«Politiker sind für mich Inspiration»

«Politiker sind für mich Inspiration»
«Ich bin ein politischer Mensch geworden.» Der Unterhalter und Satiriker Thomas Götz über seine Show «Ergötzliches» und wie die Arbeit daran auch ihn selbst verändert hat. | © Sascha Erni

Als Versuch gestartet, inzwischen als Erfolg etabliert: Das Satireprogramm „Ergötzliches“ geht ins achte Jahr. Vor der neuen Ausgabe Ende April sprechen wir mit Thomas Götz in Weinfelden über Populismus, die Grenzen zwischen Politik und Satire sowie die Lage im Thurgau. Es gibt Kaffee und dann geht es schon los. Auch Götz' Partnerin Marta Wechsler, Präsidentin der bühni wyfelde, setzt sich zum Gespräch dazu. 

Herr Götz, können Sie eigentlich gut zuhören?

Thomas Götz: Ja. (Zu seiner Partnerin) Du sagst zwar immer nein, aber…
Marta Wechsler: Naja, ich würde sagen, es ist nicht immer gleich.

Sie sind gelernter Coiffeur, da braucht man ja gelegentlich ein geduldiges Ohr…

Thomas Götz: Ja, das stimmt. Da hört man schon einiges. Aber man kann das ja auch ein Stück weit steuern, was man hören will und was nicht.

Gibt es eine Verbindung zwischen dem Coiffeur Götz und dem Komiker Götz?

Thomas Götz: Hm. Es hat beides mit Menschen zu tun, in beiden Berufen hört man Dinge, die die Leute bewegen. Als ich noch als Coiffeur gearbeitet habe, habe ich mir da manchmal Ideen für die Bühne geholt. Aber ansonsten sind es doch eher unterschiedliche Welten.

Ihr Satireprogramm „Ergötzliches“ geht jetzt ins achte Jahr. Hätten Sie damals gedacht, dass es so lange überleben würde?

Thomas Götz: Nein, das konnte man damals nicht ahnen. Wir haben einfach mal angefangen. Und dann hat es sich immer weiter entwickelt. 

Was war die Idee dahinter?

Marta Wechsler: Die Idee ist von der bühni wyfelde ausgegangen. Wir hatten ein kleines finanzielles Polster und wollten ein bisschen mehr im Theaterhaus machen. Es war mir immer ein Anliegen, das Theaterhaus zu beleben. Irgendwann kam uns dann die Idee, etwas mit Thomas zu machen. Wir hatten auch verschiedene andere Ideen, aber dann dachten wir, das probieren wir jetzt mal aus. Schlussendlich ist es längst ein Selbstläufer geworden. Bei „Ergötzliches“ mussten wir noch nie etwas drauf zahlen.  

«Wir wollten schon oft vom Politischen weg. Sind dann aber doch immer wieder da gelandet.»

Thomas Götz, über die Ausrichtung von «Ergötzliches»  

Ging es von Anfang an darum, der Politik den Spiegel vorzuhalten?

Marta Wechsler: Am Anfang war es eher kabarettmässig geplant. Aber das kannst Du besser erzählen, Thomas.
Thomas Götz: Inhaltlich haben wir eigentlich immer mal wieder gesagt, wir wollen vom Politischen weg. Wir sind dann aber doch immer wieder da gelandet. Das liegt aber auch in der Natur der Sache. Wenn Du alle zwei Monate ein neues Programm machst, bist du auch ein bisschen auf die Aktualität und politische Ereignisse angewiesen. Es sind aber auch immer wieder neue Figuren dazu gekommen wie Sabine Schnyder zum Beispiel. Mit dieser Figur können bestens alltägliche Themen behandelt werden. Und ausserdem, was ist nicht politisch?

Wenig. Dazu passt: Es fällt auf, dass zu Ihren Aufführungen oft auch Politiker kommen und gerne die vorderen Reihen besetzen. Fast hat man den Eindruck, dass sie enttäuscht sind, wenn sie nicht erwähnt werden.

Thomas Götz: Ich weiss nicht. Da müsste man jetzt die Politiker fragen. 
Marta Wechsler: Doch, das ist so. Zu Dir hat doch auch schon mal einer gesagt, er sei noch nie vorgekommen und es wäre doch schön, wenn er auch mal erwähnt würde.
Thomas Götz: Ja, stimmt, das gibt es schon auch. Manche bieten sich auch als Gast an. Aber die wählen wir selber aus. Es soll keine Plattform für Politiker sein.

