von Julia Christiane Hanauer, 06.05.2019

Selfies aus dem Intimbereich

Selfies aus dem Intimbereich
Auch wenn man in der Toilette eingeschlossen ist: Ein Bild per Snapchat geht immer | © Julia Christiane Hanauer

Beklemmende Konfrontation mit dem Ich: Die Performance #homies des Kollektivs Asphalt Piloten zeigt beim Festival «tanz:now» was die Digitalisierung aus uns macht.

Kaum setzt der Besucher seinen Fuss über die Türschwelle, schon steht er mitten in der Szenerie von #homies. Gewohnt, sich diskret zurückzuhalten, um nicht zu stören, drückt er sich in eine Ecke oder setzt sich aufs Sofa, um das Geschehen aus der Distanz zu betrachten. Doch so einfach machen es ihm die drei Akteurinnen des Kollektivs Asphalt Piloten nicht. Ehe er sich versieht, ist er mittendrin in der Performance, lächelt unwillkürlich mit in die Handykamera und wird Teil eines Selfies, das sogleich online gestellt wird – bei Instagram, Facebook & Co.. Am Tisch sitzt eine weitere Akteurin vor einem Laptop. Schaut sich bereits das gerade geschossene Foto auf dem Profil der anderen an, liked mit Herzchen, kommentiert, zoomt ran – näher, immer näher.

#homies, das ist eine Performance des Künstlerkollektivs Asphalt Piloten, die an zwei Abenden im Rahmen des Steckborner Festivals tanz:now in einer Wohnung im Wohn- und Schlafzimmer sowie Bad aufgeführt wurde. Die Besucher sind explizit dazu aufgefordert, herumzulaufen. Es geht um digitale Welten, um Privatsphäre und Öffentlichkeit. Die Asphalt Piloten, bekannt für ihre Aktionen im öffentlichen Raum, haben sich mit #homies in die ummauerte Welt begeben. Mit Wänden, Vorhängen vor den Fenstern – geschützt vor den Blicken von aussen. Doch was ist in Zeiten von sozialen Medien eigentlich noch privat? Und sind wir nicht alle irgendwie – bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt – zu einem Teil dieses digitalen Systems geworden?

Drinnen und draussen. Aber was ist was? Szene aus der Performance #homies. Bild: Julia Christiane Hanauer

Der Besucher wird zum Voyeur - ob er will oder nicht.

Er ist schier unerträglich, dieser Blick. Im Bad räkelt sich eine der Künstlerinnen auf dem Boden in Posen, wie sie von Instagram nur allzu bekannt sind. An der Tür ein Schild „No Mobile Phones“. Die Künstlerin hat langen und tiefen Augenkontakt mit den Besuchern, die an der Tür stehen. Es erinnert ein wenig an das Kinderspiel, bei dem man sich in die Augen blickt und wer als erster lacht, der hat verloren. Der Besucher als Teil der Inszenierung. Er lehnt an der Tür zu diesem kleinen, intimen Raum, er starrt hinein – wird zum Voyeur. Am liebsten würde man weglaufen, weil es unangenehm ist. Wie soll ich mich verhalten? Lächle ich zurück? Mache ich mit? Ja – tue ich. Denn schliesslich kommt auch in diesem Raum das Handy zum Einsatz, der Besucher wird wieder Teil eines Selfies – und macht mit! Ob Grimassen schneiden, Victory-Zeichen oder schon ein blosses Lächeln: Wir sind konditioniert, uns zu präsentieren.

Der Ursprung dafür liegt mit Sicherheit weit, weit zurück. Schliesslich posierten die Menschen bereits für Maler, lange bevor die Fotografie überhaupt Einzug hielt. Was heute jedoch bei vielen dazukommt: Diese Bilder entstehen im intimen Raum, aber sie gehen hinaus in die Welt. Wer ein öffentliches Profil hat, der kann angestarrt werden von einem Millionenpublikum, von dem er so gut wie keinen einzigen Menschen kennt. Und den Standpunkt des Besuchers, den nimmt jeder ein, der sich diese Bilder anschaut. Welchen Unterschied es aber macht, direkt zu sehen, was jemand macht oder ihn durch den Bildschirm zu sehen, das wird deutlich, wenn auf dem Laptop im Wohnraum das Gesicht einer Frau zu sehen ist. Auch sie blickt direkt in die Kamera, aber das Gefühl, als Betrachter angestarrt zu werden, fällt hier weg. In Ruhe kann man das Gesicht anschauen, die Falten der gerunzelten Stirn, den Mund, die Nase, die Augen. Und das alles ohne schlechtes Gewissen.

