von Jeremias Heppeler, 01.04.2021

Wird schon werden

Wird schon werden
«Mir gibt Hoffnung, dass unsere jetzige Lage wie ein Katalysator wirkt.» Die Künstlerin Kerstin Kubalek im Interview über das grosse Thema Hoffnung. | © zVg

Hoffnung gilt in der Kunst als schwieriges Thema. Die in Ermatingen lebende Künstlerin Kerstin Kubalek hat es trotzdem versucht. Ihre aktuelle Soloausstellung in der Lakeside Gallery im Kanton Zug trägt den Name „Hope”. Wie kam es dazu? (Lesedauer: ca. 3 Minuten)

Frau Kubalek, brauchen wir mehr Hoffnung in der bildenden Kunst?

Ich finde, es gibt so viele spannende, hoffnungsvolle Projekte, viele Strömungen laufen parallel und letztlich kann sich jeder das Konzept heraussuchen, das ihn persönlich am meisten anspricht. Zum Beispiel finde ich eine hoffnungsvolle Entwicklung, dass in den letzten Jahren viele Künstler aus Afrika in Museen und Galerien zu finden sind.

Nicht nur im Sinne einer längst überfälligen Gleichberechtigung, sondern auch im Hinblick auf einen für den kritischen Europäer ungewohnt farbenfrohen Ausdruck in vielen Werken. Die Biennale in Venedig hatte mit Okwui Enwezor 2015 erstmals einen nigerianischen Kurator. Da sehe ich viel Hoffnung auf Veränderung, neue Perspektiven und Einflüsse.

Hier und da täte es dem europäischen Geist gut, sich von überladender Gesellschaftskritik freizumachen und mehr Hoffnung zuzulassen. Farbe kann dabei helfen, sie ist Emotion und ein Symbol der Hoffnung, das macht uns der afrikanische Kontinent in der zeitgenössischen Kunst vor.

Red and light Aus der aktuellen Ausstellung «Hope». Bild: Kerstin Kubalek
Was gibt Ihnen persönlich aktuell Hoffnung?

Mir gibt Hoffnung, dass unsere jetzige Lage wie ein Katalysator wirkt und viele Entwicklungen vorantreibt. Neue Technologien, Ideen und Ideale entstehen, die uns eine bessere Zukunft auf unserer Erde ermöglichen. Die nächste Generation entwickelt endlich wieder ein hoffnungsvolles, kollektives Gemeinschaftsgefühl im Kampf um ein gutes Leben. Ich hatte dieses Kollektivgefühl zuletzt in den 1980er Jahren bei Demonstrationen gegen Atomkraft.

In meinem Text zum Thema Hoffnung stelle ich die These auf, dass sich KünstlerInnen gerne um das Thema herumschleichen, weil es vor allem visuell, aber auch theoretisch wenig Reibungsfläche bietet. Licht am Ende des Tunnels. Kitsch. Dekoration. Glaube. Wie sehen Sie das?

Dazu muss ich ein bisschen ausholen: Wenn man bedenkt, dass Frauen erst seit etwa 100 Jahren zum Studium an einer Kunstakademie berechtigt sind, so müssen wir Vieles, was sich die Männer über Jahrhunderte erarbeitet haben, im Schnelldurchlauf aus uns herausbringen, sprich: wir müssen, nachdem klar ist, wir beherrschen unser Handwerk , schneller in Abgründe springen und visionäre Hügel erklimmen. Und um in der männerdominierten Kunstwelt wahrgenommen zu werden, bietet sich die Provokation an.

Männer haben die Fragen nach der Berechtigung der Banalität in der Kunst seit Andy Warhol und des Kitsches spätestens mit Jeff Koons abgehakt. Es ist typisch für die Frau, dass sie ihren künstlerischen Stellenwert am Intellekt misst. Da darf nichts, was man auf die Leinwand bringt einfach mal schön und hoffnungsvoll sein, sonst ist man als Frau eben schnell auf der Seidenmalerei-Schiene.

Auf diesen Vergleich käme man bei einem Mann ja gar nicht. Das scheint gefährlich und profan zu sein. Politisch, moralisch, provokativ: manchmal ist mir Kunst zu intellektuell überladen und ich finde es befreiend, Arbeiten zu machen, die dem Betrachter eine positive Emotion entlocken. Sie dürfen sinnlich und lebensbejahend sein, ganz ohne Reibungsfläche. Ist das zu dekorativ?

Blick in die Ausstellung in der Lakeside Gallery in Unterägeri. Bild: zVg
Welche Art der Hoffnung haben Sie in Ihrer Ausstellung «Hope» aufgegriffen? Warum der Titel?

Der Titel ‚Hope’ für meine Werkgruppe entstand im Gespräch mit meiner Galerie. Ich bin überzeugt, dass es viele Künstler auf der Welt gibt, die ihre Arbeit an Hoffnungen knüpfen und etwas schaffen, das nur unter diesen besonderen Bedingungen entstehen konnte und kann. Da sehe ich die Krise als Chance und das Innehalten als Kontemplation.

Das Wort ‚Hoffnung‘ liegt für mich in der Luft, wie der Frühling. Eine Verheissung auf einen Neubeginn nach dem Ende der Pandemie, ein Frühlingserwachen, eine bessere Welt. Hoffnung auf Veränderung und Optimismus als Inspirationsquelle. Und für mich persönlich die Suche nach innerer Zufriedenheit und Sinngebung.

Ich habe für die aktuelle Ausstellung erstmals mit abstrakten Farbflächen gearbeitet und nach meiner inneren Kraft gesucht, die mir die Ruhe gibt, mich nur mit Farbe und der besonderen Haptik meines Materiales zu beschäftigen. Ob die Strahlkraft der Farben wirklich Hoffnung vermitteln, das liegt im Auge des Betrachters.

Welche visuellen Konzepte haben Sie angewandt?

Auf der Suche nach einem besonderen Material stiess ich auf die mit Wachs gemalten, sogenannten Fayum-Portraits. Diese Bilder entstanden vor rund 2000 Jahren und die Leuchtkraft ihrer Farben ist bis heute ungebrochen.

Angelehnt an diese Technik  entwickelte ich 15 abstrakte Bilder, bestehend aus diffusen Farbflächen, Pigment und Wachs. In einem ruhigen, meditativen Arbeitsprozess verbindet sich das Wachs mit den Farbpartikeln in mehreren Schichten zu einer homogenen Oberfläche.  Durch die mit den Handflächen matt polierten Wachsschichten spürt man die Kraft der Farben leuchtend, intensiv und warm. Die Werkgruppe ‚Hope‘ entstand im zweiten Corona-Lockdown.

Kerstin Kubalek im Internet: http://www.kerstin-kubalek.com/ Mehr zu ihrer aktuellen Ausstellung in der Lakeside Gallery in Unterägeri (Kanton Zug) gibt es hier. Sie ist noch bis zum 8. Mai 2021 zu sehen.

Weiterlesen: Der Text «Und irgendwo flackert ein Licht» von Jeremias Heppeler verhandelt das Thema Hoffnung in der Kunst eingehender.

 

 

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