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von Inka Grabowsky, 30.04.2022

Ruhe nach dem Sturm

Ruhe nach dem Sturm
Trotz ihres Rücktritts entwickelt Christine Forster weiter Visionen für „ihr Baby" | © Inka Grabowsky

Reform statt Revolution: Das Kult-X behält seinen Trägerverein, doch die Führungsmannschaft wird ausgewechselt. Die Stadt steigt nicht stärker ins Alltagsgeschäft ein. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Überaus harmonisch begann der Abend im Kult-X: Die bisherige Geschäftsführerin Christine Forster setzte sich an dem Flügel und sang ihr musikalisches Résumé – eine Adaption des Liedes von Dieter Wiesmann. «Von zwei komplett verkehrten Möglichkeiten wählen wir die dritte noch verkehrtere aus» heisst es da sinngemäss.

Doch ganz so pessimistisch muss man den Streit um die Struktur im Kult-X nicht sehen. Nötig geworden war die Versammlung, weil der Vereinsvorstand nach Querelen geschlossen seinen Rücktritt angekündigt hatte. Christine Forster und Stephan Militz (der in Doppelfunktion Vorstand und Leitung angehört) legen zudem die Geschäftsführung nieder, und zwar schon zum Ende des Monats.

 

«Wir sind gefordert konstruktiv miteinander umzugehen, damit der Betrieb weitergeht.»

Thomas Niederberger, Stadtpräsident Kreuzlingen

«Sehr bedauerlich», nannte das Stadtpräsident Thomas Niederberger. Der Stadtrat sei dankbar für das Engagement beim Aufbau des Kult-X. «Das Bedürfnis nach Raum für Musik, Tanz, Theater und Film ist ausgewiesen.»

Die Bevölkerung habe bei der Abstimmung im vergangenen September einen klaren Auftrag erteilt. «Auch wenn heute Emotionen hochkommen, sind wir gefordert konstruktiv miteinander umzugehen, damit der Betrieb weitergeht.»

Im Fokus: Die Suche nach einer Zukunftsperspektive

Tatsächlich hatten sich alle Seiten vorgenommen, die Versammlung der Suche nach einer Zukunftsperspektive zu widmen, doch ganz ohne Vergangenheitsbewältigung kam man doch nicht aus. Man wolle schliesslich aus den Fehlern lernen, hiess es aus dem Plenum. Da Präsident Jean Grädel erkrankt war, führte Martina Reichert von der Musikschule Kreuzlingen als Vize-Präsidentin durch den Abend.

Und auch wenn sie nach eigener Aussage nicht von der zum Teil beissenden Kritik an Christine Forster und Stephan Militz betroffen war, sprach sie von ermüdenden und zermürbenden Vorgängen.

 

Ein alternative Organisationsform unter dem Dach der Stadt Kreuzlingen, wie vom alten Vorstand propagiert, wurde verworfen. Bild: Inka Grabowsky

Forderung nach mehr Transperenz und Demokratie

Auf der Gegenseite mahnte Stefan Döhla, der ursprünglich einmal für das Filmforum Konstanz und Kreuzlingen Teil des Vorstands war, für die Zukunft mehr Gewaltenteilung an. Er forderte bessere demokratische Strukturen und mehr Transparenz der Führung für die Mitgliedsvereine.

Damit impliziere er selbstverständlich, dass genau das bisher gefehlt habe, was bei Forster, Militz und Reichert nicht gut ankam. Bei aller Kritik wurde deutlich, dass die operative Arbeit der Geschäftsleiter Forster und Militz von den Nutzern geschätzt wurde. «Als Veranstalter habe ich mich immer informiert und gut betreut gefühlt», meinte beispielsweise Timon Altwegg von der Gesellschaft Musik und Literatur.

Wie jetzt raus aus dem Dilemma?

Der Dachverein als Gremium der Nutzervereine hat nach Ansicht von Martina Reichert nie richtig funktioniert. «Im fünfköpfigen Vorstand fühlte ich mich wie auf dem falschen Dampfer», sagt sie. «Einige Vertreter haben nicht für das Kult-X gesprochen, sondern nur für ihren eigenen Verein lobbyiert. In den sechs Arbeitsgruppen haben sich nur 7 der 19 Mitgliedsvereine engagiert.» Sie plädierte deshalb dafür, den Trägerverein aufzulösen.

