von Jürg Schoop (1934 - 2024), 11.03.2014
Wiedersehen mit Roland Dostal

Vernissage in der Galerie Adrian Bleisch in Arbon: Roland Dostal sei kein Trendsetter, sondern bringe nach intensiver Reifungszeit alles auf den Punkt, meint Künstlerkollege Jürg Schoop in einer kritischen Würdigung - und von „Power for Gauer“.
Jürg Schoop
Wohl keine andere Galerie in der Ostschweiz ist so gut darauf vorbereitet gewesen, die gross dimensionierten Werke Roland Dostals in einer Gruppe vorzuzeigen. Wir sind dem Künstler und dem Galeristen dankbar, dass sie den logistischen Aufwand in Kauf genommen haben, um dieses Wiedersehen zu ermöglichen, zeigen sie uns doch, dass der Künstler die Meisterschaft über die grossen wie die kleinen Formate, deren unzählige auf einem langen Tisch ausgebreitet sind, gleichermassen beherrscht.
Alles auf dem Punkt
Dostal ist kein Trendsetter, der meint, den neuesten Senf zum Kunstgeschehen dazu geben zu müssen. Während langer, intensiver Reifungszeit hat er sich eine sehr persönliche, aber stets zugängliche Formensprache erarbeitet, deren Erfindungsreichtum seinesgleichen sucht. Dabei ist nichts Überflüssiges, Dekoratives oder Halbgewolltes auszumachen, eine durchdachte bildnerische Ökonomie bringt alles auf den Punkt, der die Mitte bildet.

Werke von Roland Dostal in der Galerie Bleisch, Arbon. Bilder: Jürg Schoop
Es ist zu hoffen, dass Dostal nicht nur ein «artists artist» ist, manche bedeutende Künstler, wie Jan Kaeser oder Alex Hanimann, haben ihm ihre Reverenz mit ihrer Anwesenheit bezeugt. Seine kleinformatigen Blätter stehen auch für eine Preislage, die selbst studentischen Budgets angemessen ist. Wenn einer Millionär ist, sollte er sich danach erkundigen, was der ganze Tisch kosten soll, insofern er in der Lage ist, ein wenig in die Zukunft zu blicken.
Problem nationale Ebene
Mein kritischer Einwand besteht darin, dass die Präsentation dieses Werks auf Arbon beschränkt sein soll, Dostal gehört zumindest ins Helmhaus nach Zürich, wenn nicht gar an die Biennale, wo doch so Vieles weit, weit unter der Klasse von Dostal zu sehen ist. Und an dieser Stelle muss ich wieder einmal von der Kulturstiftung sprechen, die gut gemeinte und auch zu goutierende Ausstellungen in der Ostschweiz veranstaltet.
Aber Ausstellungsmöglichkeiten im Stammland scheinen mir nicht das Problem zu sein. Das Problem ist, dass durchaus vergleichsfähige Thurgauer Künstler kein Weiterkommen auf nationaler Ebene beschieden ist, wenn sie die Kunst nicht gerade als eine Geschäftstätigkeit verstehen. Helene Dahm wurde ausserhalb eines kleinen Kreises im Thurgau erst anerkannt, als sie ihre Ausstellung im Helmhaus hatte.Dass es hier keine Leute gibt, die einen Einfluss auf kompetente, ausserkantonale Institutionen besitzen und nutzen, oder nicht daran denken - was noch schlimmer ist -, das zu tun.
Wieso keine Ausstellung von vielleicht vier oder fünf Thurgauern in Genf oder Lausanne? Oder im Tessin, - warum kein Austausch? Das ist es, was wir brauchen. Ich kenne nur einen, der sich in der Vergangenheit für Thurgauer Künstler auf nationaler Ebene gekümmert und eingesetzt hat: Walter Burger, als er Mitglied der nationalen Kunstkommission war – Ehre sei ihm. In der derzeitigen Kommission ist die Ostschweiz leider nicht vertreten. Warum? Wahrscheinlich auch eine Folge unseres ländlichen Bescheidenheitskomplexes und weil sich unsere Regierung für solche Dinge nicht sehr interessiert. Ich wüsste nur allzu gern, was die Kulturkommission dazu meint, wie sie sich selber sieht. Power for the Gauer ...
