04.02.2021

«Was für ein Trip!»

«Was für ein Trip!»
Solokünstler, Chorsänger, Komponist und Initiator zahlreicher Projekte und Veranstaltungen: David Lang. | © David Lang

Weiche Knie, rauhe Stimme, Gesichtskrampf: Der Musiker und Komponist David Lang erinnert sich in unserer Serie #meinerstesmal an seinen ersten Bühnenauftritt. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Bratensosse in der Nase. Pling! «Tisch drei Menü zwei, Tisch fünf Coupe Dänemark!» Eine Suppe blubbert. Jemand hastet an mir vorbei. Durch den schmalen Durchgang. Raus in den Gastraum. Da draussen wartet mein erstes Mal, mein Publikum. Mir ist übel. Seit vier Stunden nichts gegessen. Jetzt müsste ich. Zu spät. Nulltoleranz im Magen. Ich muss pinkeln.

Keine Zeit mehr. Ich bin noch nicht so weit. Ich werde mein Date enttäuschen. Ich bring’s heute nicht. Angst. Angst, zu versagen. Lähmend. Gleich über mich hinauswachsen. Müsste ich. Meine Kehle trocken. Trinken. Aber ich muss auf’s Klo. Nicht trinken. «Wir sind gleich so weit, ihr könnt in drei Minuten starten!» Doch auf’s Klo. Frisur im Spiegel. Stimmt nicht. Sieht nicht gut aus. Im Haar herumgfätterlen. Wird schlimmer. Verdammt.

«Kann sich bitte mal jemand um mich kümmern?»

Ist das eine Kröte hinten links im Hals? Trinken. Nur wenig. Meine Hände sind kalt. Feucht. Feucht-kalt. Kann jemand meine Hände trocknen? Und wärmen? Kann überhaupt jemand in dieser Küche sich gopferdoori um mich kümmern, mir die Last abnehmen, anstatt sich um Essensbestellungen von Leuten zu kümmern, denen es gerade sowieso viel besser geht als mir? Warum kann nicht ich da draussen sitzen, das Menü für 25 Stutz essen und mich sanft, aber bestimmt betrinken?

Bossi strahlt. Das kann er, der Bossi. Strahlen. Mein Kamerad. Normalerweise hasten wir hier herum. Mit Serviertabletts durch das Restaurant. Wir sind stolz. Wir sind gut. Heute machen wir zum ersten Mal Musik miteinander. Wir sind angehende Primarlehrer.

«Man wartet zehn Minuten! Das machen alle!»

«Seid ihr bereit?» Patricia. Unsere Chefin. Wirtin des Klingenzellerhofs.

Nein, bin ich nicht. «Ja, klar!»

«Die Getränke sind raus. Ihr könnt.»

Seid ihr wahnsinnig? 20.00 Uhr war abgemacht! Jetzt ist 20.01 Uhr! Man wartet zehn Minuten! Das machen alle!

«Raus mit euch!»

Sch... «Na endlich!» Ich bin so ein Angeber. Bossi strahlt.

«Trockener Speichel klebt die Oberlippe an die Schaufeln.»

Der Durchgang ins Restaurant ist zu schmal. Da komm ich nicht durch. Doch, ich komm durch. O Mann. Licht. Applaus. Die Beine sind es nicht, die mich zum Klavier tragen. Zu weich die Knie. Irgendwelche Notmuskulatur hilft aus. Lächeln. Siegermiene. Eis im Gesicht.

Hinsetzen.

Erste Akkorde spielen. Die Finger rutschen ab. Erste Töne singen. Die Stimme ist rauh. Hätte doch trinken sollen. Mehr trinken. Mein Lächeln ein flächendeckender Gesichtskrampf. Trockener Speichel klebt die Oberlippe an die Schaufeln.

Angst, dass alles entgleitet. Durchwursteln. Fahrig, flüchtig, flüchtend. Fehlern nachstudieren und deshalb neue Fehler machen. Applaus. Viel Applaus. Die Familie ist da. Freunde sind da. Komplimente. Adrenalin. Etwas geschafft. Geschafft! Befreiung. Energie. Rausch. Small Talk. Müdigkeit. Erschöpfung. Mein erstes Mal. Was für ein Trip.

«Und dann: Komplimente. Adrenalin. Etwas geschafft.»

Mehr über David Lang findest Du auf seiner Website: www.davidlang.ch oder in einem ausführlichen Porträt in unserem Magazin.

 

Die Serie #meinerstesmal

Dinge zum ersten Mal zu tun, ist immer etwas Besonderes. Der erste Schultag, der erste Kuss, die erste eigene Wohnung - fast jeder kann sich an diese ersten Male erinnern. Bei Kulturschaffenden ist so ein besonderer Moment - das Debüt. Oder das erste Mal vor Publikum stehen. Genau dieses Gefühl wollen wir mit der neuen Serie einfangen.

 

Was treibt diese Menschen an? Wie fängt man so was an? Und wie fühlt sich das an, wenn man mit einem künstlerischen Debüt, ganz gleicher welcher Sparte, vor ein Publikum tritt? Wenn man gewissermassen über sein eigenes Leben hinaus und in das Leben der anderen hinein tritt? Man plötzlich öffentlich wahrnehmbar wird, sich zeigt und, nun ja, heraus ragt?


Jeder kann mitmachen: Möchtest Du uns auch Deine Geschichte von Deinem ersten Mal erzählen? Dann mach das doch! Das Format ist aber offen für jeden Künstler: Wer seine Geschichte mit uns teilen möchte, schreibt einfach eine Mail mit seinem Text (auch Video- und Audiodateien sind möglich) an unsere Mailadresse: michael.luenstroth@thurgaukultur.ch

 

Alle Texte auf einen Blick: Wir sammeln alle Beiträge der Serie in einem Themendossier. Das findet ihr hier.

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Eingabefrist: 25. Februar 2021

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