von Ramona Früh, 14.05.2020

Vom Jazz-Schlagzeuger zum Orchesterdirektor

Vom Jazz-Schlagzeuger zum Orchesterdirektor
Freut sich auf die neue Aufgabe beim Musikkollegium Winterthur: Dominik Deuber. | © Bild zVg

Der Thurgauer Dominik Deuber wird ab August 2020 neuer Direktor des Musikkollegiums Winterthur. Sein Engagement als Künstlerischer Leiter des Jazzfestivals «generations» würde er aber trotzdem gerne behalten. Über Karrierepläne, die das Leben schreibt, und wie manchmal doch alles anders kommt.  

70 Konzerte jährlich, 50 festangestellte Musikerinnen und Musiker, 12 Angestellte auf der Geschäftsstelle und ein Budget von 9 Millionen Franken. Dafür trägt Dominik Deuber ab August 2020 die alleinige Verantwortung beim Musikkollegium Winterthur. Als Managing Director leitete er zuvor zwölf Jahre lang beim renommierten Lucerne Festival die Akademie, also die Nachwuchsabteilung. Sein Abschied dort war kompliziert (mehr dazu weiter unten).

In Luzern hatte er immer einen Künstlerischen Leiter zur Seite. Dies fällt beim Musikkollegium Winterthur (MKW) nun weg. Zwar hatte das MKW früher auch eine kaufmännische und eine künstlerische Leitung, seit dem Weggang von Thomas Pfiffner 2014 leitete Samuel Roth das MKW jedoch alleine.

Eine grosse Verantwortung für den künftigen Direktor Deuber, der sich auf diese freut: «Klar habe ich die alleinige Verantwortung, aber ich habe ein Team mit Leuten, die zum Teil schon lange dabei sind. Beim Lucerne Festival war es mit der künstlerischen Leitung immer ein Dialog auf Augenhöhe. Das ist sowieso meine Art zu führen», sagt der 41-Jährige. «Es ist eine neue Herausforderung, aber die habe ich auch gesucht.»

«Es ist eine neue Herausforderung, aber die habe ich auch gesucht.»

Dominik Deuber, neuer Direktor des Musikkollegiums Winterthur (Bild: Urs Wyss)

Wenn über die Bedeutung des Musikkollegiums Winterthur gesprochen wird, schwingt die lange Tradition des 1629 gegründeten Sinfonieorchesters immer mit. Wie sieht Deuber die Bedeutung des Orchesters? «Das Musikkollegium steht vielleicht etwas im Schatten der grossen Schweizer Orchester, insbesondere in Zürich», meint er. «Ich sehe aber sein Potential: Das MKW hat immer wieder auch tolle internationale Solisten zu Gast. Es ist ein sehr vielseitiges Orchester, spielt alte und neue Musik, probiert verschiedene Konzertformate mit Mischformen aus.»

Deuber lobt zudem die gute Jugendarbeit des MKWs. Die grossen Projekte, bei denen mit Kindern und Jugendlichen zusammen eine Oper geschrieben und umgesetzt wurde, stiessen international auf Echo.

Deubers Dreiklang: Cello, Schlagzeug, Indie-Pop

Von aussen scheint der Karriereschritt des ehemaligen Musikers gross. Als Kind spielte Deuber Cello im Jugendorchester, danach begann er autodidaktisch Schlagzeug zu spielen, studierte Schlagzeug an der Hochschule der Künste Bern und war einige Jahre bei der Winterthurer Indie-Pop-Band Plankton aktiv. Die damals wöchentlichen Bandproben sind nur einer der vielen Bezüge zu Winterthur, die der ehemalige Frauenfelder vorweisen kann.

Er selber relativiert aber die Grösse des Karriereschrittes: «Es geht für mich um etwas anderes: Wo kann ich etwas Neues dazulernen und mich weiterentwickeln, wo kann ich meine Erfahrungen und mein internationales Netzwerk einbringen? Nach Lucerne Festival war das nicht ganz einfach für mich. Deshalb war die Ausschreibung des Musikkollegiums Winterthur eine wunderbare Chance.»

