von Jeremias Heppeler, 23.02.2026
Endlich mal wieder was spüren

Stricken und töpfern statt Doomscrolling und Bingewatching: Die Digitalisierungsmüdigkeit führt viele Menschen wieder zurück zum analogen Erlebnis. Ist das nur eine Phase oder schon wieder ein Trend? Eine Bestandsaufnahme. (Lesedauer: ca. 4 Minuten)
Vor kurzem ging ein nicht ganz ernst gemeinter Social Media-Post des Accounts "Actually Chloé" auf verschiedenen Plattformen viral: „Mal eine ernsthafte Frage an die Millennials… Meine ältere Cousine meinte, sie hätte früher CDs für ihren Schwarm „gebrannt". Echt jetzt? Mit Feuer? 🔥 War das ein Ritual? Hat's geklappt? Ihr habt ja quasi Hexerei betrieben, nur um eine Antwort zu bekommen und ich hab echt Angst vor euch. 💀💿"
Das Internet ist mittlerweile so alt, dass es selbst unter den Digital Natives elementare Erlebnisunterschiede gibt. Für die jungen Generationen fühlt sich die Frühzeit des Worldwide Web, in der sich Analoges und Digitales in Zwischenräumen vermischte, wie ein wilder, historischer, vielleicht auch faszinierender Ort an.
Wird Retro jetzt zum neuen Lebensstil?
Nach zwei Jahrzehnten der erbarmungslosen Digitalisierung des Alltags hat sich in diesem Kraftfeld zuletzt eine vorsichtige, fast schüchterne Gegenbewegung formiert.
Ausgerechnet in der Gen Z, jener Generation also, die als erste in komplett digitalisierten Welten gross wurde, greift die Idee einer Rückkehr ins analoge Leben immer weiter um sich. Stricken, töpfern und zeichnen statt Doomscrolling und Binge-Watching, Vinyl und Kassetten statt Spotify-Abo.
Das Wort Retro, das bislang vor allem auf oberflächliche Modetrends angewendet wurde, transformiert sich dabei tiefgreifend zum Lifestylebegriff und geht einher mit einer Tugend, die vielen von uns (und egal aus welcher Generation) in den ewigen Algorithmusstrudeln abhanden gekommen schien: der Fähigkeit, den Moment zu schätzen.
Video: Doku von arte zum Thema
Wie war das nochmal genau in den gelobten 90ern?
Aber Vorsicht, wir wollen nicht in den üblichen früher-war-alles-besser-Sermon verfallen, denn seien wir ehrlich: Die 80er, 90er und 00er Jahre formierten eine Epoche des ungezügelten Sammelkonsums. Was haben wir nicht alle über diese Zeit für einen Ballast angesammelt? Kisten, nein, Regale, nein, Zimmer, achwas, ganze Häuser voll mit DVDs, CDs, Blu-rays, Modulen, Minidiscs, Kassetten und Games, dazu die entsprechenden Abspielgeräte in diversen Formen.
Sammelwahn, 4 für 3-Aktionen, Medien als Statussymbol. Und dann, mehr oder weniger von heute auf morgen, war all das nichts mehr wert. Die Magie war verpufft, einfach so, und selbst Sammlerstücke und Sonderedtionen verwandelten sich in Plastikmüll, der ganze Umzugskisten füllte.
Die digitale Revolution versprach uns nach dieser Ära der Staubfänger vor allem eins: Entschlackung. Alle Musik, Filme und Literatur sollten sich fortan auf der neuen Göttin Smartphone versammeln, jederzeit abrufbar. Die Menschheit träumte kollektiv den Traum des Alles-Gleichzeitigen.
Musik per Abo mieten? Das schien lange absurd
Dabei waren wir zunächst skeptisch gewesen, bis heute erinnere ich mich an einen Studienkumpel, der Anfang der 10er Jahre nach einem Vorstellungsgespräch an der Mannheimer Popakademie ungläubig berichtete, die Industrie würde davon ausgehen, dass einem System, in welchem man Musik per Abo mietete, die Zukunft gehörte.
15 Jahre später hat Spotify die Musik genauso verändert wie Netflix den Film. Apps, Reels, Algorithmen, NFTS, Cryptos, Startups, TikToks, Trends, Virales, Follower:innen, Likes, Shares, KI-Tsunamis. Content. Content. Content.