Christine Forster skizzierte, welche Alternativen sie sich denken könnte. Sie hatte bereits vor zehn Jahren mit dem Projekt «Kultur im Shop» an der Idee des Kulturzentrums mitgearbeitet und ist seit 2019 im Team. «Es ist mein Baby», meint sie. «Es gedeiht seit Jahren, und das sollte weitergehen.»

 

Stadtrat Markus Brüllmann, Stadtpräsident Thomas Niederberger und Stadträtin Dorena Raggenbass begleiteten die Versammlung im Kult-X. Bild: Inka Grabowsky

Vorbild Eisenwerk?

Sie schlug zum einen vor, die Organisationsstruktur des Kult-X am Modell des Frauenfelder «Eisenwerks» zu orientieren. «Dort sind mehrere Vereine zu ‹Kultur im Eisenwerk› fusioniert, ohne ihre jeweilige Einzel-Marke aufzugeben. Sie haben aber ihre eigenen Strukturen abgebaut. Damit verringert sich für alle der administrative Aufwand.»

Zum anderen präsentierte sie ein Modell, bei dem ein Kulturbüro als Teil des städtischen Departements ‹Gesellschaft› die Rolle von Geschäftsleitung und Trägerverein übernehmen würde. Die Nutzung des Bühnenraums «K» würde städtisch organisiert und den Kulturanbietern gegen eine Gebühr überlassen.

Ludothek und vielleicht sogar die Bibliothek (wenn man die Büecherbrugg zum Umzug bewegen könne) würden städtisch betrieben und subventioniert. Und die Räume für Tanzen, Bewegung und Proben würden städtisch betrieben und vermietet.

Die Idee eines städtischen Kulturbüros scheitert

Die stimmberechtigten Vereinsvertreter liessen sich davon jedoch nicht überzeugen. Unter anderem befürchteten sie, dass ohne Trägerverein die Finanzierung des Kult-X nicht mehr gesichert wäre. Das Volk hatte schliesslich dreimal 250.000 Franken für die dreijährige Pilotphase den gegebenen Strukturen gesprochen.

In der Konsultativ-Abstimmung (ohne rechtlich bindende Wirkung) stimmten nur fünf für die Auflösung, acht dagegen, vier enthielten sich. Nun wird also ein neuer Vorstand für den Trägerverein gebraucht. Die Mitglieder stimmten für die Einberufung einer ausserordentlichen Generalversammlung, bei der er gewählt werden soll. «Wir sind in der Pflicht, geeignete Kandidaten zu suchen», so Andreas Heuke vom Theater an der Grenze.

 

Christine Forster singt ihr Résumé und erntet dabei von allen Applaus. Bild: Inka Grabowsky

Wer füllt die Lücke in der Geschäftsleitung?

Bis zur Neuwahl – wahrscheinlich Ende Juni, Anfang Juli - bleibt der alte Vorstand in der Verantwortung. Gravierender ist die Lücke in der Geschäftsführung, die der Rücktritt von Forster und Militz zum Ende April hinterlässt.

Eine neue Geschäftsleitung kann erst der neue Vorstand einstellen. «Die Stadt wird in der Zwischenzeit assistieren und helfen umzusetzen, was realistisch möglich ist», versprach Stadträtin Dorena Raggenbass.

 

Mehr Hintergründe zum Streit um das Kult-X

Aus der Traum: Das Kreuzlinger Kulturzentrum Kult-X sollte ein Aushängeschild für die Stadt werden. Sechs Monate nach der erfolgreichen Volksabstimmung wird das Haus erschüttert von internen Machtkämpfen.

 

Kult-X: Ein Vorschlag zur Krisenbewältigung. Warum die Debatte um das Kult-X zu kleinteilig geführt wird und wie man die Idee des Kreuzlinger Kulturzentrums retten könnte. Ein Kommentar.

 

Alle Texte rund um das Kreuzlinger Kulturzentrum Kult-X gibt es im Themendossier «Kulturzentrum Kreuzlingen»

 

 

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