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von Jana Mantel, 29.01.2026

Wo die Liebe zum Theater beginnen kann

Wo die Liebe zum Theater beginnen kann
Das Figurentheater Hand im Glück spielt Siebe Geisse und zwei Wölf. Im Bild von links: Benno Muheim, Maurice Berthele, Anna Nauer | © Theater Hand im Glück

Wenn die Theaterblitze einschlagen, zünden die Funken: Von Januar bis Juni 2026 bringt das Theater Bilitz Theater für Kinder, Jugendliche und Schulklassen an mehrere Orte. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Wenn aus dem Theater Bilitz die Theaterblitze im Thurgau einschlagen, ist es wieder so weit: Es gibt Theater für Kinder und Jugendliche, für Schulklassen und Familien. Und das Ganze in Kooperation mit dem Theater an der Grenze beziehungsweise dem Kult X in Kreuzlingen sowie dem Eisenwerk in Frauenfeld.

In diesem Jahr locken zwischen Januar und Juni 2026 sechs unterschiedliche Produktionen Schulklassen in die Vorstellungen von vier verschiedenen Theatergruppen. Schon ein kurzer Blick ins Programmheft zeigt: Die Wahl fällt schwer – oder auch leicht, je nachdem, wie oft man ins Theater gehen möchte.

 Aufwachsen mit Theater

1988 gründete Roland Lötscher das im Thurgau ansässige Theater Bilitz und etablierte es als professionelles Theater für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. «2009 konnten wir hier in das Gebäude am Bahnhof in Weinfelden einziehen, gemeinsam mit anderen Kulturakteuren aus der Region», erzählt er. Dank der strategisch günstigen Lage direkt beim Bahnhof und der zentralen Position im Kanton konnte sich die 2009 lancierte Veranstaltungsreihe Theaterblitze rasch etablieren.

«Schon 2015 kam als Veranstaltungsort das Theater an der Grenze, heute das Kult X in Kreuzlingen, hinzu, 2019 folgte das Eisenwerk in Frauenfeld», ergänzt Lötscher. Von Anfang an war es dem Schauspieler und Kulturmenschen ein Herzensanliegen, Kinder und Jugendliche für Theater zu begeistern und sie ins Theater zu bringen. 

Das Haus am Weinfelder Bahnhof bietet 104 Plätze, das Kernensemble rund um Lötscher besteht aus sechs Schauspielern. «Jedes Jahr entsteht ein neues Stück. Im Wechsel versuchen wir, die verschiedenen Altersgruppen im Blick zu haben», sagt er. «Sehr oft gehen wir auch in die Schulen. Das bedeutet konkret, dass wir bei neuen Stückentwicklungen immer darauf achten müssen, dass sie mit überschaubarem Aufwand auch an anderen Orten gut funktionieren.»

 

Roland Lötscher war der Gründer der Theaterblitze. Bild: Jana Mantel

Zwischen Bühne und Schulzimmer

Ob es einen Unterschied mache, im Theater oder in der Schule zu spielen? Lötscher schüttelt kurz den Kopf, dann sagt er: «Für uns Schauspieler ist es natürlich komfortabler, hier im Haus zu spielen – allein schon wegen der Technik und der kurzen Wege. Aber der Wechsel funktioniert. Zum einen sollen die Kinder auch ein Theaterhaus kennenlernen, zum anderen aber wahrnehmen, dass Theater auch in einem anderen Raum gut funktionieren kann.»

Im Prinzip gehe es immer um dasselbe Ziel: Kinder so früh wie möglich an Theater heranzuführen. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass dieses Konzept aufgeht. Im Jahr 2025 verzeichneten die Theaterblitze knapp 2000 Besucher – rund doppelt so viele wie zu Beginn der Reihe.

Programm mit Haltung

«Die Theaterblitze finden jährlich von Januar bis Juni statt», erklärt Lötscher das Prozedere. Eine dreiköpfige Programmgruppe wählt die Stücke aus, die idealerweise verschiedene Altersgruppen ansprechen. In diesem Jahr ist vom Theater Bilitz selbst die Produktion «Sophie und ich» zu sehen. Sie erzählt von einer Begegnung, die nie stattgefunden hat – aber hätte stattfinden können.

Was wäre geschehen, wenn die Widerstandskämpferin Sophie Scholl mit der gleichaltrigen Traudl Junge, der späteren Sekretärin Hitlers, befreundet gewesen wäre? «Wir wollten mit dem Stück den Zwiespalt aufzeigen, wie zwei Welten aufeinanderprallen», erklärt Lötscher und räumt ein, dass das Stück durchaus einen Auftrag habe. «Man muss in seinem Leben zuerst einmal bemerken, dass etwas merkwürdig läuft. Dann sollte man Position beziehen und sich wehren.»