KOMMENTAR *
Kurt Schmid • vor 3 Jahren
Doch, doch. Die Ausstellung von Roland Dostal in der Galerie Bleisch finde ich ebenfalls umwerfend. Mit Roland Dostal stellt ein gewichtiger Künstler aus, der allerdings weder regional noch kantonal zu fassen und solcherart zu charakterisieren ist. Denn, nicht wahr?, Thurgauer Kunst gibt es nicht, weil der Kanton bekanntlich keine Kunst macht. Was es gibt ist Kunst und Kunstförderung, sind Ausstellungen mit (oder ohne) Thurgauer Bezug.
Wie die Werkschau der Kulturstiftung deutlich gezeigt hat, arbeitet die Mehrheit der Künstlerschaft mit Thurgauer Wurzeln ausserhalb des Kantons. Und das nicht wenig erfolgreich. Viele hier wohnhafte und professionelle Künstlerinnen und Künstler wirken weit über unsere Region hinaus. Aber sie tun dies, insofern hat Jürg Schoop sicherlich recht, im eigenen Namen. Er selber gehört ja dazu. Eine mit der Pro Helvetia zu vergleichende Pro Thurgovia mit der Aufgabe, Kunst mit Thurgauer Bezug schweizweit oder weiter zu präsentieren, fehlt seit der Streichung des Berliner Werkstipendiums vollständig. In dieser Richtung gäbe es einiges zu tun. Mit der Verwechslung von Thurgauer Kunst mit Kunst mit Thurgauer Bezug, dem zumindest teilweise die kantonale Kunstförderung wie die Kulturstiftung unterliegen (man siehe sich die Reglemente an) muss man baldmöglichst aufräumen. Sollte so etwas passieren, kann Alex Bänninger seine im journal21.ch verbreitete Provinzschelte revidieren.
Jürg Schoop an Kurt Schmid • vor 3 Jahren
Untere Thurgauer Kunst verstehe ich selbstverständlich nicht etwas wie einen Möhl-Apfelsaft, der ein typisches Thurgauer-Element enthält. Ich verstehe darunter Kunst, die unter den Rahmenbedingungen, wie sie ein im Thurgau lebender Künstler erfährt, entsteht. Kurt Schmid müsste es zu denken geben, dass die sogenannt erfolgreichen Künstler in der Regel den Kanton verlassen haben. Gute Kunst vermittelt sich nicht, beim Fehlen eines ausreichenden Humusbodens von selbst, man muss auf den Goodwill der Grauen Eminenzen zählen können.
Je kleiner der Kanton, je weniger Leute entscheiden darüber, ob ein Künstler oder Künstlerin ins Lager der Erfolgreichen aufsteigen soll.
Christian Lippuner • vor 3 Jahren
lieber jürg, so beschäftigt und weltbewegend wie du roland dostal in den Himmel hebst, gibt's viele Anmerkungen die nicht über den Thurgauer Tellerrand hinaus reichen. oder irre ich mich? ich kenne die frühen und heutigen arbeiten von dostal und respektiere sie. Doch so umwerfend sind sie doch auch nicht! nach welchen Kriterien die Galerie Bleisch ihre Thurgauer Künstler auswählt sollte man auch kritisch hinterfragen!
Jürg Schoop an Christian Lippuner • vor 3 Jahren
Natürlich darf man das, lieber Christian. Vielleicht gibt uns der Galerist darüber Auskunft. Aendert aber nichts an der Tatsache, dass es sich tatsächlich um eine überzeugende, gar wundervolle Ausstellung auf hohem Niveau handelt. Man muss einen Kollegen auch einmal neidlos anerkennen können.
Christian Lippuner an Jürg Schoop • vor 3 Jahren
jürg, jeder Kollege verdient Respekt und Schätzung. für eine Anerkennung einer künstlerInn will ich mehr tiefe erleben.
Jürg Schoop an Christian Lippuner • vor 3 Jahren
Ja, was meinst du: mehr Tiefe des Künstlers oder des Rezensenten?
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