von Kathrin Zellweger (1948-2019), 20.03.2016

Lieber offen als in der Komfortzone

Lieber offen als in der Komfortzone
Rina Jost setzt ganz auf die Karte Illustration. | © zVg

Künftig ergänzen Rina Josts Illustrationen die Ankündigungen im wöchentlichen Newsletter von thurgaukultur.ch. Sie sind den Texten nicht einfach beigestellt, sondern haben eine eigene Botschaft.

Kathrin Zellweger


Es gab einmal einen Anlass, da sass eine Geschäftsführerin neben einer Illustratorin. Sie fanden sich sympathisch und hatten ähnliche Interessen. Die eine konnte, was die andere suchte. So kam es, dass Sarah Lüthy, Geschäftsführerin von thurgaukultur.ch, die Illustratorin Rina Jost bat, ihr Vorschläge zu unterbreiten, wie der wöchentliche Newsletter benutzerleitend und ansprechend aufgelockert werden könnte.


So sehr die 29-jährige Frauenfelderin die Offenheit des Auftrags freute, merkte sie dennoch bald, dass das auch seine Tücken hat. Auf der Website, so sah sie, stand die Ankündigung für ein Konzert gleichberechtigt neben jener für die Theateraufführung, der Film neben der Lesung, der Blog neben dem Agendaeintrag, die E-Kultur neben der U-Kultur. Und dieser Vielfalt und Vielzahl musste sie gerecht werden. Statt panisch auf das weisse Blatt zu schauen, wie sie diese redaktionelle Illustration, so nennt man einen solchen Auftrag, angehen könnte, liess sie ihrer Hand freien Lauf. Ohne Schere im Kopf skizzierte sie, was ihr zum Thema Kommunikation in den Sinn kam: einen blinkenden Leuchtturm, eine Brieftaube, eine Flaschenpost … "Zum Glück verfüge ich mittlerweile über eine respektable innere, visuelle Bibliothek."

Nicht Künstlerin, sondern Dienstleisterin


Für die Website hat Rina Jost von der bestehenden Visitenkarte die Farben Türkisblau, Rot und Weiss übernommen und auch die feinen Grashalme, die für Wachsen und Gedeihen stehen, für Neugierde und Frische, fürs Flächige und Robuste. Während sie vor sich hin zeichnete, schälte sich immer deutlicher heraus, mit welchen Bildern und Assoziationen sie arbeiten würde. "Da die Idee und die Inhalte der Website auch meinen Fachbereich mit einschliessen, fiel mir die Auslegeordnung nicht schwer, was ich von einem Auftrag für ein Formel-1-Rennen kaum sagen könnte." Bilder, erklärt sie, würden schnell, unmittelbar und zuerst einmal emotional verstanden. Sie seien universell, jedenfalls soweit wir den gleichen sozial definierten Bilderfundus teilten. "Bilder erreichen uns ungefiltert, was folglich auch heisst, dass das, was sie vermitteln unscharf und vorläufig ist. Das will aber ein Text genau nicht."


Den Zusammenhang zwischen Text und Illustration sieht Rina Jost differenziert. Bei einem Auftrag sei meist der Text vor der Illustration da; beim Anschauen aber gehe die Aufmerksamkeit genau den umgekehrten Weg: Das Auge wechselt vom Bild zum Wort. Gelungen sei dieses Nebeneinander, wenn beides auch für sich stehen könne und wenn sowohl die Illustration durch den Text wie auch der Text durch die Illustration eine Dimension mehr erhalte. "Eine Illustration, die zeigt, was geschrieben steht, ist misslungen."
Ob sie sich als Künstlerin verstehe? "Nein, ich sehe mich als Dienstleisterin, weil ich mich am Markt orientiere. Manchmal ist Illustration ganz nah beim Design." Grundsätzlich kann und will sie nicht wählerisch sein, wenn man sie um eine Mitarbeit bittet. Ausser es ginge um einen Auftrag, für den sie ihre Haltung und Überzeugung verleugnen müsste. "Selbst wenn ich knapp bei Kasse wäre, würde ich ablehnen. Ich trage, auch wenn ich nur die ausführende Auftragnehmerin bin, die Verantwortung für das, was ich zeichne. Das ist manchmal eine Gratwanderung." Insofern sei die Illustration von Büchern unverfänglicher als eine politische Illustration für eine Tageszeitung.

