von Jeremias Heppeler, 15.06.2021

Was die Kunst zur Kunst macht

Was die Kunst zur Kunst macht
Die interaktive Skulptur "Audiovisual Vaccination" des Kollektivs "The Sporthorses And The Guggenheim Box" ist die vielleicht auffälligste Arbeit im Kunstraum.. | © Jeremias Heppeler

Die Fesseln der Pandemie werden langsam lockerer. Im Kunstraum Kreuzlingen nimmt man das zum Anlass, genauer hinzuschauen: Welchen Kommentar liefert die Kunst zur Krise? (Lesedauer: ca. 4 Minuten)

Wenn eine globale Katastrophe den weltweiten Kulturbetrieb praktisch auf Null fährt, dann erscheint es nur folgerichtig, dass dieses kollektive Trauma die Kunst über Jahre hinweg prägen wird. Denn ausnahmslos alle Künstler und Künstlerinnen haben durch die Pandemie eine Zäsur erfahren. Sie wurden eingefroren und wieder aufgetaut. Fast so, als hätte einer die Pausetaste der Fernbedienung gedrückt oder mindestens den Zeitlupen-Modus aktiviert.

Und angesichts des gegenwärtigen Tauwetters, das die ganzen Eisskulpturen nun wieder vorsichtigst auf Normaltemperatur schmilzt, rufen die Rezipienten bereits neugierig in die Urtiefen der Kühltruhen. Denn immer dann, wenn geradlinige Erklärungen nicht ausreichen, schielt die Gesellschaft vorsichtig in Richtung Kunst.

Die Aufgabe der Kunst in kniffligen Zeiten

Jede Krise verlangt nach mehrschichtigen Auseinandersetzungen. Vor allem, wenn ein Grossteil der Narrationen bereits offen liegt. Abgreifbar und erfahrbar für uns alle. Die Corona-Krise war gläsern. Doch wie glühend dürfen die Nadeln sein, mit denen nun gestrickt wird?

Bislang gibt es verhältnismässig wenige Beispiele: Die Romanautorin Juli Zeh hatte einen fast fertigen Roman umgeschrieben und ins Corona-Zeitalter versetzt - eine Geniestreich, dass den Text "Unter Menschen" zu einem herausragenden Gegenwartskommentar machte.

Krise? Welche Krise?

Viele Telenovelas und Soaps, die für gewöhnlich zeitnah gedreht werden und oftmals Ereignisse wie die Fussball-Weltmeisterschaft direkt oder indirekt thematisieren, entschlossen sich die Krise auszublenden. In den Parallelwelten der Serien existiert Corona nicht.

Und die Kunst? Der Berufsverband der visuell arbeitenden Künstlerinnen und Künstler der Schweiz, Visarte, hatte das Gefühl einmal nachfragen zu müssen. Und diese Fragen prangen jetzt Schwarz auf Rosa auf dem Katalog zur Ausstellung „Corona Call", die aktuell im Kunstraum Kreuzlingen zu sehen ist und durch insgesamt sechs Locations in der ganzen Schweiz wandert.

Die herausragend gefilmte Arbeit "Die Wehmut des Daseins" von Aino Dudle entfaltet eine cinematische Atmosphäre im Tiefparterre des Kunstraums. Bild: Jeremias Heppeler

Auf den Spuren einer neuen Realität

„Worauf freust du dich, wenn alles vorbei ist?", „Wie hat sich dein Arbeitsalltag während des Lockdowns verändert?", „Was hast du im letzten Jahr am meisten vermisst?". Es sind die Fragen, die wir uns gerade tagtäglich stellen. Es sind die Fragen, die dieses Jahr gezeichnet haben. Es sind die Fragen, die im Smaltalk-Kontext Fragen nach dem Wetter abgelöst haben. Sie stehen für einen neuen Alltag, eine neue Realität.

