von Brigitte Elsner-Heller, 09.08.2018

Mord im Wasserschloss?

Mord im Wasserschloss?
Frühstück im Hause Lenglumé als wäre nichts geschehen (von links): Jan Opderbeck, Walter Andreas Müller, Bigna Körner, Hans-Rudolf Spühler). | © Brigitte Elsner-Heller

Die Idylle im Wasserschloss Hagenwil trügt: Auf der kleinen Festspiel-Bühne wird beinahe ziemlich viel gemordet. Dort feierte „Die Affäre Rue de Lourcine“ Premiere.  

Haben Sie schon mal jemanden umgebracht? Oder könnten Sie sich wenigstens vorstellen, es getan zu haben? Nicht aus Zorn oder enttäuschter Liebe oder sonst einem „ehrenwerten“ Grund – sondern quasi im Vorübergehen. Weil das einfach so passieren kann, wenn ein feuchtfröhlicher Abend in eine finstere Nacht übergegangen ist, die sich der Erinnerung weitestgehend entzieht.

Nichts ist unmöglich

Sie können sich das nicht vorstellen? Schon gar nicht, weil Sie im Thurgau zu Hause sind und der Thurgau eine friedliche Landschaft ist, in der sich die Gemüter nicht so leicht erhitzen? Aber ausgerechnet an einem sehr idyllischen Ort wie dem Wasserschloss Hagenwil lässt sich gerade erleben, dass nichts unmöglich ist. Dort sehen sich nämlich zwei Herren damit konfrontiert, dass alles darauf hinweist, dass sie den Tod eines Mädchens verursacht haben könnten. Und keine Seife scheint so sauber zu waschen, dass die (Kohlen-schwarzen) Hände der beiden wieder unschuldig erscheinen. So zumindest auf der Bühne der Schlossfestspiele Hagenwil nach Vorgabe eines Theatertextes, der gut 160 Jahre überdauert hat und damals das prosperierende Bürgertum in Frankreich unter die Lupe nahm: „Die Affäre Rue de Lourcine“ von Eugène Labiche (1815-1888) ist eine Komödie, in der menschliche Schwächen mit bitterbösem Humor gezeichnet werden – zur Erheiterung des Publikums, versteht sich, das natürlich nie und nimmer selbst … (wir gehen hier einmal davon aus, dass auch Sie die Eingangsfrage guten Gewissens mit Nein beantwortet haben).

Bilderstrecke: Szenen von der Premiere

Gestärkt durch einen Apéro im Schlossgarten ist das Premierenpublikum gut darauf vorbereitet, es mit der absurden Komik des Mordens wie der guten Sitten aufzunehmen, für die Florian Rexer die Regie übernommen hat. Und wie immer macht es schon der kleine Schlosshof mit der noch kleineren, über Eck gebauten Bühne unmöglich, sich dem Geschehen zu entziehen. Nach Paris entführt zum Auftakt Dražen Gvozdenović mit seinem Akkordeon und einem schwingenden Dreivierteltakt, der alles leicht zu machen scheint. Dabei werden es nicht alle leicht haben. Hinter dem Vorgang seines Bettes regt sich nämlich als Erster Herr Lenglumé (Walter Andreas Müller), deutlich gezeichnet von den Umtrieben der vergangenen Nacht. Von denen die liebe Gattin (Bigna Körner) aber auf keinen Fall etwas mitbekommen sollte. Zum Glück hat die aber im Moment ohnehin Anderes im Sinn: Steht doch just an diesem Tag eine Taufe in der Familie des lieben (vielleicht auch herzallerliebsten?!) Cousins an (Falk Döhler spielt die Premiere, Co-Besetzung ist Marcel Zehnder).

Die zwei Herren und ein Mord

Lenglumé bemächtigt sich zunächst einmal seiner Hose, löscht seinen Brand mangels Besserem mit dem Blumenwasser – um alsbald ein Geräusch aus den Tiefen seines Bettes zu vernehmen. Die dort vermutete junge Dame erweist sich indes als Kumpel aus Schulzeiten, auch wenn sich die Herren Lenglumé („Das kleine Speckschwein!“) und Mistingue („Der Streber!“ – Hans-Rudof Spühler) nur noch an Weniges von früher, geschweige denn aus der vergangenen Nacht erinnern können.

