von Inka Grabowsky, 22.06.2022

KI, Pilze und selbst wachsende Skulpturen

KI, Pilze und selbst wachsende Skulpturen
Spielt eine zentrale Rolle in einem neuen Projekt von Hannes Brunner: ein Industrieroboter. | © zVg

Hannes Brunner erhält in diesem Jahr zum dritten Mal einen Förderbeitrag des Kanton Thurgau. In seiner aktuellen Arbeit spielt ein Industrieroboter eine grosse Rolle. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

«Ich habe meine Wurzeln im Thurgau», sagt Hannes Brunner, der seit zehn Jahren Professor für Bildhauerei an der Kunsthochschule Berlin-Weissensee ist. Geboren ist er in Luzern, aufgewachsen aber in Frauenfeld. Und auch wenn er nach Stationen in New York und Kiel jetzt in Berlin und Zürich tätig ist, kehrt er doch immer wieder in den Thurgau zurück.

Vergangenes Jahr stellte er zum Beispiel unter dem Titel «Analoges Jahr – Worte finden für etwas aus der Dämmerung» im Haus zur Glocke in Steckborn 365 Skizzen aus, die er binnen eines Jahres Tag für Tag angefertigt hatte. Auch im Kunstmuseum Thurgau oder in der Kunsthalle Arbon zeigte er seine Werke.

«Für einige treffe ich den Nagel auf den Kopf, für andere ist das nichts.»

Hannes Brunner, Künstler und Professor

Sein Thurgau-Bezug spiegelt sich in den Förderbeiträgen, die er bereits 2004 und 2012 bekommen hat. «2004 ist ein Online-Archiv entstanden, dessen rudimentäre Überbleibsel ich für meinen Gebrauch immer noch weiterführe», erzählt er. «2012 ging es um die Wahrnehmung des öffentlichen Raums. Bei dem über viele Jahr fortlaufenden Video-Projekt ‹The Driver‘s Comment› habe ich Kunsthistoriker die Kunst auf Kreisverkehren kommentieren lassen, während sie im Auto den Kreisel umrunden.»

Den aktuellen Förderbeitrag will er einsetzen, um die Grenzen und Möglichkeiten von künstlicher Intelligenz erlebbar zu machen. Für «Learning a New Language» wird ein Industrieroboter über Spracheingabe darauf programmiert, eine Platte aus Mycelium zu bearbeiten.

 

«Analoges Jahr – Worte finden für etwas aus der Dämmerung» im Haus zur Glocke in Steckborn 365 Skizzen aus, die Hannes Brunner binnen eines Jahres Tag für Tag angefertigt hatte. Bild: zVg

Arbeit am lebendigen Material

Nun ist dieses Material aber quasi lebendig. Es besteht aus Pilzgewebe, das sich auf- und abbaut, nachdem es aus einem 3-D-Drucker kommt. Die Veränderungen werden beschrieben und über eine Datenbank wieder dem Roboter zurückgespiegelt. Die Maschine wiederum ist mit einer selbst lernenden künstlichen Intelligenz ausgestattet.

Brunner will das System nach einigen Wiederholungen sich selbst überlassen und hofft darauf, dass nach fünf Monaten neue unbekannte Strukturen erscheinen. «Mir geht es um die Interaktion zwischen Roboter und Mycelium, und darum, wie ich sprachlich steuernd in diesen Dialog eingreife.» Im Hintergrund steht die Frage, inwieweit die Menschheit die Entscheidungen von Artificial Intelligence als legitim hinnimmt, inwieweit wir Algorithmen erlauben unser Leben zu beeinflussen.

Der Weg ist das Ziel

Die Diskussionen über Linguistik mit einem Senior Researcher und Lab Manager vom Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz und dem wissenschaftlichen Mitarbeiter, der sich um den Industrieroboter kümmert, seien schon in der Recherchephase sehr spannend, so Brunner.

Noch ist unklar, ob das entstehende Produkt – also die Myceliumskulptur - als Artefakt schliesslich zum Ausstellungsstück wird. Im Mittelpunkt des Schaffens steht der Prozess, nicht das fassbare Ergebnis. «Vielleicht ist es doch nur eine Pappscheibe, die sich nicht mehr verändert.»

Brunner kommt ins Träumen: «Aber stellen wir uns doch mal vor, man könnte aus Mycelium eine Parkbank fertigen, die sich von sich aus weiterentwickelt. Das wäre schon schön.»