Und doch erhielt die Visarte weit über 683 intermediale Antworten von KünstlerInnen, von denen es insgesamt 35 auf eine Shortlist schafften, aus denen wiederum 15 Positionen von Gastkuratorin Sibylle Omlin und Kunstraum-Kurator Richard Tisserand in Kreuzlingen versammelt wurden.

 Die grob gezimmerten Hanteln sind ein entscheidender Teil der Arbeit "Dear Corona" von Denis Roueche. Bild: Jeremias Heppeler

Der Trend liegt im Recyclen

Besonders präsent ist die interaktive Maschine des Kollektivs „The Sporthorses And The Guggenheim Box". Ein wilder Aufbau aus Baulatten, Spielzeug und Atelierfundstücken, gekoppelt an ein unwiderstehlich analoges Geflecht aus Kabeln, Kanülen und Geräten. Der Rezipient wird dazu angehalten sich zum Akteur zu verwandeln, die Maschine durch seine schiere Anwesenheit anzuwerfen. Es rattert und scheppert und rasselt, jault und pfeift, ein unübersichtlicher DIY-Spielplatz. So ein Ding, das keinen Sinn macht und doch Sinn produziert, als perpetuummobile Kontextmaschine.

Überhaupt wird deutlich: Die Materialkrise scheint auch die Kunst erreicht zu haben. Statt edle Rohstoffe zu verbauen liegt der Trend im Recyclen. Nimm das was da ist! Im selben Gedankentakt funktionieren auch die Holzgebilde von Denis Roueche: (massive, grob geschnitzte Hanteln und Medallien aus Holz, fast so, als hätte sich der letzte Mensch der Welt ein eigenes Fitnessstudio gebaut) oder die Installation „Topspreader" von Andreas Führer, Sonjoi Nielsen und Yangzom Sharley (eine Maschine mit Laubbläserkopf und Bürostuhlkörper, die um sich herum rotiert und unkontrolliert Luft umher wirbelt und im Raum verteilt).

Die interaktive Skulptur "Audiovisual Vaccination" des Kollektivs "The Sporthorses And The Guggenheim Box" ist die vielleicht auffälligste Arbeit im Kunstraum. Bild: Jeremias Heppeler

Fülle an spielerischen Positionen

Eine solche Gruppenausstellung läuft natürlich immer Gefahr zur Leidenscollage zu verkommen. Zu einem Crescendo aus Klagen und Anklagen. Zu einer Ansammlung von überladenen Leinwänden, die die offenen Wunden als Farbtöpfe nutzten. All das passiert nicht, im Gegenteil. „Corona Call" versammelt eine Fülle an spielerischen Positionen, es ist eine gewisse Leichtigkeit, die die Arbeiten eint und mit einem roten Faden verknotet. "Eine richtige Sommerausstellung!", meint auch Tisserand. Langweilig jedenfalls wird einem hier sicher nicht.

Doch da grüsst auch schon die nächste Gefahr: Was, wenn die Kunst hier zum reinen Eskapismus verkommt? Wollen wir wirklich KünstlerInnen, die sich wie SoapautorInnen verhalten? Die die Pandemie wegdenken? Wegschieben? Doch auch diese Angst ist unberechtigt. „Corona Call" erzählt einfach eine andere Geschichte.

Über das Schaffen um des Schaffens willen

Eine Geschichte des Alleinseins und der Isolation. Es geht ums Schaffen des Schaffens willen. Abseits der ewigen Projektkreisläufe. Was machen Künstler und Künstlerinnen wenn ihr Atelier zum Vakuum wird? Zum luftleeren Raum? Der Blick richtet sich nach Innen. Weil draussen ist ja eh nichts. Der Druck ist weg - und das kann ganz schön befreiend sein.