Politiker lieben «Ergötzliches»: Die heutige Bundesrätin Karin Keller-Sutter im Gespräch mit Thomas Götz.
Ist es eigentlich schwieriger Politiker zu veräppeln, die im Publikum sitzen?

Thomas Götz: Veräppelt wird niemand, ich halte mich an Gelesenes und Fakten. In der Vorbereitung weiss ich ja auch nicht, wer im Publikum sitzt. Aber ich könnte zum Beispiel nicht über einen Politiker reden, der in der Vorstellung sitzt und ihn dabei nicht ansprechen. Die Person muss man dann involvieren. Da ist die Nähe, die es im Theaterhaus gibt auch sehr dankbar. In grösseren Sälen wäre das so wahrscheinlich nicht mehr möglich.

Gibt es Dinge, die Sie auf der Bühne niemals machen würden?

Thomas Götz: Ich würde mich nicht ausziehen. (lacht) Inhaltlich würde ich niemanden persönlich angreifen. Ich gehe nie unter die Gürtellinie. Ich arbeite nur mit Gelesenem, öffentlich Zugänglichem und lese zwischen den Zeilen.

Wie würden Sie ihr Verhältnis zur Politik beschreiben?

Thomas Götz: Am ehesten trifft wohl die Beschreibung „interessiert“. Früher war das vielleicht noch nicht so, aber ich bin ein politischer Mensch geworden. Auch durch die Beschäftigung damit natürlich.

Politik ist heute teilweise so surreal geworden. Manchmal fällt es schwer zu unterscheiden, was jetzt wahr und was erfunden ist. Kommt Satire und Kabarett bei dem Tempo der Realsatire überhaupt noch mit?

Thomas Götz: Ja, manchmal ist das schwierig. Ich habe schon Auftritte von Politikern gesehen, da dachte ich, das könnte man eins zu eins übernehmen. Solche Auftritte von Politikern sind für mich Inspiration.  

«Ich würde mich nicht ausziehen.»

Thomas Götz, über Grenzen seines Bühnenschaffens  

Politkabarett hat bisweilen einen Hang zum Populismus. Komplexe Themen werden oft vereinfacht dargestellt. Bedienen Kabarettisten manchmal eine demokratiezersetzende Stimmung im Land?

Thomas Götz: Sie meinen, dass ich auf der Bühne zum Populisten werde? 

Ja, genau.

Thomas Götz: Das kommt wahrscheinlich auf die Figuren an. Napoleon zum Beispiel ist ein Populist sondergleichen. Das spiele ich natürlich auch überzeichnet aus. Aber deswegen werde ich ja nicht selbst zum Populisten. Es ist eine Figur, eine Rolle, in der ich das auf der Bühne ausleben kann. Aber insgesamt habe ich nicht das Gefühl, dass ich mit dem was ich auf der Bühne mache den Populisten in die Hände spiele. 

Bei Ihnen sind es vor allem die Figuren. Im sonstigen Politkabarett hört man aber viel Gemecker über Politik. Man bekommt da den Eindruck, dass Kabarettisten glauben, sie wären eigentlich die besseren Politiker.

Thomas Götz: Vielleicht sind sie das ja auch. Das sieht man ja überall auf der Welt. Sei es in Italien oder der Ukraine. Clowns und Comedians kommen beim Volk offenbar gut an. Mein Gefühl ist, die Menschen hören denen gerne zu, weil sie politische Entscheide hinterfragen. Was gewählte Unterhaltungskünstler dann wirklich fertig bringen ist fraglich. Sich über Politik auf der Bühne auslassen und Politik als Tagesgeschäft betreiben sind zwei Paar Schuhe. Das zeigt das Beispiel Donald Trump. Er hat sich jahrelang im Fernsehen als eigene Marke verkauft. Genau das gleiche macht er jetzt auch im Weissen Haus.

Das zeigt ja die Gefahr. Deshalb nochmal die Frage: Wie kann man allzu einfache Botschaften auf der Bühne vermeiden? Oder anders formuliert: Wie gehen Pointenzwang und Wahrhaftigkeit zusammen?