Der schwierige Abschied vom Lucerne Festival

Deuber war zuvor zwölf Jahre lang als Managing Director der Festival-Akademie für das Lucerne Festival tätig. Dann folgte Anfang Jahr die Trennung. Weshalb er und sein langjähriger Arbeitgeber sich trennten, darüber möchte Deuber nicht sprechen. In den Medien wurde spekuliert, verschiedene Versionen und Gerüchte kursierten. Sicher ist, sein Abgang bei Lucerne Festival kam unerwartet und Deuber hätte noch viele Pläne gehabt. Die Trennung vom Festival war ein herber Schlag für ihn.

Wie ist es ihm danach ergangen? Er habe sich überlegt, ob er nach einer Stelle im Ausland, in den USA, England oder Deutschland, Ausschau halten soll. Doch er habe jetzt Familie, und die Pläne müssten auch darauf abgestimmt sein. «Mein Sohn kommt bald in die Schule. Und wegen der Coronakrise war fraglich, ob das jetzt der richtige Zeitpunkt wäre, um ins Ausland zu gehen.»

«Es ist für mich und für das Orchester ein spannender Moment. Mit dem neuen Chefdirigenten oder der neuen Chefdirigentin wird es wieder neue spannende Diskussionen geben.»

Dominik Deuber (Bild: Maria Kosnyreva)

Die ausgeschriebene Stelle beim MKW habe dann seine Freude und Lust geweckt, sich zu bewerben. Die Findungskommission entschied sich in einem Auswahlverfahren mit 46 Kandidatinnen und Kandidaten aus der Schweiz und aus dem Ausland für Deuber. «Es war ein Prozess für mich und durch den Kontakt mit dem Vorstand und der Findungskommission wurde es wie eine Lawine. Ich bin extrem glücklich, dass das geklappt hat.» Für ihn war es ein wichtiger Schritt zum richtigen Zeitpunkt. Er wolle etwas bewirken beim MKW.

Aber nicht nur für Deuber, auch für das Musikkollegium Winterthur kommt der Direktionswechsel zu einem günstigen Zeitpunkt. Auch der Chefdirigent und der erste Konzertmeister des Orchesters werden demnächst, auf Ende Saison 2020/2021, wechseln. «Es ist für mich und für das Orchester ein spannender Moment. Mit dem neuen Chefdirigenten oder der neuen Chefdirigentin wird es wieder neue spannende Diskussionen geben. Dazu kommt die Halle 53 auf dem ehemaligen Sulzerareal als möglicher Spielort, der wieder neue Potentiale eröffnen könnte.»

Welche Ziele er mit dem MKW umsetzen will, das sei zu früh, um jetzt darüber zu sprechen. «Ich möchte zuerst die Menschen kennenlernen. Wichtig wird für mich auch der Austausch mit dem Chefdirigenten, dem Konzertmeister und dem Orchester sein, um ein Gefühl dafür zu bekommen, wo man steht, wohin man will.» Er sieht drei Bereiche: die Musik, die Organisation aber auch die gesamte Vermarktung des Orchesters. «Das MKW ist ein Orchester auf hohem Niveau. Aber schlussendlich ist es auch ein Betrieb, der wirtschaftlich geführt werden muss.»

«Das MKW ist ein Orchester auf hohem Niveau. Aber schlussendlich ist es auch ein Betrieb, der wirtschaftlich geführt werden muss.»

Dominik Deuber

Ob er mit seiner Familie sofort nach Winterthur ziehen wird, kann Deuber noch nicht sagen. Gerade vor ein paar Tagen ist er von Sempach nach Luzern umgezogen. Das Leben durchkreuzt manchmal Pläne. Mittelfristig wäre es aber schon die Idee, wieder in der Region zu wohnen und nicht pendeln zu müssen, sagt Deuber.

Was wird aus seinem Engagement beim «generations»?

Dominik Deuber ist seit 2017 auch künstlerischer Leiter des Jazzfestivals «generations» in Frauenfeld. Diese Stelle möchte er gerne behalten. «Ich möchte gerne im künstlerischen Teil weiterhin involviert bleiben. Die Aufgabe des Künstlerischen Leiters beim generations ist aber mit viel Administration verbunden. Wir werden nun zusammen anschauen, wie wir die Aufgaben anders verteilen können.»

Sowieso müssten sie nun schauen, ob und wie das diesjährige Festival stattfinden könne. Je nachdem auch, was der Bundesrat Ende Mai bezüglich Veranstaltungen kommuniziere. Das Programm steht schon, sagt Deuber. Die Künstlerinnen und Künstler seien aber vorinformiert über eine allfällige Verschiebung des Festivals.

 

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