von Michael Lünstroth, 25.02.2019

Warum wir uns verkleiden

Warum wir uns verkleiden
Der Autor dieses Textes hat sich früher selbst oft und gerne verkleidet. Zum Beispiel (von links) als Abraham Lüncoln, Wikinger, Fidel Lünstro, Fehlerteufel und Ritter der Gerechtigkeit Lün Fawkes. Was diese Wahl wohl über ihn aussagt…? | © Bilder: privat

Früher musste man sich noch aufwändig verkleiden, um in eine andere Rolle zu schlüpfen. Heute reicht dafür ein Social-Media-Profil. Eine Kolumne über die wahre Maskerade unserer Tage. 

Indianer, Piraten, Prinzessinnen und Hexen gehören nicht zum üblichen Strassenbild in unserer Gegend. Und doch werden wir ihnen in den nächsten Tagen wieder häufiger begegnen - die Fasnacht steuert in dieser Woche auf ihre Höhepunkte zu und damit auch die Lust der Menschen, sich zu verkleiden. Die Frage ist: Woher kommt diese Lust, jemand anders sein zu wollen für eine begrenzte Zeit?

Sicher ist: Diese Lust ist alt. Sehr alt. Schon unsere Vorfahren bemalten sich nach Mustern von Raubtieren. Das sollte Mut und Kraft spenden. Ähnlich war es, wenn sich Menschen Felle umlegten oder Hörner aufsetzten: Damit ging auch die Hoffnung einher, dass die tierischen Kräfte auf einen übergehen, sobald man Teile von ihnen am Körper trägt. Im Tierreich selbst gibt es dieses Phänomen auch: Das Verkleiden und Imitieren ist Teil ihrer Überlebensstrategie. Sie locken damit Beute an, schützen sich vor Fressfeinden oder imponieren potenziellen Partnern. Ganz ehrlich: In der menschlichen Fasnacht geht es oft nicht anders zu. Bei den Indianern (also den echten!) und den Ureinwohnern von Papua-Neuguinea steckte aber noch mehr dahinter: Die Bemalung hatte auch eine soziale Funktion innerhalb der Stämme: Die Art und Weise der Bemalung galt als Massstab für Wertschätzung innerhalb der Gruppe und signalisierte auch die soziale Stellung eines Stammesmitgliedes.

Das Kostüm funktioniert wie ein Schutzpanzer

Und wie ist das heute? Was sagt es aus, wenn Mann sich als Polizist und Frau als Krankenschwester verkleidet? Gibt es tatsächlich so etwas wie eine Psychologie des Kostüms? Das Internet ist jedenfalls voll davon und regelmässig rund um die Fasnacht entstehen neue Artikel über aktuelle Trends und was davon zu halten ist. In der Tendenz ist es am ehesten so: Männer machen sich mit ihren Kostümen grösser und stärker als sie sind, Frauen eher schöner und aufreizender. Abgesehen davon, dass es zeigt, dass wir mit unserem Menschenbild seit der Steinzeit offenbar nicht sonderlich weiter gekommen sind, liegt in der Verkleidung auch eine Art sozialer Code. Einerseits: Das Kennenlernen wird einfacher. Grenzen lassen sich schneller überwinden. Andererseits: „Das Kostüm funktioniert wie ein Schutzpanzer: Als Pirat kann Herr Müller ganz anders tanzen, anders flirten, als wenn er ein einfacher Angestellter ist“, sagt der Psychotherapeut Wolfgang Oelsner. Und: „Ein verkleideter Mensch muss sich nicht unbedingt dafür verantworten, was da passiert.“

