von Inka Grabowsky, 21.10.2019

Störtheater in der Nische

Störtheater in der Nische
No Greg: Theater-Jetzt Produktion «No Greg» mit Kindern und Jugendlichen 2013, Sirnach | © zVg

Vor 25 Jahren – und mit 25 Jahren - gründete Oliver Kühn das Theater Jetzt. Inzwischen ist er mit seinem massgeschneiderten Recherchetheater aus der freien Theaterszene der Ostschweiz nicht mehr wegzudenken.

Oliver Kühn wollte mehr nach dem Lehrerseminar in Kreuzlingen und einigen Jahren des Unterrichtens. Er wollte weiter studieren: Germanistik, Kunstgeschichte oder Theaterpädagogik. „Damals habe ich mit jungen Leuten in Aadorf die Produktion ‚Zeitgeist – eine Revue zu den Zeichen der Zeit‘ aufgeführt – und danach wusste ich: Jetzt mache ich erstmal Theater – so entstand der Name ‚Theater Jetzt‘. Den ersten Auftrag hatte ich mir selbst gegeben – und das mache mit Ausnahmen immer noch so.“  

An der Schauspielakademie Zürich nahm er die Philosophie seiner Ausbilder an: Das Theater muss zu den Leuten kommen, nicht die Leute ins Theater. „Deshalb entstehen meine Geschichten vor Ort beim Publikum, das sie später erleben soll. Wir sind ein Störtheater, so wie Störköche, die von Küche zu Küche ziehen. Das passt besser zu meinem Naturell. Ich mag mein Recherchetheater. Klassiker gehören auf die grosse Bühne, zu den festen Häusern, die etwas bewahren wollen und sollen. Dafür braucht es die freie Szene nicht.“

„Es war eine tolle Reise bist jetzt.“

Oliver Kühn, Gründer Theater Jetzt

Auch wenn das Theater Jetzt von seinem Gründer geprägt ist, arbeitet er doch nicht ganz allein. „Ich finde es schöner in einer Gruppe“, meint er. Sein Team wachse und schrumpfe wie eine Gauss’sche Glockenkurve: „Anfangs brüte ich allein an einer Idee, dann suche ich mir aus einem Pool von Leuten meine Mitstreiter – mitunter auch schon zwei Jahre vor einer Produktion. Zur Aufführung sind wir am meisten, und danach flacht die Kurve wieder ab, ich sitze allein über den Abrechnungen.“

Beim Bezahlen der Rechnungen hat Kühn dann wiederum Hilfe. Das Betriebsbudget wird zum Teil vom Verein der „Bienfaiteurs du théâtre“ getragen. Mäzene, Gönner und Sympathisanten sorgen für die Verwaltungskosten. Das Produktionsbudget speist sich aus Eintrittsgeldern, Sponsorenbeiträgen und Zuwendungen von Stiftungen und öffentlicher Hand. Bei Verhandlungen profitiert der Theatermacher von seinen Erfahrungen: „Ich kann inzwischen besser kommunizieren. Und wenn man ein gewisses Alter überschritten hat, nehmen einen die Ansprechpartner ernster. Ich habe ja unter Beweis gestellt, dass ich verlässlich bin.“  

„Es geht mir darum, die Jugend an das Theater heranzuführen. Und es ist Reklame für das zukünftige Publikum.“

Oliver Kühn, Theater Jetzt, zu seinem Engagement im Kinder- und Jugendtheater

Ein Teil der Stücke vom Theater Jetzt werden immer noch – wie in den Anfängen - mit Kindern und Jugendlichen erarbeitet. Die Teilnehmer bezahlen dafür, doch ein finanzielles Standbein sei das nicht. „Den Stundenlohn kann man bei solchen Produktionen gar nicht rechnen“, so Kühn. „Es geht mir darum, die Jugend an das Theater heranzuführen. Und es ist Reklame für das zukünftige Publikum. Die Kinder und Jugendlichen nehmen dadurch wahr, dass Theater auch ausserhalb der Schule ohne pädagogischen Hintergedanken stattfindet und Freude macht.“ 

Sein Wissen aus 25 Jahren gibt der Schauspieler und Lehrer gern weiter, nicht nur in seinem Theater, sondern auch als Lehrbeauftragter an werdende Profis, unter anderem an der StageArt Musical and Theatre School (SAMTS). Schülerinnen dort haben ihrerseits vor einem Jahr das TaDa-Theater gegründet. Sie hätten ihn gebeten, bei der Aufführung von „Alice im Wunderland“ Regie zu führen, so Kühn. „Ich habe dann vorgeschlagen, das Stück leicht zu verändern. Wir gehen vom Ende des Originals aus, in dem die Schwester hofft, Alice möge sich in reifen Jahren ihr ‚einfältiges und liebevolles Herz bewahren‘. Das wollen wir nun ausprobieren. Alice erlebt ihre Geschichte bei uns als Erwachsene noch einmal.“ Das Stück „Alle im Wunderland“ – gespielt von 20. bis 28. März in Langnau - ist nun Teil des Jubiläumsprogramms, mit dem sich das Theater Jetzt beschenkt. Kühn überlegt, selbst die Rolle der Raupe zu übernehmen. Die fände er cool, meint er.

