von Kathrin Zellweger (1948-2019), 01.06.2015

Erfüllung des vorletzten Traums

Erfüllung des vorletzten Traums
"Gut ist nie gut genug": Manuela Eichenlaub. | © Bilder: Kathrin Zellweger

Im Juni schliesst Manuela Eichenlaub in Zürich als erste Frau den "Specialized Master"-Studiengang als Chordirigentin ab. "Musik ist für mich ein Lebens-Mittel, Energie, aber auch Droge", sagt sie.

Kathrin Zellweger

Chorleiterinnen gibt es zuhauf. Aber eine Chordirigentin mit einem entsprechenden Masterabschluss ist eher eine Exotin. Dirigieren ist auch im 21. Jahrhundert noch eine Männerdomäne. Nicht zuletzt weil die Berufsaussichten für Frauen in dieser Sparte ausgesprochen schlecht sind. "Dirigieren hat nicht nur, aber auch mit Diktat, Härte und Autorität zu tun. Das widerspricht dem Bild, das die Gesellschaft – und auch ich – von einer Frau hat." Das sagt nicht etwa eine ältere Dame, sondern die 39-jährige Manuela Eichenlaub, die kurz davor steht, den Mastertitel als Chordirigentin zu erhalten. Sie lacht entschuldigend. "Ich bin keine Feministin; ich will auf gar keinen Fall eine Quotenfrau sein, die sich dieses Spezialgebiet erobert, um den Männern den Platz streitig zu machen. Und ein Vorbild für andere Frauen will ich auch nicht sein. Ich will ganz einfach Musik machen."

Das Schwierige ist das Richtige

Als sie sich vor zwei Jahren an der Hochschule der Künste in Zürich einschrieb, lag der Grund in ihrem Anspruch an sich als Schulmusikerin und Leiterin verschiedener Chöre. Obwohl sie über jahrelange Erfahrung verfügt und ihr kein Mensch eine Zusatzausbildung nahegelegt hat, wollte sie beruflich noch besser, noch sicherer und noch reifer werden. Läuft etwas wie am Schnürchen, langweilt sie sich. "Gut ist nie gut genug." Manuela Eichenlaub ist immer wieder das Opfer ihres Ehrgeizes. Es war ihr daher von Anfang klar, dass sie sich nicht mit einem Nachdiplomstudium zufrieden geben wollte. Das wäre in ihren Augen eine schmalspurige, zu wohlfeile Weiterbildung gewesen.

Konzerte: Am 7. Juni in Weinfelden

7. Juni, um 17.15 Uhr, Konzert in der kath. Kirche, Weinfelden.
13. Juni, um 20 Uhr, Fraumünster, Zürich: Abschlusskonzert, u.a. mit einer Schweizer Erstaufführung eines Werks von Isang Yun, mit dem professionellen Vokalensemble "Lux sonora", zwei Schlagzeugen und Solovioline.


Es musste ein vollständiger Masterstudiengang sein mit den Schwerpunkten Chor- und Orchesterleitung, Gesang, Gehörbildung für Dirigenten und Kirchenmusik. Was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, zieht sie durch, koste es, was es wolle. Ein Dickschädel? "Merkt man das so schnell?"

Die verpasste Erfahrung

In der Schule und später im Studium fiel ihr immer alles in den Schoss, wofür sie die anderen beneideten. Heute sieht sie, dass diese Leichtigkeit für ihre Entwicklung nicht nur von Gutem war. "Seit ich mich zur Vorbereitung auf meine Aufnahmeprüfung 1996 vier bis sechs Stunden ans Klavier setzen musste, weiss ich, in welch beglückende Welt einen die Musik führen kann, wenn man sich so intensiv mit ihr auseinandersetzt. Jene Wochen erlebte ich wie in einem Drogenrausch." Sie schenkt sich Tee nach, überlegt und sagt: "Wer weiss, in welcher Weise es mir geholfen hätten, wenn ich diese Erfahrung schon früher gemacht hätte."