Spasssehnsucht, die Lust am Rollentausch, die Auflösung von Grenzen, das Gefühl mal machen zu können, was man sich sonst nicht traut sind häufig genannte Antworten, wenn man Menschen fragt, warum sie sich verkleiden. Ethnologen haben noch einen anderen Ansatz: Die Wahl der Maske sagt nicht nur etwas darüber aus, wie jemand gesehen werden will, sondern auch darüber, wie er nicht gesehen werden will. „Durch Masken können Menschen ihr gewünschtes Ich, ihr gefürchtetes Ich oder auch ihr reales ich darstellen und erleben“, schreibt die kolumbianische Ethnologin Sol Montoya Bonilla in einem Aufsatz. Die Maske steht aus ihrer Sicht für einen Prozess, „in dem die unterschiedlichen Identitäten einen Dialog führen. Zum Beispiel den zwischen Menschlichkeit und Animalität, der Tiernatur, den beiden Seiten des menschlichen Seins.“ Die Wahl der Maske ist also nicht nur Darstellung von gewünschten Stärken, sondern auch Ausgleich von wahrgenommenen Defiziten. Diese beiden Seiten betont auch der französische Soziologe Roger Caillois: „Man verkleidet sich nicht nur, um sich zu verbergen. Ebenso verkleidet man sich, um gesehen zu werden, um in einem erborgten Gewand zu prunken, zu verführen oder zu betrügen.

Im Spiegelkabinett unserer vielen Selbstbilder

Eine Beschreibung, die auch zu dem passt, was in den sozialen Medien passiert. Auch hier, in diesem Spiegelkabinett unserer vielen Selbstbilder, wird, gleich einem vehementen Verstärker, alles immer grösser, schöner, oder wahlweise schlimmer, katastrophaler als es eigentlich war. Unser Facebook-Account ist zu unserer ganz persönlichen Lügenmaschine geworden, die wir anwerfen, wann immer uns danach ist. Keine grossen Lügen vielleicht, aber doch kleine, feine Zurechtbiegungen der Realität. Der Urlaub? Wahnsinn. Das letzte Konzert? Einzigartig. Die Kinder? Immer klug und stets eine grosse Freude. Dass all das in Wirklichkeit meistens viel weniger glatt läuft, als es im Posting klingt? Geschenkt. Die Wahrheit könnte ja am Sockel kratzen, auf den man sich gerade stellen will. 

Wenn man so will, sind unsere Social-Media-Accounts heute Kleiderkammer und Kostümfundus in einem: Hier finden wir alle Bausteine, aus denen wir uns zusammensetzen wollen. Früher musste man sich noch aufwändig verkleiden, um in eine andere Rolle zu schlüpfen. Heute reicht dafür ein Social-Media-Profil. Das Problem an der Sache: Bei der althergebrachten Kostümierung gab es klare Grenzen zwischen den Rollen. Legte man die Kleider ab, war man wieder im eigenen Leben. Dieses Bewusstsein schwindet in den sozialen Medien. Weil die Rollenwechsel unbewusster passieren. Weil sie so easy sind. Weil sie manchmal vielleicht nicht mal mehr als Rollenwechsel wahrgenommen werden, weil wir uns heute schon als so divers verstehen. 

Warum ein Daueraufenthalt in sozialen Medien nicht ratsam ist

Alles scheint nah bei uns zu sein, wir scheinen mit all den Facetten unseres Selbst im Reinen, sind es dann aber doch nicht. Tendenziell ist das frustrierender: Weil die persönlich wahrgenommenen Defizit stärker erlebt werden. Sie lassen sich nicht mehr so leicht ablegen, wie ein Kostüm. Das ist auch ein Grund dafür, dass Daueraufenthalt in den sozialen Medien nicht gesund ist: Man verliert sich gewissermassen in sich selbst, oder besser gesagt, in dem, was man dafür hält. 

Man kommt da nur raus, wenn man zwei Dinge beherzigt. Erstens: Sich schleunigst von dem Aberglauben befreien, seinem Publikum immer etwas liefern zu müssen. Ganz besonders dann, wenn es aus Angst geschieht, ansonsten im Facebook-Algorithmus unterzugehen. Zweitens: Begreifen, dass nicht-posten manchmal klüger ist als posten. Eine harte Lektion, die auch ich immer wieder lernen muss. Aber probiert es mal aus und ihr werdet merken: Es ist viel anstrengender, sich ständig neue, geile Sachen für sein Social-Media-Profil auszudenken, als einfach mal nichts zu posten. 

Mit anderen Worten: Hört auf damit, Fake-News aus eurem echten Leben zu publizieren! Geht lieber raus, zieht euch ein geiles Kostüm an und lasst es mal wieder richtig krachen!

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