 

Sophie und ich, eine neue Produktion vom Theater Bilitz mit Christina Benz (li) und Sonia Diaz. Bild: Theater Bilitz

Fiktive Freundschaft, reale Fragen

Im Stück entwerfen zwei Ausstellungspädagoginnen eine fiktive Freundschaft zwischen Traudl und Sophie. Die Handlung entfaltet sich in drei Zeitsprüngen und zeigt zwei lebenshungrige junge Frauen, deren persönliche Entfaltung durch Krieg und NS-Herrschaft verhindert wird. Mehr noch: Sie werden gezwungen, sich zu entscheiden.

Regie beim Zweipersonenstück führt Stella Seefried, die ab Sommer die künstlerische Leitung des Theater Bilitz übernimmt. Die öffentliche Premiere findet am 7. März um 20.15 Uhr statt, die Altersempfehlung liegt bei 13 Jahren. Karten sind unter theaterblitze.ch erhältlich.

 

Weitere Produktionen der Theaterblitze im Überblick

Ein Dauerbrenner des Theater Bilitz wird im Februar für Schulen gezeigt: «Wer bist du denn?» ist eine amüsante Geschichte über Fremdsein, Neugier und Freundschaft und eignet sich für Kinder ab vier Jahren.

Ergänzt wird das Programm durch das Figurentheater «Hans im Glück» sowie «Sieben Geissen und zwei Wölfe», ein klassisches Märchen im neuen Gewand mit viel Musik, Gesang und Humor – ebenfalls für Kinder ab vier Jahren. Die Play-Back-Produktionen laden mit «Wie Ida einen Schatz versteckt und Jakub keinen findet» zu einer fantasievollen Reise ein, die Kindern ab fünf Jahren zeigt, dass schon das Suchen einen eigenen Wert hat.

Für Schulklassen der dritten bis sechsten Klasse ist «Bon App!» von Teatro Lata gedacht – ein temporeiches, modernes Stück über Apps, Alltag und digitale Beschleunigung.

Theaterblitze als Herzstück

Roland Lötscher ist auch knapp vier Jahrzehnte nach der Gründung überzeugt davon, dass Theater ein wichtiges, ja unverzichtbares Kulturgut ist. «Je mehr wir uns mit Technik umgeben, desto mehr braucht es ein Gegengewicht», begründet er seine Haltung.

Kulturelle Bildung und Begegnungen im Theater seien für alle Menschen sinnvoll, wenn nicht gar notwendig. «Kultur muss einfach selbstverständlich zum Leben dazugehören», sagt Lötscher und betont den demokratischen Wert von Kultur, die – im Unterschied etwa zum Sport – ohne Wettbewerb auskomme.

 

Teatro Lata zeigt das Stück BON APP! mit Gustavo Nanez und Dominik Blumer. Bild: Angela Sanders

Impulse fürs Leben

Gesellschaftlich relevante Themen könnten im Theater besonders nachhaltig verhandelt werden. «Es gibt nach einer Vorführung wirklich nichts Schöneres, als wenn sich Schülerinnen und Schüler bei uns Schauspielern bedanken», sagt Lötscher. «Dann wissen wir, dass wir sie erreicht und ihnen etwas mitgegeben haben.»

Ziel sei es, Impulse zu geben und zur Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen anzuregen – idealerweise schon bei den jüngsten Zuschauern. Theater solle mehr sein als ein Ort für das jährliche Weihnachtsmärchen.

Niederschwellige Zugänge

Ein Beispiel dafür hat Lötscher parat: «Wir haben im November 2025 begonnen, hier im Haus szenische Lesungen für Kinder und Familien anzubieten. Die Sonntagvormittage waren sehr gut besucht. Dieses erste Kennenlernen des Hauses ebnet oft den Weg für einen späteren Theaterbesuch.» Viele dieser ersten Begegnungen fänden später im Rahmen der Theaterblitze statt.

«Wir bieten zu jeder Produktion auch eine theaterpädagogische Begleitung an – sei es in Form von Material oder durch persönliche Vermittlung», schliesst Lötscher. Für ihn selbst sei Theater ein wichtiges Lebenselixier. Auf die Frage, was er daraus fürs Leben mitgenommen habe, kommt die Antwort ohne Zögern: alles.

 

Theater Bilitz zeigt «Wer bist du denn?» mit Agnes Caduff und Simon Gisler. Bild: Lukas Fleischer

 

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