Szene aus Aristophanes: Der Frieden: Theater Jetzt Produktion ca. 2002, Sirnach. Bild: zVg

Die geheime Verbindung zum Sänger Pippo Polina

Die Festlichkeiten beginnen mit der „Bratwurstgala“ am 24. Oktober in Aadorf, bei der Freunde und Wegbegleiter feiern und ein Konzert der Band Extrafish der beiden Theater-Musiker Andi Bissig und Valentin Baumgartner geniessen können. Danach treten beim Theater Jetzt innerhalb eines halben Jahres Künstler auf, die alle in irgendeiner Form an der Geschichte teilhatten – zum Teil eher versteckt wie im Fall von Pippo Pollina, der am 14.Mai in St. Gallen singen wird.

„Er weiss selbst wahrscheinlich gar nicht, wie sich unsere Wege in der Vergangenheit gekreuzt haben“, erzählt Kühn. „Ich hatte mit 18 gemeinsam mit einem Kollegen eine kleine Künstleragentur, und eines Tages wurde uns ein junger italienisch-sprechender Canautore vorgestellt, der von uns vertreten werden wollte. Dummerweise hatten wir Vorbehalte wegen der Sprach-Barriere und trauten uns das nicht zu. Nun ja, Pippo Pollina hat seinen Weg gemacht und wir unseren.“

Szene aus «Was Ihr wollt»: Theater Jetzt Produktion 2008, Littenheider Teichfestspiele, Littenheid, 2008

Kommt Kühns Kinder-Filmprogramm bald auch nach Frauenfeld?

Nando Betschart hingegen ist sich der Zusammenarbeit mit Oliver Kühn sehr wohl bewusst. Seit der Produktion „Der sagenhafte Zug“ 2003 hat der Akkordeonist immer wieder mit den Theater Jetzt zusammengespielt. Aktuell hat er mit Kühn das Programm „Wenn’s nicht so recht läuft“ zusammengestellt. Am 11. November in Sirnach liest der Schauspieler zur Musik von Betschart Kurztexte des Österreichers Peter Tertinegg. „Das sind wunderbar schwarzhumorige Episoden“, so Kühn.

Da Oliver Kühn seit zwei Jahren auch ein Filmprogramm für Kinder macht, wird zum Jubiläum naturgemäss auch dieser Aspekt beleuchtet. „Mollys Filmpalast“ im Cinewil zeigt am 4. Dezember. den „Polarexpress“. „Wir sind im Gespräch mit dem Cinema Luna“, sagt Kühn, der jeweils mit einer Partnerin durch das Programm führt und nur Filme zeigt, die seines Erachtens eine gute Geschichte erzählen und Einblick in die Filmhistorie geben. „Vielleicht gibt es den Filmpalast also demnächst auch in Frauenfeld.“

Szene aus «Cosmos Schwan»: Theater jetzt Produktion, Horgen, 2018/19. Bild: zVg

Der Blick in die Zukunft? Mutig weiter so

Auch nach 25 Jahren in Oliver Kühn seines Theaters Jetzt nicht überdrüssig geworden: „Es war eine tolle Reise bist jetzt. Und es kommt wir vor wie eine Ewigkeit, weil ich mit so vielen tollen Leuten habe zusammenarbeiten dürfen und soviel erlebt habe. Das ist Luxus pur.“ Er werde weitermachen, sagt er. „Nur mutiger darf das Theater vielleicht werden.“

Während er in der Anfangszeit immer versucht habe, es allen recht zu machen, habe er inzwischen begriffen, dass das gar nicht geht. „Jetzt weiss ich, in welche Richtung ich will: Ich möchte Themen umsetzten, die einen aktuellen Bezug haben, und zwar mit schwarzem Humor und nicht zu intellektuell. Im Idealfall lacht man in meinen Stücken – und etwas Trauriges schwingt dabei mit.“

Näheres zum Programm unter https://www.theaterjetzt.ch/ 

Fassbinder: Oliver Kühn 1999 in der Produktion "Ganz in Weiss" von Rainer Werner Fassbinder, Zürich 1999. Bild: zVg




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