Da sie mit knapp 18 Mutter geworden war, hatte sie vor sich selbst immer eine nachvollziehbare Ausrede, dass sie neben dem Studium ja auch noch ihr Kind betreuen und somit ihr Lernaufwand beschränkt bleiben muss. Dieser Vorwand wurde durch schlechte Leistungen ja auch nie widerlegt, sie war immer an der Spitze.

Manuela Eichenlaub, 1976, ist in Deutschland geboren, studierte Schulmusik mit den Hauptfächern Klavier, Gesang und Chorleitung an der Musikhochschule Karlsruhe und Germanistik an der Universität Karlsruhe. Im Juni dieses Jahres wird sie an der Zürcher Hochschule der Künste den „Specialized Master“-Studiengang Dirigieren mit Schwerpunkt Chorleitung abschliessen. – Manuela Eichenlaub ist Hauptlehrerin für Schulmusik und Chor an der Pädagogischen Maturitätsschule Kreuzlingen und leitet den Campus-Kammerchor der Pädagogischen Maturitätsschule und der Pädagogischen Hochschule Thurgau in Kreuzlingen, wo sie auch lebt. – Seit 2011 leitet sie den Katholischen Kirchenchor Weinfelden, und seit April 2015 ist sie musikalische Leiterin des Thurgauer Jugendchors. – Sie hat einen 21-jährigen Sohn.


Leben in der und für die Musik

Dass die kleine Manuela dereinst von der Musik leben werde, hat ihr niemand in die Wiege gelegt. In der Familie gibt es über Generationen hinweg niemanden, der musikalisch aufgefallen wäre. Als sie fünf Jahre alt war, begann sie, ihre Eltern um Klavierstunden zu bitten. Als sie neun war, gaben sie nach. Mit 13 Jahren dirigierte das deutsche Mädchen einen kirchlichen Jugendchor und hatte daneben noch eine Anstellung als Organistin. Wäre ihre Klavierlehrerin in ihrem Fach besser gewesen, wäre Manuela Eichenlaub dem Instrument vielleicht treu geblieben. So aber wechselte sie in die Schul- und Chormusik. Sie studierte Musik und Germanistik, weil sich diese Lehrfächer gut kombinieren lassen und sich gegenseitig befruchten.

Mit ihrem damaligen Mann, einem Musikprofessor und Domorganisten, den sie sehr jung geheiratet hatte, lebte sie ein Leben in der und für die Musik. Ein Biotop, das sie auf alles vorbereitete, das noch kommen sollte.

Fordernd nach oben

Im Juni wird Manuela Eichenlaub ihr Abschlusskonzert geben und dann ihren Mastertitel bekommen. Sie wird dafür zum ersten Mal mit einem Profi-Vokalensemble arbeiten. Das 26-köpfige Ensemble "Lux sonora" hat sie eigens für diesen Anlass gegründet. Über die Prüfung hinaus möchte sie auch weiterhin mit diesen Sängerinnen und Sängern aus Deutschland und der Schweiz zusammenarbeiten. Können die Laiensängern und –sängerinnen, die sie üblicherweise dirigiert, dann noch mithalten?

Sie gesteht, dass sie ein hohes Tempo vorlegt, streng sei und mit jedem und jeder chorische Stimmbildung mache. "Ein Chor, so vielstimmig er sein mag, muss wie ein einziges Instrument klingen. Abstriche mache ich, aber ich überlege sie mir gut." Zum Glück bringt sie so viel Begeisterung und ein so umfassendes Wissen über ein Werk mit, dass der von ihr dirigierte Chor auch über sich hinauswachsen kann.

Ähnliches geschieht in ihr drin: Wenn die Hektik, die sie nicht nur liebt, sondern sucht, nachzulassen scheint, denkt sie sogleich an die nächste Herausforderung. "Der Abschluss des Dirigierstudiums ist bloss eine Zwischenstufe."

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