Träume von selbstwachsenden Skulpturen

Zwei Jahre habe die Idee zu der Installation schon in ihm gegärt. «Im Herbst werde ich 65 und will dann damit aufhören, in Berlin an der Kunsthochschule zu unterrichten», so Brunner. «Nur forschen will ich weiterhin. Da kommt mir der Förderbeitrag sehr gelegen.»

Er sei sehr dankbar, dass ihm der Thurgau immer wieder wohlgesonnen gewesen sei. Und auch in den Kanton zurückzukehren, sei eine angenehme Wunschvorstellung. «Nur im Moment kann ich mir das nicht leisten.»

Immerhin wird der Förderbeitrags-Empfänger Anfang kommenden Jahres mit seinen Werken wahrscheinlich im Kunstmuseum Thurgau zu sehen sein. Die Planung einer Ausstellung laufe, sagt er.

 

Hannes Brunners Sternennebel im Kunstmuseum Thurgau. Bild: zVg

Versuche, Theorien sichtbar zu machen

Schon jetzt Teil der Sammlung des Kantons ist der «Sternennebel» von 1991. Die in Ittingen an der Decke hängende Skulptur aus Karton, Draht, Holzlatten und Lautsprecheranlagen bildet «entdeckte und noch zu entdeckende» Planetensysteme nach.

„Das ist einfach anzuschauen – es sind eben arrangierte Kartonschachteln. Aber ich bin jedem Betrachter dankbar, der mit mir mitzieht, während ich überlege, wie ich Gedanken visualisiere.» Im Fall der 1991 geschaffenen Konstruktion hilft es, sich mit Pythagoras‘ Vorstellung von Sphärenmusik auseinanderzusetzen, nach der die Bewegungen der Planeten rund um ihre Sterne unhörbare Töne verursachen. «Ich suche eine visuelle Sprache für solche Theorien und habe dabei noch nicht der Weisheit letzten Schluss gefunden.»

Die Ergebnisse seien mal sperrig und mal unverständlich. Aber man könne es interessant finden. «Für einige treffe ich den Nagel auf den Kopf, für andere ist das nichts.»

Wie Gedanken beim Reden entstehen

Brunner bezieht sich bei der Konzeption seiner Projekte unter anderem auch auf Kleists Aufsatz «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Im kreativen Prozess nähert er sich dem Verständnis eines Phänomens an.

Es gehe ihm immer um die Frage, wann etwas verständlich wird, speziell jenseits der mündlichen Äusserung. «Ich möchte mit meinen Werken die flüchtigen Gedanken einfangen.»

 

Die Porträtserie zu den Förderbeiträgen des Kantons Thurgau

In einer neuen Serie stellen wir alle Gewinner:innen der diesjährigen Förderbeiträge des Kantons vor. Alle Beiträge werden im Themendossier zu den Förderbeiträgen gebündelt. Dort finden sich auch Porträts über frühere Gewinner:innen dieser Förderbeiträge.

 

Die Preisträger:innen 2022 sind: Hannes Brunner, (bildender Künstler, Zürich), Lea Frei, (Autorin und Illustratorin, St. Gallen), Michael Frei, (Filmemacher, Zürich), Sonja Lippuner, (bildende Künstlerin, Basel), Thi My Lien Nguyen, (bildende Künstlerin, Winterthur) und Fabian Ziegler (Musiker, Matzingen). Zu drei der sechs ausgezeichneten Künstler:innen sind in den vergangenen Jahren bereits Porträts erschienen. Diese Texte verlinken wir hier: Sonja Lippuner, Thi My Lien Nguyen und Fabian Ziegler.

 

Einmal im Jahr vergibt der Kanton die mit jeweils 25'000 Franken dotierten Förderbeiträge. Sie werden von einer Jury vergeben, die sich aus den Fachreferentinnen und -referenten des Kulturamts und externen Fachpersonen zusammensetzt. Auch in diesem Jahr sei die Anzahl und Qualität der eingegangenen Bewerbungen hoch gewesen, heisst es in einer Medienmitteilung des Kulturamts. Die Jury habe Künstlerinnen und Künstler aus vier verschiedenen Sparten ausgewählt und damit ein breites künstlerisches Schaffen im Kanton und darüber hinaus gewürdigt, heisst es weiter.

 

 

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