So nimmt es nicht Wunder, dass sich die versammelten malerischen Positionen visuell so sehr ähneln, dass man sich zunächst beinahe in einer Einzelausstellung wähnt. Auch hier steht das Spiel mit dem Medium im Vordergrund. Wir sehen keine fotorealistischen Studien, kein grossspuriges Technik-Geflexe. Tatsächlich ist keine der malerischen Arbeiten im Kunstraum gerahmt. Hier geht es nicht ums framen, nicht um Produkte. Sondern um Prozesse. Ums Fühlen und Tasten. Ums in sich hinein hören.

Schon solide, aber irgendwie auch harmlos

Jon Merz zeigt Zeichnungen mit Art Brut-Anleihen, mit Tagebuch- und Notizbuchästhetik. Eine Aneinanderreihung von kunterbunten Fingerübungen, als hätte einer frühmorgens seine Träume und Alpträume und Fieberträume zu Papier gebracht.

Miroslaw Halaba überträgt die Formen der Pandemie von Flugblättern bis Viruspattern in hochreduzierte, beinahe kindliche Strukturstudien, während Bettina Carl ihre Werkgruppe „Einsilbige Tiere" mit flinkflotten Strichabfolgen aufs Papier tanzt.

Und ja, das alles zeugt von einer neuen, einer fast aufdringlichen Leichtigkeit im Angesicht der aufkeimenden Hoffnung. Die eingangs ersehnte Auseinandersetzung aber bleibt aus, es gibt keinen zweiten oder dritten Boden. Alles hier wirkt merkwürdig solide, fast harmlos und mit sich im Reinen.

Gastkuratorin Sibylle Omlin, die gemeinsam mit Richard Tisserand den "Corona Call" in Kreuzlingen zusammenstellte, führt durch die Ausstellung und erklärt hier die Bilder von Miroslaw Halaba. Bild: Jeremias Heppeler

Ein Archiv der Zeitgeschichte in Aushängen

Vermutlich sticht auch deshalb eine Arbeit besonders heraus: „The Day isn't over until it's midnight" von Gregor Vogel. Vogel war während der Pandemie mit dem Velo losgezogen und hatte in ganz Zürich Corona-Aushänge von Ladenbesitzern gesammelt - in Rücksprache mit den Erstellern. Herausgekommen ist ein teils absurdes, teils witziges und teils prägnantes und prägendes Archiv der Zeitgeschichte.

Die Aushänge decken dabei die volle Bandbreite von wenigen Wörtern bis zu komplizierten, professionellen Grafiken ab und tragen eine ganze Reihe an Spuren in und auf sich. Abgerissene Ecken, Klebestreifen, Korrekturen. „Ich weiss selbst nicht ganz so genau, ob das Kunst ist", sagt Vogel und lügt damit natürlich.

Gregor Vogel beim Sortieren der von ihm gesammelten Corona-Aushänge. Bild: Jeremias Heppeler

Von der Poesie der Information

Alleine der aufwändige Sammelvorgang, dieses Suchen und Pirschen im ausgestorbenen Grossstadtdschungel und damit verbundene de- und rekontextualisieren eines eigentlich ausgestorbenen Mediums macht Vogels Arbeit zum hochspannenden Projekt.

Im Schaukasten des Kunstraums blicken wir plötzlich auf Design und Typo, analysieren die Poesie der Information, suchen Hinweise auf Angst und Ignoranz.

Vogel erzählt die Geschichte einer Archivierung und die Archivierung erzählt seine Geschichte und genau solche Doppellungen vermag einzig die Kunst zu leisten. Gut, dass sie wieder da ist.

Die teilnehmenden Künstler

Beni Bischof, Bettina Carl, Aino Dudle, Andreas Fürer/Sonjoi Nielsen/Yangzom Sharlhey, Miroslaw Halaba, Andrea Heller, Till Langschied, Jon Merz, Rosanna Monteleone, Nicolas Polli, Denis Roueche, The Sporthorse/Guggenheim Box, Kollektiv U5, Sebastian Utzni, Gregor Vogel

 

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