Video: SRF-Sternstunde Philosophie Digital Detox – Das Smartphone, ein Gift?
Wann ist die Utopie in die Dystopie gekippt?
Der utopische Moment der Revolution ist längst ins Dystopische gekippt. Und das liegt nicht zuletzt an einer Handvoll Typen, die immer stärker das Weltgeschehen dominieren: Techmilliardäre und digitale Oligarchen wie Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und vor allem Elon Musk, die als Anführer der Incelbewegung und parallel zum globalen Rechtsruck ein neues, tieftoxisches, seiner Unschuld längst beraubtes Internet kreierten.
Auch als Antwort auf diese Welt, in der Spotify Werbung für Trumps hochgerüstete Spezialgruppe ICE zulässt und Musk tief in die Weltpolitik eingreift, markiert die Rückkehr zum wirklich Wirklichen einen fast schon revolutionären Akt, der neben dem Widerstand gegen die Willkür der Konzerne und die digitale Fremdbestimmung vor allem eines bedeutete: Verzicht. Die versprochene Entschlackung jedenfalls grüsst jetzt aus der entgegengesetzten Richtung.
Wie uns das Internet den Kopf verdreht hat
Das Internet, das uns wie kein anderes Medium zuvor vereinnahmt, verdreht uns mit seinen Selbstoptimierungsmythen stetig den Kopf. Unsägliche Apps wie Blinkist schrumpfen ganze Bibliotheken in einer urheberrechtlichen Grauzone zu leicht verdaulichen, seelenlosen Content-Happen. Wir sammeln Abos wie Pokémon-Karten und wissen trotzdem nicht, was wir abends schauen sollen, während unsere Aufmerksamkeitsspannen längst auf fünf bis sieben Sekunden zusammengeschrumpft wurden.
Das schiere Überangebot verkommt zum unübersichtlichen, geschmacklosen Brei. Im direkten Vergleich fühlt sich der analoge Medienkonsum, der immer mit einer bewussten Entscheidung einhergeht, fast wie Urlaub an. Wer eine CD im Discman rotieren lässt, der wird diese Songs anders schätzen, als wenn der Rest der Musikgeschichte nur einen Klick entfernt ist. Oder wann hast du zuletzt ein Album wirklich durchgehört?
Video: Doku von arte zu Digital Detox
Und plötzlich jagt uns die Kontextmaschine Charlie Chaplins berühmte, bald 80 Jahre alte Rede an die Menschheit ins Fussnoten-Netz:
„Wir lassen Maschinen für uns arbeiten, und sie denken auch für uns. Die Klugheit hat uns hochmütig werden lassen und unser Wissen kalt und hart, wir sprechen zu viel und fühlen zu wenig, aber zuerst kommt die Menschlichkeit und dann die Maschinen! (…) Aeroplane und Radio haben uns einander näher gebracht, diese Erfindungen haben eine Brücke geschlagen von Mensch zu Mensch, sie erfordern eine umfassende Brüderlichkeit, damit wir alle eins werden." Das nennt man dann wohl: Faust aufs Auge!
Am Ende liegt die Wahrheit selbstverständlich in der Mitte und die Vorteile des Internets sind sowohl für Produzent:innen und Konsument:innen nicht von der Hand zu weisen. Aber vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt, um sich final von den angesprochenen Abhängigkeiten zu lösen und einen bewussteren Mischkonsum abseits der Flatrate-Angebote anzustreben. Vielleicht liegt unsere Hoffnung in der Rückkehr in die Zwischenräume?
Ein Plädoyer für mehr Zwischenräume
Ja, hol dir Streaming-Abos, aber yes, hol dir auch Merch und Artworks. Geh raus, geh auf Konzerte. Support your local artists! Strick zu kleine Socken und giess zu grosse Kerzen. Mal Bilder auf Papier und auf dem iPad, auch wenn Frau Müller in der dritten Klasse meinte, du hättest kein Talent.
Hör auf damit, dich ständig und rasend verbessern zu wollen, obwohl du dich mit deinem Tempo wohl fühlst. Fass einen Baum an, mach dich schmutzig. Mach dumme TikToks, aber mach sie für dich. Versinke in Rabbitholes. Such dir ein richtig seltsames Hobby. Und wenn du keine CD für deinen Schwarm brennen kannst, na dann mach wenigstens eine Playlist.

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