Frei sein und bleiben für immer andere Stile

Von ihren ausgedehnten Reisen nach Asien brachte sie Skizzenbücher heim. Zu Hause im Atelier durchlebte sie anhand ihrer hingeworfenen Zeichnungen ihre Ferienerinnerungen und -eindrücke nochmals. Es entstanden Comics in kräftigen Farben und ebensolchem Strich. Auch das Reisetagebuch durch den Thurgau, den sie im Auftrag der Kulturstiftung zusammenstellte, zeigt denselben Stil. Neben die Zeichnungen setzte sie kleine Texte, mal Sprechblasen, mal Erklärungen, mal Beobachtungen. Für thurgaukultur.ch dagegen sind die Illustrationen fein, diskret und mit einem Augenzwinkern gezeichnet. "Ich nehme mir die Freiheit, für unterschiedliche Aufträge unterschiedliche Stile zu entwickeln. Das setzt voraus, dass auch die Auftraggeber bereit sind, sich überraschen zu lassen. Was immer gilt: Der Stil der Illustrationen muss zum Inhalt passen; er muss sich nicht unterordnen, aber er darf auch nicht im Vordergrund stehen."


Dass die meisten Menschen bei einer Illustration gleich an ein Bilderbuch denken, stört sie nicht. Vor Beginn ihres Studiums habe sie ja selbst nicht gewusst, wie weit dieses Feld sei. Kürzlich wollte sie die Logik eines Stromkreises als Grundlage für eine Illustration benutzen. Da kam sie ganz schön ins Schwitzen, wie denn das physikalisch richtig funktioniert. Sie lacht: "Ich will offen bleiben für Neues und mich nicht in einer beruflichen Komfortzone einrichten."

 

Zur Person

Rina Jost, 1987, wuchs in Frauenfeld auf. 2012 schloss sie an der HSLU Luzern mit dem Bachelor of Art in Visueller Kommunikation, Vertiefungsfach Illustration, ab. Mehrere Reisen brachten sie nach Russland, in die Mongolei, nach China und Taiwan. Ihre Eindrücke fasste sie in Comics zusammen. Neben ihren Aufträgen für verschiedene Organisationen ging sie immer noch einem Brotberuf nach. 2012 gründete sie den Kleinstverlag Ginnungagap. 2014 erhielt sie von der Kulturstiftung und der Stadt Frauenfeld einen Werkbeitrag. Unter dem Titel "Halt auf Verlangen" gestaltete sie für den Bericht 2014 der Kulturstiftung des Kantons Thurgau ein Thurgauer Reisetagebuch. – Rina Jost lebt in Frauenfeld und setzt ganz auf die Karte Illustratorin. (kze)

 

Was bleibt...

… ist mein Respekt vor der Illustration und dem Können, das dazugehört. Bis anhin habe ich Illustrationen eher mit dem Auge gestreift als wirklich angeschaut. Vielleicht hängt das mit meinem eigenen Beruf der Schreibenden zusammen, die dem Wort mehr Gewicht gibt – zugegeben: nicht ganz uneigennützig. (kze)


*** In unserer neuen Reihe "Was bleibt..." sammeln wir alle Eindrücke, Lehren, Gedankenschätze und auch kritische Beobachtungen, die unsere KorrespontentInnen von den Veranstaltugnen und Begegnungen zurück mit in die Redaktion bringen.

Sie waren auch bei der Vorstellung und hatten einen ganz anderen Eindruck? Lassen Sie es uns wissen! Hier in den Kommentaren oder per E-Mail oder Kommentar auf Facebook und Twitter. Wir freuen uns! ***

 

Illustrierter Reisebericht

Im Februar 2016 erschien Rina Josts erstes Buch "Der Hase auf dem Rücken eines Elefanten".

Mit den üblichen Klischees im Kopf landet Rina Jost in Moskau und lernt Leute wie Indira in Kasan, Polina in Jekaterinburg, Kehr am Baikalsee, fährt mit dem betrunkenen Andrei nach Irkutsk, trinkt in der Mongolei Stutenmilch – verträgt sie nicht - und wird in China vom Fernsehen interviewt.

Das Buch über Rina Josts Reise ist in der edition modern erschienen und kann hier bestellt werden. Bis zum 7. April 2016 läuft unser Gewinnspiel, bei dem wir drei Exemplare verlosen.

 

www.rinajost.ch

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