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15.01.2026

Vom Beinahe-Verbot zur Jubiläumsproduktion: 40 Jahre Momoll Theater

Vom Beinahe-Verbot zur Jubiläumsproduktion: 40 Jahre Momoll Theater
Szene aus «Bitte nicht über den Tellerrand stolpern!» Seit 40 Jahren ist das Momoll Theater unterwegs. Mit der Cie. momoll! ist im Jubiläumsjahr (40 Jahre momoll theater!) eine neue professionelle Crew an den Start gegangen. Im Bild: Salomé Fischer und Simon Huggler | © 2025 David Schelker

Vor fast 40 Jahren brachen fünf Schauspielabgänger:innen ihre Ausbildung ab und gründeten das Momoll Theater, das heute in Wil beheimatet ist. Ihr erstes Stück wurde aufgrund der Besetzung fast verboten – doch sie setzten sich durch und sind heute noch in Bewegung.

Von Kathrin Reimann

Im Herbst 1985 grün­de­ten fünf Ab­sol­vent:in­nen der Schau­spiel­aka­de­mie Zü­rich (heu­te Teil der ZHdK) das Mo­moll Thea­ter – und mach­ten sich da­mit nicht nur Freun­de. Denn wer es an die Schau­spiel­aka­de­mie schaff­te, war aus­er­wählt: Von 1000 Be­wer­ber:in­nen wur­den ge­ra­de 20 auf­ge­nom­men. «Als wir die Aus­bil­dung vor dem Vor­sprech­jahr ab­bra­chen, mein­te der Di­rek­tor, wir hät­ten das Pri­vi­leg un­se­rer Aus­bil­dung nicht ge­schätzt und wür­den in der Gos­se lan­den», er­in­nert sich Clau­dia Rüeg­seg­ger, Grün­dungs­mit­glied und Ge­schäfts­lei­te­rin des Mo­moll Thea­ters.

Die Grup­pe prob­te als ers­tes War­ten auf Go­dot, be­setzt mit zwei Män­nern und zwei Frau­en. Mit­ten in der Pro­ben­pha­se kam der Schock: Der Ver­lag ent­zog die Auf­füh­rungs­rech­te, die Be­set­zung mit Frau­en sei ver­bo­ten. Das Team wand­te sich an Au­tor Sa­mu­el Be­ckett und er­klär­te ihm sei­ne In­sze­nie­rung, Be­ckett pfiff den Ver­lag zu­rück – und der Grün­dungs­my­thos des Mo­moll Thea­ters war ge­bo­ren. 

 

«Wir lern­ten, dass es sich lohnt, et­was zu pro­bie­ren – egal wie schwie­rig es wird.»

Claudia Rüegsegger, Gründungsmitglied und Geschäftsleiterin des Momoll Theaters

«Wir lern­ten, dass es sich lohnt, et­was zu pro­bie­ren – egal wie schwie­rig es wird», so Rüeg­seg­ger. Die­ser Leit­satz sei zum Mo­tor für die fol­gen­den Jahr­zehn­te ge­wor­den. 1996 zog das En­sem­ble ins Tog­gen­burg, an­ge­lockt vom Chös­si-Thea­ter. In der Bahn­hal­le Lich­ten­steig konn­te es woh­nen, pro­ben und im Re­stau­rant aus­hel­fen. Zwi­schen 1988 und 1998 ging das Mo­moll Thea­ter mit Frei­licht­thea­ter­stü­cken mehr­mals auf aus­ge­dehn­te Tour­neen.

Coup mit Ralf Kö­nigs Co­mic

1995/96 ge­lang ih­nen ein Coup: Als die Aids-De­bat­te auf dem Hö­he­punkt war, brach­te die Grup­pe ei­ne Büh­nen­fas­sung des Ralf-Kö­nig-Co­mics Ly­sis­tra­ta her­aus. Bei der Pre­mie­re in der Gra­ben­hal­le sass Kö­nig höchst­per­sön­lich im Pu­bli­kum und der Saal platz­te bei sämt­li­chen Auf­füh­run­gen aus al­len Näh­ten.

