von Jeremias Heppeler, 04.05.2026
Die Spitze des Zauberbergs

Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen. (Lesedauer: ca. 3 Minuten)
«Der Zauberberg» von Thomas Mann ist ein Titan der deutschsprachigen Literatur. Der Elefant im Raum, der so vieles vorwegnahm und bis ins Heute spiegelt. So nimmt es nicht Wunder, dass die Popkultur den Roman ziemlich genau 100 Jahre nach dessen Erscheinen und in abermals instabilen Zeiten wieder für sich entdeckt.
Heinz Strunk jedenfalls veröffentlichte zuletzt «Zauberberg 2», und auch das Ostschweizer Duo Karl Kave & Durian taufte sein neues Album «Zauberberg». All diese Werke eint indes eine zentrale Frage: Wer sortiert wen wohin?
Erinnerungen an bessere Zeiten
Warum man es bei der nunmehr 5. Karl Kave & Durian Platte nicht mit einem 08-15-Poprelease zu tun hat, offenbart sich bereits bei der Lektüre des Pressetextes:
«Zauberberg erzählt die Geschichte einer älteren, gut betuchten Dame aus unterschiedlichen Perspektiven. Von der Einweisung ins Alters- und Pflegeheim, ihren Erinnerungen an bessere Zeiten, ihren Sorgen wegen eines drohenden Erbschaftsstreits zwischen ihren Kindern bis zu ihrem Ableben und darüber hinaus.»
Das alles erscheint unter popdiskursiven Gesichtspunkten maximal unsexy. Doch Sänger Andrin Uetz und Komponist Carlo Rainolter zucken im Angesicht der gängigen Erwartungshaltungen so lautstark mit den Schultern, dass eine formidable Bassline ertönt, die fortan rhythmisch durch ihr Konzeptalbum rummst.
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Wer macht denn heute noch Konzeptalben?
Überhaupt Konzeptalben! Das Genre erscheint uns im Sog der immer schamloser nach Verkürzung gierenden Algorithmen so angestaubt wie der höfische Roman. Und doch markierte es schon immer einen faszinierenden Zwischenraum zwischen Musik, Literatur und Theater – auch wenn aufgrund der Artverwandtschaft zum Musical viele Konzeptalben in Rasierklingenritten am Rande des Cringe mündeten.
Karl Kave & Durian aber gelingt es durch ihre fast schon laszive Trockenheit in Humor und Komposition, dass jeder Song nicht nur den roten Faden vernäht, sondern auch für sich selbst arbeitet. Wenn Uetz im grandiosen Opener säuselt «Die Anstalt öffnet die Türen für Dich / Hereinspaziert / Bitte, meine Liebe, geniere dich nicht / Du wirst inspiziert» und dann Falco-artig diktiert «Es geht ihnen soweit / Eigentlich ganz gut / Ihre Zurechnungsfähigkeit / Ist gerade noch gross genug», dann schneidet das einen ganzen Kosmos auf, aus dem die Ideen nur so heraustropfen.
Musik ist auch nur eine Form von Trauerarbeit
Aber wie kommt man überhaupt darauf, ein Album über Pflege zu machen?
«Anknüpfungspunkte gibt es viele. Carlo arbeitet als Sozialpädagoge in einem Heim. Meine Mutter arbeitete als Pflegefachfrau. Aber auch verschiedenste Klinikaufenthalte sind in unserem persönlichen Umfeld vertreten», erklärt Uetz im Gespräch. «Wir kennen quasi beide Perspektiven. Wahrscheinlich geht es darum, sich solchen an sich belastenden Themen mit künstlerischer Freiheit zu widmen. Vielleicht ist es eine Form der Trauerarbeit. Oder eine Einladung, verschiedene Perspektiven einzunehmen auf ein komplexes und auch sehr widersprüchliches Thema.»
Wolke aus Postpunk und Neuer Deutscher Welle
Und das geht komplett auf. Herausragende Stücke wie «Endlosschlaufe» oder «Endlich hat sie Ruh» heben ab und wechseln zwischen Wolken aus Postpunk, Neuer Deutscher Welle oder Bands wie Future Islands ihre Aggregatzustände. Und das schreit laut Andrin Uetz nach erzählerischen Ansätzen in den Lyrics:
«Ich denke, unsere Musik ist stark vom Erzählerischen geprägt. Das fängt schon bei den Instrumentals von Carlo an, welche für mich immer eine Geschichte erzählen oder zumindest sehr starke Stimmungen transportieren. Weil er seine Tracks sehr schnell und jeweils mit einem Setup von Synths und Drummachines erstellt, sind die bei jedem Album auch aus einem Guss. Daher kann ich dann fast nicht anders, als Texte zu schreiben, die irgendwie zusammenhängen. Eigentlich formuliere ich einfach das aus, was ich in der Musik höre.»
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Plattentaufe ist am 9. Mai in St. Gallen
Da macht es nur Sinn, dass die Platte durch einen in Serbien gedrehten Kurzfilm von Regisseur Aaron Chaudhry ergänzt wird, der bei der Plattentaufe am 9. Mai im Palace seine Premiere feiert: «Da gibt es dann aber nochmals eine völlig neue Perspektive und Geschichte. Ich spiele darin einen Beamten, der für eine Stiftung eine Immobilie kaufen soll und dafür aber die Unterschrift einer altersdementen Besitzerin braucht.»
Tatsächlich steckt «Zauberberg» voller Brüche. Alles bricht mit allem. Die Erzählung mit der Ästhetik, der Sound mit dem Gefühl. Und am Ende kommt aber auch alles wieder zusammen, und genau das ist eine beinahe heilende Erfahrung für uns Hörer:innen.
Eine ganz und gar unironische Coolness
Unterm Strich fasziniert der ausgestellte Mut zur Weirdness im Verweissystem, aber auch die konsequente, weil unironische Coolness, mit der sich dieses Werk reguliert.
«Ich denke, Musik und Sprache im Allgemeinen bieten die Möglichkeit, gerade auch Bruchstellen zu beleben. Es steckt aber auch einfach viel Arbeit darin. Wir produzieren die Musik sehr schnell, dennoch fliessen sehr viel Recherche und Erfahrung mit ein. Das Album ist quasi nur die Spitze des Zauberbergs», sagt Andrin Uetz.
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Plattentaufe am 9. Mai in St. Gallen
Das Album ist am 21. April sowohl digital als auch als Vinyl erschienen. Ergänzend dazu gibt es einen experimentellen Kurzfilm, der bei der Plattentaufe am 9. Mai 2026 im Palace St. Gallen Premiere feiern wird.

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