Seite vorlesen

von Maria Schorpp, 15.06.2026

Im unendlichen Fluss von Bedeutungen

Im unendlichen Fluss von Bedeutungen
Mit Objekten wie Kunsthaar und Haarzöpfen aus Silikon gibt die Künstlerin Lulu Cora Süss ihren As-semblagen eine queere Konnotation. Im Hintergrund die Arbeit „a tough romantic wind blows, eyes gona cry in need“, eine weitere Auseinandersetzung mit trans Körperlichkeit und materieller Meta-morphose aus dem Jahr 2026. | © Lulu Cora Süss

Lulu Cora Süss bricht mit ihren Assemblage-Skulpturen scheinbar unveränderliche Kategorien auf und zieht damit Parallelen zur queeren Körperlichkeit. Der Kanton Thurgau hat sie nun mit einem Förderbeitrag von 25‘000 Franken ausgezeichnet. (Lesedauer: ca. 5 Minuten)

Auf einem Tisch in der Ecke steht die Nähmaschine, an der Wand lehnt eine Gitarre. Letztere ist zur Entspannung da, erstere ist für die Kunst von Lulu Cora Süss ein entscheidendes Instrument. Aktuell arbeitet die Künstlerin viel mit Leder. Eine Skulptur, gefertigt ganz aus lederner Motorradkleidung, hängt an der Wand ihres Ateliers in Zürich. Sie ist noch in Arbeit und sieht bis jetzt aus wie ein mittelalterlicher Brustpanzer mit weiblichen Formen. Zwei dicke Zöpfe aus rosa Silikon stehen im Kontrast zu den schwarzen Lederelementen der Skulptur.

Lulu Cora Süss‘ Werke reihen sich in die Kunstrichtung der Assemblage-Skulpturen ein. Sie selbst umschreibt es so: „Ich arbeite mehrheitlich mit gefundenen Objekten. In vielen weiteren Schritten manipuliere und kombiniere ich diese, und zwar so, dass sie am Ende zu etwas Neuem werden.“ Gefunden heisst konkret: gefunden etwa in Brockenhäusern, Secondhand-Läden oder Onlineplattformen. Hier also Motorradkleidung aus Leder.

Nichts bleibt, wie es ist

Leder wird ihr Hauptmaterial sein für die neue Werkserie, die die Künstlerin mit dem Förderbeitrag an Kulturschaffende aus dem Thurgau realisiert, wo sie viele Jahre gelebt hat. Und dafür braucht sie unter anderem die Nähmaschine. Denn nichts bleibt so, wie es ist, wenn Lulu Cora Süss sich an die Arbeit macht. Sie seziert ihre ursprünglichen Fundstücke „wie in einer Operation mit Skalpell“. Hier hat sie das Material der Motorradkleidung in seine Einzelteile zerlegt, um es in ihrer Brust-Skulptur neu zusammenzunähen. Und noch andere Objekte einzufügen. Wie den langen rosa Silikonzopf.

Ihre Objekte unterteilt sie in „drei Säulen“: Da sind Gegenstände, deren Herkunft aus dem westlichen, eurozentristischen Raum stammen, „domestiziert“ nennt sie sie auch, etwa verchromte Badezimmergriffe oder Seifenhalter. Eine weitere Objektgruppe bilden Gegenstände, die starke maskuline Konnotationen mitbringen, Lederkleidung eben oder der Auspuff eines Motorrads.

Video: arttv.ch über die Arbeit von Lulu Cora Süss

Schliesslich die dritte Säule: Gegenstände, die queer gelesen werden, und die Süss dazu nutzt, die ersten beiden Objektarten aufzubrechen, zu sezieren, um sie in einem neuen in sich fluiden Bedeutungsraum zu platzieren. Strasssteine vielleicht oder Kunsthaar, die erst durch den Kontext diese queere Konnotation erhalten. Auch die verschiedenen Verbindungstechniken setzen bei diesen Transformationen Zeichen. Nähen etwa ist im kulturellen Kontext eher weiblich festgeschrieben, Schweissen eher männlich.

„Jedes Objekt hat verschiedene Deutungen. Ich versuche in meinen Skulpturen, all diese Deutungen darzulegen, sie aber auch zu kondensieren, aufzubrechen und neue Lesarten zu erschaffen“, sagt Lulu Cora Süss. So wird Motorradkleidung nicht nur männlich gelesen, sondern hat auch die Konnotation einer Schutzbekleidung, einer zweiten Haut.

Die Künstlerin geht von der assoziativen Vieldeutigkeit von Objekten aus, kulturell, gesellschaftlich, vor allem ganz individuell gemeint. Wie in einem Prisma funkeln die einzelnen Assoziationen auf, je nachdem, wohin der Blick fällt, um sich immer wieder zu einem neuen Gesamtbild zu formen. „Das Material selbst wird wie ein mutierender Körper behandelt: ein Körper im Übergang, in einem kontinuierlichen Wandel“, wie die Künstlerin selbst über ihre Arbeit schreibt.