Soweit die noch nicht so ungewöhnlich weitreichende Geschichte. Wären da nicht einige Merkwürdigkeiten wie ein fehlender Schirm und Dinge wie ein Damenschuh, ein Damenhäubchen, eine blonde Locke und schwarze Kohlen, die den Hergang der vergangenen Nacht zu einem Rätsel werden lassen. Fahrt nimmt die Komödie auf, als Diener Justin (Jan Opderbeck) mit der Zeitung erscheint und die Dame des Hauses, die sich gezwungen sieht, mit dem seltsamen Gast zu frühstücken, der Zeitung die Nachricht entnimmt, dass in der Rue de Lourcine ein Kohlenmädchen ermordet worden ist.

Woran erkennt man den Ehrenmann?

Labiche, der selbst aus dem wohlhabenden Bürgertum stammte, hat in seiner Komödie die Fäden sehr fein gesponnen und lässt die Herren munter weiter in die Irre rennen. Um den eigenen Ruf zu retten, begeben sie sich zusehends aufs Glatteis und … nun, es geht bald auch darum, potenzielle Zeugen zu beseitigen. Ein wenig Eau de Vie zum Restalkohol der vergangenen Nacht, und die guten Sitten sind bald nicht mehr so sehr im Weg. Heiter auch der musikalische Einwurf der beiden: „Woran erkennt man den Ehrenmann? Dass er die Hände waschen kann!“

Die geringe Grösse der Bühne fordert die Schauspieler zur Umsicht, die nicht auf Kosten des Tempos gehen darf, zumal einige Requisiten auch noch zu verteilen waren. Vorteil davon ist, dass alles immer wie selbstverständlich aufeinander bezogen ist und die Darsteller keinerlei Berührungsängste entwickeln dürfen. Irgendwie macht es das Ganze geradezu familiär, nahbar auch für das Publikum, das ohnehin seine Hagenwiler Schlossfestspiele ins Herz geschlossen hat. Selten wurde doch irrwitziger gemordet – oder etwa doch nicht? Die einzige Gewissheit bleibt über lange Zeit, dass der eigenen Wohlanständigkeit nicht unbedingt zu trauen ist – was freilich keine Erkenntnis ist, die sich nur auf die Zeit des 19. Jahrhunderts bezieht. Wie die Flucht nach vorn für die beiden Herren endet, muss nicht verraten werden. Nur soviel: Der Spass ist ein netter Sommerspass mit hintergründigem Sarkasmus, der dem Premierenpublikum viel Applaus für „seine Schauspielerinnen und Schauspieler“ entlockte.

Schlossfestspiele Hagenwil: Termine & Tickets

Die Termine: Weitere Aufführungen gibt es bis 8. September fast täglich. Alle Termine siehe unten bei den «Dazugehörigen Veranstaltungen».

 

Die Karten: Der Vorverkauf läuft direkt über die Internetseite der Schlossfestspiele

 

Der Hauptdarsteller: Walter Andreas Müller (72) ist einer der bekanntesten Schauspieler der Deutsch-Schweiz. Seit 1975 als freier Schauspieler an verschiedenen Theatern, als Kabarettist, Radiomoderator, Hörspielsprecher und Imitator tätig. Ein ausführliches Interview mit ihm können Sie hier lesen: https://www.thurgaukultur.ch/magazin/ich-hasse-proben-3713 

 

Das Kinderstück: Ab dem 12. August wird "Tischlein deck Dich", ein Märchen nach den Brüdern Grimm, als Kinderstück bei den diesjährigen Schlossfestspielen an mehreren Terminen aufgeführt. Auch hier ist Florian Rexer Regisseur. Mehr dazu gibt es hier: http://schlossfestspiele-hagenwil.ch/tischlein/ 

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