Thomas Götz: Im Prinzip muss nicht alles stimmen, was ich auf der Bühne sage. Napoleon behauptet zum Beispiel auch viel, aber er kann es sich leisten!!!
Marta Wechsler: Wenn Du etwas über Politik machst, musst Du immer davon ausgehen, dass nicht alle Leute über jedes Thema informiert sind. Man sollte auf der Bühne keine Vorträge halten, um alles genau zu erklären, dazu fehlt auch die Zeit. Deshalb muss man sich an Schlagzeilen halten, die jedermann kennt, um auf der Kabarettbühne Themen auf den Punkt zu bringen. Das beinhaltet, dass man nicht jedes Detail erklären kann. 
Thomas Götz: Das stimmt. Die Dinge, die man erklären müsste, bringt man eh nie auf eine Pointe. Oft gibt es Themen, die ich interessant finde, irgendwann dann aber merke, das ist zu kompliziert für die Bühne, das versteht am Ende keiner mehr. Und lachen tut auch keiner. 

«Sich über Politik auf der Bühne auslassen und Politik als Tagesgeschäft betreiben sind zwei Paar Schuhe.»

Thomas Götz, Unterhalter  

Sie stehen seit 2003 auf der Bühne, beschäftigen sich dabei auch immer wieder mit dem Thurgau und seinen Geschichten. Wie geht es dem Kanton heute?

Thomas Götz: Ich beobachte schon genau, was da auf der politischen Ebene des Kantons passiert. Zum Beispiel die ganze Geschichte rund um das Kunstmuseum. Da sieht man ein Stück weit exemplarisch, das ist halt der Thurgau, mit seinen viel gerühmten kurzen Wegen. Auch auf kurzen Wegen kann man sich im „Filz“ verirren.  

Ist das eine spezielle Thurgauer Art, diese Neigung zum Filz? 

Thomas Götz: Ich weiss nicht, wie es in anderen Kantonen läuft. Aber ich könnte mir vorstellen, dass es da nicht viel anders her und zugeht. Das was beim Kunstmuseum gelaufen ist, ist sehr problematisch. Wichtig ist, dass die Beteiligten ihre Lehren und Konsequenzen daraus ziehen, ohne ständig Bundesgerichtsentscheide abzuwarten oder teure Untersuchungsberichte in Auftrag zu geben. 

Beim letzten Mal hat sich Ihre Bühnenfigur Sabine auch über ein anderes kantonales Thema köstlich ausgelassen. 

Thomas Götz: Stimmt. Sie meinen die Sache mit den Freilufttheatern. Sabine hat darüber gesprochen, wie es möglich sein kann, dass die zwei bekanntesten Open-Air-Theater im Thurgau (See-Burgtheater Kreuzlingen und Schlossfestspiele Hagenwil, d. Red.) in diesem Jahr das gleiche Stück („Arsen und Spitzenhäubchen“) spielen. 

Ärgert Sie so etwas?

Thomas Götz: Nein, warum sollte ich mich über Realsatire ärgern! Das war doch eine Steilvorlage für Sabine. Ich frage mich einfach, hätte es nicht noch eine Reissleine gegeben, um diesen Fauxpas zu verhindern? Das passiert halt, wenn das Kulturamt auf den kurzen Wegen Blankoschecks verteilt. 

Mir hat besonders gefallen, wie die beiden Regisseure Huber und Rexer danach noch versucht haben, es schönzureden. 

Thomas Götz: Vielleicht täusche ich mich und es ist ein Konzept dahinter. Die Theaterbesucher, die Hubers Inszenierung nicht verstanden haben, können es sich dann von Rexer nochmals erklären lassen. Ich freue mich jedenfalls auf einen abwechslungsreichen Thurgauer Theatersommer.

«Auch auf kurzen Wegen kann man sich im „Filz“ verirren.»

Thomas Götz, über die Lage im Thurgau 

Termine: „Ergötzliches“ läuft am 25., 26. und 27. April. Beginn ist jeweils 20.15 Uhr. Die Aufführungen finden im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden statt. Karten gibt es über das Theaterhaus. Filme aus früheren Shows finden sich auf der Internetseite des Programms: https://www.ergoetzliches.ch/filme 

Video: Thomas Götz in seiner Paraderolle als Arnold Schnyder

 

«Man sollte auf der Bühne keine Vorträge halten.»

Marta Wechsler, Präsidentin bühni wyfelde 

Thomas Götz und Marta Wechsler im Gespräch mit Thurgaukultur-Redaktionsleiter Michael Lünstroth im April 2019. Bild: Sascha Erni
Zeitungen sind für Thomas Götz unerlässliche Inspirationsquelle für sein Programm «Ergötzliches». Bild: Sascha Erni

 

 

 

 

 

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