Wie die Skulpturen ist der trans Körper zusammengefügt 

Die Kontrolle darüber, was entsteht, sowie die Entscheidung, welche Gegenstände zusammengefügt werden, sind eine wichtige Komponente in der künstlerischen Arbeit von Süss. Die trans Frau bringt ihre eigene Biografie in Stellung. Als Gegenbeispiel dieser selbstbestimmten Kontrolle führt sie geschlechtsangleichende Operationen an. „Hier kann ich das Skalpell oder den Faden nicht führen und kann auch nicht darüber entscheiden, was passiert.“ Wie ihre Skulpturen ist ein trans Körper zusammengefügt aus verschiedenen Kontexten, „aus dem Kontext von Maskulinität, Femininität und Non-Binarität. Es ist ein Körper, der erschaffen ist“. Wie eben auch eine Assemblage. „Mir ist wichtig, dass die Objekte, die ich erschaffe, am Schluss wie ready-mades aussehen. Objekte, die richtig aussehen“, sagt Süss.

Ihre Vorgehensweise folgt dem Prinzip Trial and Error. Auslegen, neu auslegen, probieren, nochmal probieren, bis irgendwann eine „natürliche Form“ gefunden ist. „Natürlich ist diese Form nicht natürlich, weil sie eine komplett konstruierte Realität darstellt.“ Hier sieht die Künstlerin den Link zur trans Körperlichkeit. „Aber auch konstruierte Dinge können natürlich sein. Der trans Körper ist am Ende natürlich, wie auch meine Objekte am Ende in gewisser Weise natürlich sind.“ Unser Begriff von Natur bezieht längst wie selbstverständlich den menschlichen Eingriff mit ein, so darf man das verstehen.

Zur Erläuterung zieht sie eine Parallele zur sogenannten natürlichen Ernährung. Wir gehen beispielsweise davon aus, dass Mais ein natürliches Lebensmittel ist. Vergessen werde dabei, dass der kaum geniessbare Urmais nicht mehr viel mit der Form zu tun hat, die wir nach etlichen Tausend Jahren Zucht und Genmanipulation auf dem Teller liegen haben. „Trotzdem ist der Mais natürlich. Es ist menschengemachte Natur. Genauso ist die trans Existenz komplett natürlich, auch wenn der Körper konstruiert ist.“

 

Wildheit fungiert in Arbeiten wie „frantic frustrations covered in the dust of sunlight“ von 2024 bisweilen als Synonym für Queerness, ist aber auch eine Seinsweise, die ausserhalb der Klassifizierungssysteme liegt, die menschliche Körper in klare und sich nicht überschneidende Kategorien einordnen. Bild: Lulu Cora Süss

Die Zurückeroberung von Welt

Die Konstruktion ihrer Skulpturen ist auch als eine Wiederaneignung von Welt zu verstehen, als Akt der Selbstermächtigung. Im Fall etwa von Zugängen, die nach ihrer Erfahrung trans Frauen verschlossen bleiben, zum Beispiel zum Sport, zu Badezimmern, zu sehr vielen alltäglichen Sachen: „Verschlossen heisst nicht, ich darf da nicht rein, verschlossen heisst, es ist nicht für mich gemacht, es heisst, dass einem nicht mit offenen Armen begegnet wird.“ Siehe Badezimmergriff, siehe Seifenhalter, siehe Sportbekleidung, Dinge, die sich die Künstlerin mit ihren Skulpturen in gewisser Weise wieder zurückholt.

Zurückerobert, sagt Süss. So wie sie das Monsterhafte, das bis heute queeren Personen attestiert wird, mit positiven Konnotationen versieht. Sich auf die Wissenschaftlerin und Filmemacherin Susan Stryker berufend zieht sie eine Verbindung zwischen Frankensteins Monster, das bei Mary Shelley intelligent und sich seiner Existenz bewusst ist, und einer trans Person. Das Monster lernt unter anderem die menschliche Sprache und wird trotzdem gejagt und aus der menschlichen Community ausgestossen.

In diesem Sinne sind „die Skulpturen, die ich schaffe, Körper, die auf gewisse Weise (m)einen Körper widerspiegeln. Ich möchte nicht so weit gehen und sagen, es seien Selbstporträts, es geht mir in meiner Arbeit um mehr“, sagt die 27-jährige Künstlerin, die im Mai in Basel ausgestellt hat, im Juli im im Helmhaus in Zürich mit einer Werkschau zu sehen ist und im Oktober eine Solo-Ausstellung in Luzern haben wird. Geschlecht, Körperlichkeit und Transness stellen einen bedeutenden Posten in ihrem Werk dar. Viele andere Themen stehen gleichberechtigt daneben, im wahrsten Sinne des Wortes. Oder hängen an der Wand, wie das Zaumzeug von Pferden, bei dem es um Zähmung, die Beziehung von Mensch und Tier und Machtdynamiken geht. Das Pferdegeschirr ist übrigens unter anderem mit zwei Kufen von Schlittschuhen kombiniert.

