von Maria Schorpp, 26.06.2026
Krawall und Remmidemmi

Büchners „Leonce und Lena“ einmal ganz anders: Das Stadttheater Konstanz macht in seinem Sommertheater auf dem Münsterplatz daraus eine knallige Space Opera und Aperol Spritz-Party. Weniger Brimborium, mehr Büchner hätte der Sache gut getan. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
So gnadenlos Georg Büchner bei der Beschreibung der Menschen und ihrer Lebensbedingungen war, so erbarmungslos spöttisch gab er sich in seiner einzigen Komödie „Leonce und Lena“. Was sich am augenfälligsten in der Bezeichnung der beiden vorkommenden Königreiche zeigt: Popo und Pipi. Ziel seines Spotts war der provinzielle und ausbeuterische Adel in den deutschen Kleinstaaten des Vormärz. Kindersprache für die Infantilität politischer Akteure. Da könnte man fast an die Gegenwart denken.
Regisseur und Autor Ekat Cordes dachte bei seiner Interpretation der Komödie zumindest auf den ersten Blick eher an die Zukunft. Seine Space Opera jedenfalls spielt in den kosmischen Weiten, was aber gar nicht so entscheidend ist, denn der Mensch nimmt sich bekanntlich immer mit, wohin er auch vor sich selbst entfliehen möchte. Korrektur: Entscheidend ist der futuristische Spielplatz schon, denn ohne ihn sähe das diesjährige Sommertheater-Spektakel auf dem Konstanzer Münsterplatz nicht so, naja, spacig aus.
Denken heisst, ich bin kaputt
Sehr frei nach Büchner also, auch im Hinzudichten von Figuren. König Peter im Reich Popo erhält eine Königin Petra im Reich Pipi, hier zwei CEOs von Multitechunternehmen, die zwecks Machtoptimierung beabsichtigen, mit ihren Premiumprodukten zu fusionieren. Und das sind Leonce und Lena, zwei Prototypen von Androiden mit allem, was dazugehört: keine Gefühle, keine eigenständigen Gedanken, kein zur Sonne und zur Freiheit. Da fallen dann so schön anspielungsreiche Sätze wie: „Denn Denken, verehrtes Publikum, heißt hier nicht: Ich bin, sondern: Ich bin kaputt.“
Bis in Lena und Leonce dem zum Trotz die ersten menschlichen Regungen warmlaufen, haben erst einmal andere ihre grossen Auftritte. Zoubeida Ben Salah als Lenas Gouvernante Adelheid oder Maria Lehberg als Hofmeisterin Hildgund, die nimmermüde Herrin der Updates. Und besonders spritzig Moderator Gary Galaxy von Patrick O. Beck.
Video: Trailer zum Sommertheater in Konstanz
Hier wird geklotzt
Die Produktion des Konstanzer Stadttheaters klotzt im besten Sinne. Links und rechts vom Roboter-Hort befinden sich erhöhte Bauten, so etwas wie Weltraumburgen. Katrin Huke und Thomas Fritz Jung als Peter und Petra sind schon für sich genommen eine Nummer, grossartige Komödianten und in den Kostümen von Anike Sedello, die es für Bühne und Kostüme in die Vollen gegriffen hat, skurril anzuschauende Mischwesen aus alten und neuen Märchenzeiten.
Musik gibt es natürlich auch. Theaterkomponist Anton Berman hat einen guten Mix gefunden zwischen metallischem Space-Sound und eingängigen Melodien, der Song „Liebe zerstört Systeme“ ist der Hit des Abends. Die Darstellenden haben Stimme, allen voran Katrin Huke, die nach der Pause mit ihrer Eros Ramazzotti-Einlage das Publikum endgültig erobert. Klasse auch Julius Engelbach als Leonces Begleiter Valerio, der mit blauen Augen, grüner Perücke und seiner Philosophie der Faulheit die nach Optimierung hungernde Profitgesellschaft toxisch unterwandert.
Kleine Gesten des Menschlichen
Schliesslich Leonce und Lena, die von Mark Harvey Mühlemann und Kristina Lotta Kahlert den Charme zweier romantischer Automaten erhalten, denen offenbar kein Update den kartesischen Zweifel austreiben kann. Immer wieder schön zu sehen von den beiden, wie kleine Gesten das Menschliche in der Maschine verraten. Im Gegenzug gibt’s viel Brimborium mit Anti-Emotions-Updates und Gefühlsparametern, ein bisschen zu viel, wie überhaupt ein paar Redundanzen zu verzeichnen sind.
Und das gerade, was die beiden Hauptfiguren betrifft und ihre Menschwerdung. Monoton muss Lena in Ekat Cordes‘ Textfassung, die immer wieder mit Witz den Spagat zwischen Büchner und den Weiten des Weltalls hinbekommt, wiederholt bekunden, dass sie grad wieder was fühlt. Die schönste Szene des Abends, wenn sich Leonce und Lena zum ersten Mal allein treffen, ist in Büchners O-Ton gesprochen. Wirkt wie eine Erholung vom Spassregime.
Aperol Spritz bis zum Abwinken
Ähnlich inflationär sind dann die Aperol Spritz-Einlagen nach der Pause. Wenn am Ende diese Sause auf dem Planeten Italo in ihrer gnadenlosen Überzeichnung auch sehr lustig ist – und im Übrigen Büchners erbarmungslosem Spott nahekommt. Und sehr unterhaltend, siehe Katrin Huke als stimmgewaltige Ramazzotti-Interpretin, aber auch Thomas Fritz Jung als Stimmungskanone und mit seinem Auftritt als Aperol Spritz-Göttin mit Mitra in Orangen-Optik. Alle Verkrampfungen der Leistungsgesellschaft ersaufen in der süssen Plörre, der Italo-Pop regiert.
Vor lauter Dolce far niente-Trunkenheit geht Büchners Komödienausgang mit der Hochzeit der beiden, die ja genau dieser nach Italien entfliehen wollten, ein bisschen unter. Das Finale mit einem hymnischen „Yesterday“ hat dann wieder das Zeug, dass man unterm Strich mit Glücksgefühlen den Nachhauseweg antritt.
Die weiteren Aufführungstermine
Das Sommertheater auf dem Konstanzer Münsterplatz läuft noch bis Ende Juli.
Die weiteren Termine im Überblick:
Juni
Samstag, 27.06.26 | 19 Uhr
Sonntag, 28.06.26 | 19 Uhr
Montag, 29.06.26 | 19 Uhr
Juli
Donnerstag, 02.07.26 | 19 Uhr
Samstag, 04.07.26 | 19 Uhr
Montag, 06.07.26 | 19 Uhr
Mittwoch, 08.07.26 | 19 Uhr
Freitag, 10.07.26 | 19 Uhr
Samstag, 11.07.26 | 19 Uhr
Sonntag, 12.07.26 | 19 Uhr
Donnerstag, 16.07.26 | 19 Uhr
Freitag, 17.07.26 | 19 Uhr
Samstag, 18.07.26 | 19 Uhr
Dienstag, 21.07.26 | 19 Uhr
Mittwoch, 22.07.26 | 19 Uhr
Donnerstag, 23.07.26 | 19 Uhr
Samstag, 25.07.26 | 19 Uhr
Tickets für alle Vorstellungen gibt es über die Website des Theaters.

Von Maria Schorpp
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