Die reale Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes ausgeschlossen, die
virtuelle Welt kommt selbst mit ins Bett. Bild: Julia Christiane Hanauer

Die reale Welt wird ausgeschlossen

Das Schlafzimmer wird ebenfalls bespielt und natürlich haben auch Handy sowie Laptop ihren Auftritt. Draussen vor dem Fenster steht eine der Künstlerinnen. Regungslos und an diesem Tag mit Regenschirm. Drinnen steht eine weitere Akteurin, hat das Handy in der Hand und schaut sich ein Video an, auf dem die draussen stehende Künstlerin genau an dieser Stelle tanzt. Die beiden agieren nicht miteinander. Die eine starrt von aussen herein, während die andere sich diesen Film anschaut. Sie vergrössert die Einstellung, betrachtet verschiedene Details. Das Draussen nimmt sie nicht wahr. Als die andere schon längst weg ist, öffnet sie schliesslich das Fenster. Das Tropfen des Regens ist zu hören, ein Lufthauch zieht herein.

Doch eigentlich geht es darum, die Fensterläden zu schliessen, den Schlüssel im Schloss zu drehen und sich ins Bett zu legen. Das Handy bleibt auf dem Fenstersims zurück. Im Bett tut es auch der Laptop. Posen auf dem Bett bis der Schlaf einen übermannt. Das flackernde Licht des Bildschirms wirft Schatten auf die Wand, hüllt das Zimmer in ein merkwürdiges Zwielicht. Virtuelle Welt erhellt reale Welt. In der Gegenwart ist die Tür abgeschlossen, die Fensterläden fest verschlossen, sogar der Vorhang zugezogen. Die virtuelle Welt ist präsent, die reale im wahrsten Sinne ausgeschlossen.

Je länger es dauert, umso beklemmender wird die Situation

Doch nicht nur Personen flimmern über den Bildschirm. Dank Google Street View ist es möglich quasi bis vor die Haustür des Steckborner Hauses zu schauen, von der einen Seite, von der anderen Seite, von oben, weiter hinaus, bis nur noch ein Punkt, dafür aber auch die ganze Umgebung zu sehen ist. Wo ist die Grenze zwischen realer und virtueller Welt? Muss man heute noch die Wohnung verlassen, um an irgendeinen Ort zu kommen? Nicht unbedingt. Doch wer rausgeht, der versucht auch hier, sich in Pose zu setzen. Eine Säule in der Wohnung wird zur Spielfläche für vertikale Szenen, die in der realen Welt horizontal stattfinden. Ob am Rande eines Berges sitzend, am Abgrund balancierend oder an jeglichem anderen Ort: Posieren, posieren, posieren. Und ja, er kommt – der Absturz. Während der Körper reglos am Boden liegt, funktioniert er weiterhin, wischt und klickt: der Zeigefinger.

Je länger man sich diese Performance, die in einem 50-Minuten-Loop gezeigt wird, betrachtet und immer wieder zu einem Teil davon wird, desto beklemmender wird es. Beim Blick über die Schulter der einen Akteurin lässt sich ihr Chat, den sie gerade mit der Künstlerin im Bad führt, mitlesen. Zu sehen ist aber zunächst ein Bild mit einer Szene aus dem Bad. „Was macht Ihr?“. „Wir sind in der Toilette eingeschlossen.“ „Warum seid Ihr in der Toilette eingeschlossen?“ „Die Tür geht nicht mehr auf.“ „Jemand sollte die Tür aufmachen.“ Als Zuschauer fühlt man sich an diesem Punkt bereits angesprochen, denn schliesslich ist man Teil des Ganzen. Aber... Nein. Dann kommt die Aufforderung: „Wie wäre es mit Ihnen? Sie könnten die Tür aufmachen anstatt ständig Fotos zu machen.“ Es ist peinlich, man fühlt sich ertappt, aber ist es real? Schliesslich ist es eine Performance. Auf ein verlegenes Lachen folgt sofort „...oder zu lachen...“. Hätte die Künstlerin die Aufforderung persönlich ausgesprochen, so wäre das Zögern höchstwahrscheinlich ausgeblieben, aber so bedarf es eines weiteren Zusatzes.

Szene aus der Performance #homies von den Asphalt Piloten. Bild: Julia Christiane Hanauer

#homies lebt auch vom Mitmachen der Zuschauer

Die Asphalt Piloten verstehen es, die Absurditäten des Umgangs mit virtuellen Welten überdeutlich zu präsentieren. Auf der einen Seite möchte jeder seinen Privatraum haben, den er auch vor äusseren Einflüssen schützt, die Tür abschliesst und Vorhänge zuzieht, damit niemand hereinschauen kann. Und auf der anderen Seite öffnet er durch Bilder und Videos für die ganze Welt gerade diesen geschützten Raum, den damit mehr Leute sehen können als es im realen Leben durch einen Blick von aussen jemals möglich wäre. #homies zeigt aber auch, wie sehr die digitale Welt Einzug genommen hat in unsere reale Welt und wie sehr sie Einfluss nimmt auf das Verhalten vieler Menschen, die nicht nur aktiv, sondern auch passiv diese Welt nutzen. Auf die vielen Fragen, die durch die Aktion aufkommen, muss jeder Besucher selbst Antworten finden. 

Weiterlesen: Ein Porträt von Anna Anderegg, der Gründerin der Asphalt Piloten, können Sie hier lesen.

Video: Trailer zu #homies

 

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