Da­nach wur­de in gros­sen Stadt­thea­ter-Sä­len und out­door zwei Som­mer lang ge­spielt. Doch an­statt den Er­folg aus­zu­schlach­ten, ent­schied sich die Grup­pe für ei­nen an­de­ren Weg: «Wir in­sze­nier­ten als nächs­tes ein klei­nes In­door-Stück von ei­nem ka­ta­la­ni­schen Au­tor, den kei­ne Sau kann­te.» In ei­ner zwei­ten Pha­se pro­du­zier­te das Mo­moll Thea­ter Stü­cke für Klein­thea­ter und er­teil­te da­bei häu­fig Auf­trä­ge an zeit­ge­nös­si­sche Au­tor:in­nen. So schrie­ben et­wa An­dri Beye­ler, Pa­me­la Dürr oder Bet­ti­na Scheif­lin­ger neue Stü­cke fürs Mo­moll Thea­ter. Ins­ge­samt rea­li­sier­te das Thea­ter 46 Ur­auf­füh­run­gen. 

Video: Trailer zur letzten Jugendproduktion von momoll 2025

Ori­en­tie­rung aufs Ju­gend­thea­ter 

Als wei­te­re lang­jäh­ri­ge Pha­se ent­stand das Thea­ter mit Ju­gend­li­chen un­ter pro­fes­sio­nel­ler Lei­tung, ab 1994 in Schaff­hau­sen und seit 2006 auch in Wil. Zum 20-Jahr-Ju­bi­lä­um des Ju­gend­clubs Mo­moll Thea­ter Schaff­hau­sen wur­de ei­ne Eva­lua­ti­on der bis­he­ri­gen Ar­beit durch­ge­führt. «Das Re­sul­tat war mo­ti­vie­rend: Für vie­le war un­ser An­ge­bot ein An­ker in ei­ner Zeit der Per­sön­lich­keits­su­che, sie pro­fi­tier­ten vom Er­lern­ten in an­de­ren Be­ru­fen und es hat ih­nen ge­zeigt, was man in Grup­pen al­les er­rei­chen kann.»

Ak­tu­ell be­ginnt wie­der et­was Neu­es: Zum 40-Jahr-Ju­bi­lä­um geht 2026 – ne­ben neu­en Pro­duk­tio­nen mit Ju­gend­li­chen in Wil und Schaff­hau­sen – ei­ne «tau­fri­sche Trup­pe» mit ei­ner mo­bi­len Pro­fi-Pro­duk­ti­on an den Start. «Ein Kla­vier, drei Per­so­nen, ein weiss­ge­deck­ter Tisch: Mehr braucht es nicht für ein tra­gisch-ko­mi­sches Thea­ter­stück mit we­nig Wor­ten, viel Be­we­gung und ei­ner Pri­se Ab­sur­di­tät.» Das Stück Bit­te nicht über den Tel­ler­rand stol­pern! hat ge­mäss Rüeg­seg­ger das Po­ten­ti­al, mit ei­ner Mi­schung aus Hu­mor, wil­der Akro­ba­tik, mu­si­ka­li­schen Ele­men­ten und char­mant-chao­ti­schen Mo­men­ten «das Pu­bli­kum to­tal ab­zu­ho­len».

Bit­te nicht über den Tel­ler­rand stol­pern! – Ju­bi­lä­ums­pro­duk­ti­on des Mo­moll Thea­ters: Frei­tag 13. Fe­bru­ar, 20 Uhr, Thea­ter­werk­statt Gleis 5, Frau­en­feld; Frei­tag, 27. Fe­bru­ar, 20 Uhr, Bach­turn­hal­le, Schaff­hau­sen.
 Mehr auf: www.mo­moll-thea­ter.ch

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Cie. momoll: Bitte nicht über den Tellerrand stolpern!

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Cie. momoll!: Bitte nicht über den Tellerrand stolpern!

Schaffhausen, Theater Bachturnhalle

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