied von den verschlungenen Wegen im Förderdschungel singen. Er hat ein Buch zur Geschichte des Kellertheaters „Breitenstein“ herausgegeben, und der Verleger wollte einen Teil der Herstellungs- und Druckkosten von Förderinstanzen zurückholen. Er schrieb Briefe mit der Bitte um Unterstützung an Stiftungen, Gemeinden und Unternehmen – mit wechselndem Erfolg, wie Koemeda erzählt: „Ausgerechnet von der Gemeinde Ermatingen gab es keine Unterstützung“, sagt er. Unter anderen habe das benachbarte Kreuzlingen ein paar hundert Franken gegeben, der Lotteriefonds und die Kantonalbank unterstützen mit vierstelligen Beträgen. „Auch beim Lotteriefonds musste der Verleger nachfragen. Zunächst gab es auch von da eine Absage, aber offenkundig fehlten den Entscheidern Informationen, die wir nachliefern konnten, um unsere Argumente zu verdeutlichen.“

Adolf Jens Koemeda war enttäuscht von der Resonanz auf die Bitte um Unterstützung für ein Buchprojekt über das Kellertheater „Breitenstein“. | Foto: Inka Grabowsky

 

Was den Psychiater, Schriftsteller und Veranstalter besonders trifft, ist die mangelnde Wertschätzung, die er aus der Ablehnung der finanziellen Unterstützung herausliest. „Über Jahrzehnte haben wir ja nicht nur zum kulturellen Leben des Dorfs beigetragen, sondern auch für Umsatz gesorgt. Nach den Lesungen sind die Leute in den Restaurants essen gegangen, einige haben in der Umgebung übernachtet. Das hätte eine symbolische Anerkennung durch die Gemeinde verdient.“

„Absagen kratzen schon am Selbstbewusstsein.“

David Nägeli alias DAIF 

Gemeinden müssen haushalten

Urs Tobler, der Gemeindepräsident von Ermatingen, möchte die Ablehnung nicht so verstanden wissen: „Es ist hervorragend, was Jens Koemeda im Dorf geleistet hat. Sein Wirken hat Ermatingen viel gebracht, was wir sehr schätzen. Aber in diesem Fall ist es eben sinnvoller, die anderen Kanäle der Förderung zu nutzen.“ Ermatingen zahle zum Beispiel Beiträge in den Pool des Vereins Kultursee ein, wo dann eine Kommission über die Verteilung der Gelder entscheidet. Die Gemeinde selbst unterstütze direkt vor allem die Kinder- und Jugendarbeit oder helfe bei Anlässen mit Naturalleistungen wie Räumen oder Parkplätzen.

Vizepräsident Thomas Ribi ergänzt: „Die Gemeinde Ermatingen verfügt über keinen Kulturfonds oder Mäzen, der für kulturelle Projekte Gelder zur Verfügung stellen würde. Für die Anträge von Kulturschaffenden stehen einzig allgemeine Steuereinnahmen zur Verfügung. Für deren Einsatz ist für uns immer ein der breiten Allgemeinheit dienendes, übergeordnetes öffentliches Interesse notwendig.“ 

Gesetze des Marktes auch bei Wettbewerben

Möglicherweise besonders schmerzhaft sind Zurückweisungen nach Wettbewerben.

Der Maler, Zeichner und Video-Künstler Pablo Walser berichtet vom grossen Aufwand, den man für die Teilnahme auf sich nehmen muss. „Wenn man ein Portfolio extra für einen Wettbewerb macht, steht das oft nicht in einem Verhältnis zur Wahrscheinlichkeit, den Wettbewerb zu gewinnen. Am Anfang wusste ich das nicht und habe sehr aufwändige Bewerbungen gemacht. Dementsprechend enttäuscht war ich, eine unpersönliche Absage gekriegt zu haben.“ Oft seien diese Absagen noch nicht einmal sonderlich höflich gehalten. „Ich habe einen ganzen Ordner voller Absagen gesammelt, um irgendwann mal was daraus zu machen. Es ist reichlich deprimierend diese Absagen in Kette zu lesen“, sagt er mit dem Lächeln eines inzwischen erfolgreichen Künstlers.

Bei den Bewerbungen geht es schlussendlich auch ums Verkaufen, meint Pablo Walser. | Foto: Inka Grabowsky

 

„Irgendwann habe ich viele sehr ähnliche Bewerbungen verschickt, damit sank der zeitliche Aufwand. Das war aber auch nur mässig erfolgreich.“ Erst mit der Zeit habe er ein Gespür dafür entwickelt, an welchen Wettbewerben sich ein höherer Aufwand lohnen könnte. Ganz glücklich ist er mit der Situation nicht: „Da auch bei staatlichen Förderungen kapitalistische Logik vorherrscht, geht es bei der Bewerbung halt schlussendlich auch ums Verkaufen – mit mir, dem Künstler, als Produkt. Ich schreibe Werbetexte auf mich selbst, anstatt inhaltlich zu arbeiten. Eine weitere kapitalistische Logik ist die der Akkumulation. Wenn ich einen Preis bekommen habe, ist es leichter, den Nächsten zu bekommen. So ist es derzeit bei mir. Aber obwohl ich gerade das Glück habe, regelmässiger eine Förderung zu erhalten, ergibt sich noch nicht ein nachhaltig gutes Gehalt.“

 

„Da auch bei staatlichen Förderungen kapitalistische Logik vorherrscht, geht es bei der Bewerbung halt schlussendlich auch ums Verkaufen – mit mir, dem Künstler, als Produkt. Ich schreibe Werbetexte auf mich selbst, anstatt inhaltlich zu arbeiten.“

Pablo Walser

 

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kulturpolitik

Kommt vor in diesen Interessen

  • Analyse
  • Kulturförderung

Werbung

#lieblingsstücke

quer durch den Thurgau

Kultur für Klein & Gross #2

Jetzt abonnieren

Der Newsletter für kulturelle Kinder- & Familienangebote.

Wer wir sind

Alles rund um thurgaukultur.ch

Ähnliche Beiträge

Kulturpolitik

240’000 Franken fürs neue KAFF

Gute Nachrichten für die junge Kultur in Frauenfeld: Der Regierungsrat hat Gelder aus dem Lotteriefonds für den Neubau frei gegeben. mehr

Kulturpolitik

Anders Stokholm wird Präsident der Kulturstiftung

Der Frauenfelder Stadtpräsident übernimmt ab 2022 das Amt von Renate Bruggmann. Sein Ziel: Die Kulturstiftung weiterentwickeln und stärken. mehr

Kulturpolitik

Abstimmungskampf spitzt sich zu

Ein vielfältiges Kulturprogramm, erschwingliche Preise und ein breites Publikum. Der zehn Jahre alte Traum von Kreuzlingen ist mit dem Kult-X Realität geworden. Ein Nein an der Urne wäre nun das Aus. mehr