Seite vorlesen

Leidenschaft unter besonderen Umständen

Leidenschaft unter besonderen Umständen
„Ich weiss mittlerweile, dass der Mensch mehr aushält, als er glaubt“, sagt die Weinfelder Künstlerin Renate Flury. | © Kathrin Zellweger

Künstler, die sich ihrer körperlichen Behinderung nicht beugen, müssen Kämpfernaturen sein. Die Thurgauerin Renate Flury ist eine von vier Kunstschaffenden, deren Widerstandswille und künstlerische Kraft in einem Dokumentarfilm gezeigt wird, für den der Kanton 30‘000 Franken gesprochen hat.

Kathrin Zellweger

„Ich verstehe diesen Film als ein langes Gespräch. Ich überlege mir oft, was ich preisgeben und wie ich mich darstellen will – und dann kommt doch alles ganz anders“, sagt Renate Flury. Seit nunmehr einem Jahr bewegen sich der Dokumentarfilmer Urs Graf und die Künstlerin thematisch und menschlich aufeinander zu. Behutsam und mit langen Pausen, in denen sie sich beispielsweise fragt, ob der Arbeitstitel „Unstillbares Feuer“ des Films wirklich trifft, was sie in sich spürt. „Einerseits ist es wahr, dass ich meine Krankheit von meinem Leben als Künstlerin immer weniger trennen kann. Aber es gibt auch jenen anderen, ganz zentralen Aspekt, dass ich der Kunst gar nicht ausweichen kann und will. Sie ist, was mich am Leben hält. Für mich muss es ein Film werden über eine Leidenschaft unter besonderen Umständen. Ein anderer Film machte für mich keinen Sinn.“

Von Markus Landert empfohlen

Es war Markus Landert, Direktor Kunstmuseum Kartause Ittingen und Ittinger Museum, der dem Filmer Urs Graf den Namen der Weinfelder Künstlerin nannte. „Ich führe es darauf zurück, dass Markus mich als engagierte, vernetzt denkende Künstlerin kennt.“ Graf ist ein Dokumentarfilmer, der bekannt ist für seine respektvolle Nähe, mit der er Personen porträtiert. Diesmal geht es ihm um vier Kunstschaffende*, eine Frau und drei Männer, die ihr künstlerisches Arbeiten trotz fortschreitender körperlicher Einschränkungen nicht aufgeben, die ins Zentrum ihres Lebens die Kraft der Kunst stellen und nicht ihre Krankheit.

Vor 13 Jahren MS-Diagnose

Eben ist Renate Flury 60 Jahre alt geworden, vor 13 Jahren wurde bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert. Die Krankheit zwang sie, ihr Lieblingsmaterial, den Stein, beiseite zu lassen. In ihren damaligen Werken stand oft der Körper im Zentrum – so als ob sie ahnte, dass sie etwas ausloten muss, für das sie nur beschränkt Zeit haben wird. „Ja, mein Körper war mein Daheim. Durch die Krankheit ist er mir fremd geworden, aber nicht abhanden gekommen.“

Als ihre Kräfte für die Schwerarbeit am Stein schwanden, wandte sie sich gefügigeren Materialien zu: Schaumstoff, Wachs und Gips, der Computerzeichnung und der Fotografie. In letzter Zeit wurde das Feinstoffliche, wahrscheinlich auch im übertragenen Sinn, noch wichtiger. „Meine Stärke liegt heute im Ausdruck dessen, was Bewegung ist, nicht indem ich die Bewegung zeichne, sondern indem sich die Bewegung selbst darstellt.“ Vermehrt arbeitet sie auch mit Klängen, Musik, Tanz und Luft. Wer weiss, ob das Flüchtige und die Bewegung sie heute auch darum in ihren Bann ziehen, weil sie sich damit selbst geschmeidige Leichtigkeit schenken kann …

Der Film als Chance

In stillen Stunden wird sich Renate Flury ab und an fragen: Warum habe ich mich darauf eingelassen und was wird mit mir, wenn der Film fertig ist? „Wenn ich mir anschaue, was und wie Urs mich gefilmt hat, dann erschrecke ich manchmal über meinen Körper. Diese Zusammenarbeit bringt mich in verschiedener Hinsicht an meine Grenzen. Aufhören will ich dennoch nicht. Ich weiss mittlerweile, dass der Mensch mehr aushält, als er glaubt. Ich sehe diese Herausforderung als Chance: Ich lerne ein mir unbekanntes Medium, den Film, und die Arbeit eines Regisseurs kennen. Beides lässt mich wachsen.“


Ungesagt bleibt und ist dennoch klar: Dieser Film ist auch Renate Flurys Begegnung mit sich selbst. Die Einschränkungen zwingen sie, sich immer wieder neuen existentiellen Fragen zu stellen. „Der Film reisst mich nicht heraus, sondern ist mit mir dort, wo ich bin. Ich wünsche mir, dass er über mich hinaus zeigen wird genauso wie mein Werk.“

***

Renate Flury, 1953, Steinbildhauerin. Multiple Sklerose, ist auf Rollator und Rollstuhl angewiesen. Sie möchte weniger Medikamente einnehmen, damit sie die Präsenz nicht verliert, die sie als Künstlerin braucht. Auch wenn der Arzt ihr sagt, dass jede Überforderung einen weiteren Krankheitsschub erzeuge, sei ihr grösstes Glück das intensive Arbeiten an ihren Bildern, selbst wenn sie nachher total erschöpft daliege.

www.renateflury.ch

Kommt vor in diesen Ressorts

  • Kunst
  • Film

Kommt vor in diesen Interessen

  • Porträt

Werbung

Hinter den Kulissen von thurgaukultur.ch

Redaktionsleiter Michael Lünstroth spricht im Startist-Podcast von Stephan Militz über seine Arbeit bei thurgaukultur.ch und die Lage der Kultur im Thurgau. Jetzt reinhören!

#Kultursplitter - Agenda-Tipps aus dem Kulturpool

Auswärts unterwegs im April/Mai - kuratierte Agenda-Tipps aus Basel, Bern, Liechtenstein, St.Gallen, Winterthur, Luzern, Zug und dem Aargau.

Kultur für Klein & Gross #20

Unser Newsletter mit den kulturellen Angeboten für Kinder und Familien im Thurgau und den angrenzenden Regionen bis Ende August 2024.

igKultur Ost aktuell

Aktuelle Infos aus dem Ostschweizer Kulturuniversum: Stärkung der igKultur Ost – Sektion Thurgau, Kultur und Tourismus, Kulturstammtisch, ...

Kongress Kulturjournalismus

Das Ostschweizer Kulturmagazin Saiten stellt am 21. September die Zukunft des Kulturjournalismus ins Zentrum.

Ähnliche Beiträge

Film

Zwischen digitalen Knochen und fliegenden Büchern

Teil 2 der neuen Serie „Unsichtbar“ aus der Filmbranche: Der in Engwilen aufgewachsene Animator Dominic Lutz erzählt von seinem Leben als Animator im 3D-Bereich. mehr

Kunst

Zwei starke Frauen

Verstorben, dann vergessen. Martha Haffter darf wieder als signifikante Schweizer Künstlerin gelten – dank einem glänzenden Buchbeitrag von Monica Seidler-Hux. mehr

Film

Wie schreibt man eigentlich ein Drehbuch?

Film ist immer das Zusammenspiel vieler Disziplinen. Die neue Serie „Unsichtbar“ stellt die Menschen hinter der Kamera vor. Zum Auftakt: der in Rorschach lebende Drehbuchautor Dominik Bernet. mehr