So, wie sie sind, sind sie richtig

Diese Objekte – zusammengefügt aus komplett verschiedenen Welten, komplett verschiedenen Bedeutungs- und Funktionskontexten – wollen die Betrachtenden davon überzeugen, „dass sie zusammengehören und dass sie so, wie sie sind, richtig sind“. Auf den zweiten Blick werden die verschiedenen Zusammenhänge sichtbar, die jedoch als Zusammengefügtes selbst wieder in neuen konnotativen Spannungsverhältnissen stehen. Auch Humor ist in ihren Skulpturen zu erkennen: falsche Wimpern, ein kleines Schmuckstück, das amüsante Zusammenspiel von Objekten wie der Motorradtank, der mit zwei Hörnern bewehrt ist.

Denn Süss besteht darauf, dass auch Menschen mit ihrer Kunst etwas anfangen können, die den queeren Theoriehintergrund nicht kennen. Nebst diesem sollen die Skulpturen auch einfach als ästhetische Kunstobjekte funktionieren. „Ich habe nicht den Anspruch, mit meiner Arbeit das Verständnis von Geschlecht bei jemandem zu ändern. Meine Existenz ist nicht per se politisch, nur weil ich trans bin. Am Schluss mache ich einfach Kunst. Und Kunst soll dich kurz in eine neue Welt versetzen.“

 

Wie alle Assemblagen besteht auch die Arbeit „floats in circles round, feathers broke wind flaps ex-pand“ von 2026 überwiegend aus Fundstücken, die eine Reihe von Assoziationen wecken, sei es durch ihre Form, ihre Materialität oder ihre Herkunft. Bild: Lulu Cora Süss

 

Die Theorie und der Alltag

So wichtig ihr der theoretische Background ist – Texte verfassen wird möglicherweise auch einmal zu ihrer Kunst gehören –, so gut kann sie zwischen Theorie und wirklichem Leben unterscheiden. In der Theorie weiss sie, dass alles im ständigen Wandel begriffen ist, dass Transition eine Lebensrealität ist. In der Theorie weiss sie, wie man Begriffe wie Monster für sich zurückerobert, „das aber im Alltag zu leben, ist etwas ganz anderes. Im Alltag strebe ich sehr oft an, nicht in die Kategorie der Monstrosität zu fallen, sondern mich so zu geben, dass ich feminin gelesen werde. Auch finde ich diesen ständigen Fluss, diesen ständigen Wandel im Alltag nicht immer erstrebenswert. Und darum würde ich sagen: In meiner Arbeit kann ich das ausleben, weil ich es im echten Leben nicht immer kann.“

„Im Mittelpunkt steht eine fortwährende Untersuchung der Transformation, ein beharrlicher Versuch, das Bekannte und Vertraute aufzubrechen, neu zu formen, zu zerlegen und zu neuem Leben zu erwecken – in Formen, die sich jeder Kategorie entziehen“, schreibt Lulu Cora Süss auf ihrer Website zu einer ihrer Werkserien. Letztlich geht es in der Kunst der bereits vielfach ausgezeichneten jungen Künstlerin auch um das Einfangen von Welt, die sich einen Spass daraus macht, sich permanent menschlicher Vereinnahmungsversuchen zu entziehen.

Neue Serie über Förderbeitragsgewinner:innen

Einmal im Jahr vergibt der Kanton Thurgau seine Kultur-Förderbeiträge an Künstler:innen mit Bezug zum Thurgau. Die diesjährigen Gewinner:innen stellen wir in den kommenden Wochen in Porträts vor. Alle Texte bündeln wir in einem Themendossier. Dort finden sich auch Porträts früherer Preisträger:innen.

 

Die Übergabe der Förderbeiträge findet im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Mittwoch, 1. Juli 2026, um 19 Uhr im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden statt. Musikalisch begleitet wird der Anlass von Irina Ungureanu, welche den Förderbeitrag im Vorjahr erhalten hat und erste Ergebnisse präsentieren wird.

Kommentare werden geladen...

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst

Kommt vor in diesen Interessen

  • Kulturförderung
  • Bildende Künste

Ist Teil dieser Dossiers

Werbung

igKultur Ost aktuell

Aktuelle Infos aus dem Ostschweizer Kulturuniversum. Mit Internas, Update Kerngruppe Thurgau, Ausblicke & Termine...

Dazugehörende Veranstaltungen

Diverses

Personenbezogene Förderbeiträge

Weinfelden, Theaterhaus Thurgau

Kulturplatz-Einträge

Kulturförderung

Kulturamt Thurgau

8510 Frauenfeld

Ähnliche Beiträge

Kunst

Big in Japan

Wie schafft man kreativ Räume für Kultur? Die Ostschweizer Künstlerin Heidi Schöni hat in Asien ein spannendes Projekt entdeckt - und es sich vor Ort angeschaut. mehr

Kunst

Woran soll man noch glauben?

In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion. mehr

Kunst

Die Künstlerin der Prozesse

Sichtbar machen, wofür es keine Worte gibt: Daniela Sprengers Kunst berührt ganz unmittelbar. Beim Frauenfelder Kunst-tag Ende Juni kann man es erleben mehr