von Mia Nägeli, 03.12.2015
Gitarrensgeschrummel 101

Die zehnte Auflage des Bandcontests BandXOst gewann der Appenzeller Singer-Songwriter Marius. Der beste Act des Abends gehörte aber gar nicht zu den Teilnehmern.
Der BandXOst-Contest ist eine Tradition in der Ostschweizer Musikszene. Das Gipfeltreffen der Amateure, sozusagen. Beinahe alle jungen Bands östlich von Winterthur haben in den letzten zehn Ausgaben bereits ihr Glück versucht. Innerhalb von je fünfzehn Minuten geben acht Newcomer ihr Bestes. Man hört einige gute Songs und starke Stimmen – aber auch verstimmte Gitarren, oder solche, die gar nicht erst klingen wollen.
Mit Reibeisenstimme zum Sieg
Das Rennen hat dieses Jahr der Appenzeller Marius gemacht. Der Singer-Songwriter (bürgerlich: Marius Hügli) stand als erster auf der Bühne der prall gefüllten Grabenhalle. Gitarrengezupfe à la The Tallest Man On Earth, charmantes Understatement und eine selbstbewusste Reibeisenstimme – dem Publikum gefällt der ruhige Abendauftakt.

Marius hat sich den ersten Platz erspielt – mit starker Stimme und verstimmer Gitarre. (Bild: Noemi Müller)
Der Jury auch, trotz der leicht verstimmten Gitarre, die durchaus auch ein nachvollziehbares K.O.-Kriterium hätte sein können. Aber zugegeben: Marius spielt üblicherweise Strassenmusik. Und da gehört die eine oder andere Unsauberkeit beinahe schon dazu. Mit dem ersten Platz gewinnt Marius eine professionelle EP-Aufnahme, etwas Medienaufmerksamkeit und – für Newcomer beinahe am wichtigsten – einige schicke Konzertgelegenheiten (Clanx, Out in the Gurin, …).
Gerade die Konzerte sind für Newcomer nicht zu unterschätzen. Für wohl viele Bands, die diesen Samstag spielten, war dass das publikumsreichste Konzert bisher. Und für Neulinge ist es schwierig, überhaupt Konzerte an Land zu ziehen. Für die Ausscheidungskonzerte alleine lohnt sich die BandX-Teilnahme schon. Häufig sind sie gut besucht, häufig lernt man den einen oder anderen Musiker kennen.
Thurgauer auf dem Treppchen
Den zweiten Platz haben sich die Thurgauer Delirious Mob Crew erspielt: Indie mit viel Synthie-Spielereien, Gitarrengeschrummel und ziemlich eigener Gesangsstimme. Eine der besser eingespielten Bands des Abends. Ihr Preis: Eine etwas kürzere Aufnahmesession für zwei bis drei Songs.

Die Delirous Mob Crew feiert ihren zweiten Rang. (Bild: Noemi Müller)
Ebenfalls auf dem Treppchen landeten die Amriswiler Red Eyes mit Heavy- und Thrash-Metal, viel Haareschütteln und Growl-Gesang. Die Thurgauer versuchten ihr Glück am BandXOst bereits zum wiederholten Male. Und so wie im letzten Jahr, erspielten sie sich den dritten Platz. Das gibt einige Hunderter für Equipment, Coaching und ähnliches. Wer weiss, vielleicht versuchen sie es nochmals. Harte Musik, harter Kopf.
Vielfalt. Koste es, was es wolle
Metal, Singer-Songwriter und Indie – die Stile der Sieger sind so bunt gemischt, wie das Publikum. Wobei die Sache mit der Durchmischung halt doch etwas hapert. Je nach Band nimmt eine andere Subkultur die ersten Reihen vor der Bühne in Beschlag. Mal wird gehüpft, mal geträumt; mal dominieren Caps, mal lange Haare. Mal denkt man sich, die Band hat den Eintritt ins Finale verdient, mal wundert man sich, ob die Jury Quoten für Genres oder Regionen eingeplant hat.

Most Definite in einem Satz: «Put your hands up in the sky». (Bild: Noemi Müller)
Den grössten Schnitt im musikalischen Programm machten die beiden Hip-Hop-Crews Giganto & Mattiu und Most Definite. Letztere (ist der Name eine Hommage an Mos Def oder schlicht eine Kopie?) spielten Hip-Hop mit hübsch abgesampleten Oldschool-Beats. Nur: Wenn man «Put your hands up in the air» innert 15 Minuten gefühlte 30 Mal hört, klinkt man aus. Da hilft auch die Jackson-esque Tanzeinlage des Frontmannes nicht mehr.
Schade um die Sorgfalt
Giganto & Mattiu hingegen lieferten dank Live-Band und einigen Talenten in der Truppe etwas mehr Abwechslung. Ihr rätoromanischer Rap sticht klar aus den restlichen Bands heraus, die eigene Banduniform verspricht aber eine etwas professionellere Show, als man zu sehen kriegt. Sprachlich herausstechen tun auch Kaufmann: Die mehrstimmig gesungen Mundartlieder über Flirts an Psychedelic-Rock-Konzerten hätten auch mehr Liebe verdient. Und auch The Trembling Giants, eine Folk-Band im Stil von Mumford & Sons, hätte man durchaus aufs Podest stellen können.

Leider an der Gitarre gescheitert: Karluk. (Bild: Noemi Müller)
Pech hingegen hatten Karluk. Nach den ersten Minuten gab die Gitarre keinen Ton mehr von sich, eine Lösung fand man nicht. Schade, denn zuvor klang es vielversprechend. Schade, denn der Frontmann entschied sich dagegen, die Gitarre ganz zu zertrümmern, nachdem er sie bereits ein wenig gestraft hatte. Und: Schade, das hätte dem Abend gutgetan.
Gastspiel der Vorjahresgewinner
Denn trotz durchwegs starken Momenten, konnten die Teilnehmer doch nicht ganz überzeugen – erst recht nicht, nach dem die Sieger des Vorjahres ein kurzes Gastspiel hielten: Das St. Galler Alternativ-Rock-Duo Elio Ricca stellte die anderen Bands mit einer starken Show in den Schatten. Keine Unsicherheiten, keine Hyperaktivität, durchwegs sauberes Spiel – das hat man an dem Abend zuvor noch nicht so gesehen.

Das Highlight des Abends: Elio Ricca. (Bild: Raphael Müller)
Aber: Das soll ja auch so sein. Schliesslich versteht sich BandX auch als Förderinstrument und wenn die Newcomer vom letzten Jahr die diesjährigen überbieten, spricht das dafür, dass da was funktioniert.
Ähnliche Beiträge
Gratis Ayurveda für alle
Mit markanter Stimme, feinem Gespür für Melodien und spürbarer Leidenschaft begeisterte Aaron Wegmann gemeinsam mit seiner Band das Publikum im Eisenwerk in Frauenfeld. mehr
Stimmen der Anderswelt
Mit «The Deers Cry» präsentierte der Oratorienchor Kreuzlingen ein mutiges Programm zwischen Renaissance und Gegenwart – nicht immer makellos, aber eindrücklich. mehr
Zwischen Sofas und Selbstoffenbarung
Kerzenlicht statt drängender Festivaldynamik, leise Töne statt Ekstase: Beim Wohnzimmerkonzert im Presswerk Arbon präsentierte sich die Ostschweizer Rapcrew 2kmafia von einer ungewohnt intimen Seite. mehr

