von Sascha Erni, 06.11.2015

Grenzenloser Hass

Grenzenloser Hass
Von Trollen, Stalkern und Hassbotschaften: Besonders Frauen stehen im Netz unter Beschuss. | © Sascha Erni

Am 3. November lud die Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg in Konstanz zu einem grenzüberschreitenden Podium ein. Denn «Cybersexismus» beschränkt sich nicht auf Nationalstaaten und hält sich nicht an Landesgrenzen. Ein gelungener, verstörender Abend.

Sascha Erni

Dienstag Abend vor dem K9, dem kommunalen Kunst- und Kulturzentrum Konstanz. Ein junger Mann, Typ Student, marschiert zielstrebig zum Haupteingang, um das Abendprogramm zu sichten. «Cybersexismus: Hate Slam und Diskussion». Er rümpft die Nase, sagt «Pff» und macht sich auf die Suche nach einem anderen Lokal. Eine Szene, die das Podiumsgespräch zwischen den Bloggerinnen, Journalistinnen und Buchautorinnen praktisch vorwegnimmt: es ist kein Zufall, dass Annette Goerlich von der Heinrich Böll Stiftung BW und Organisatorin Sara Schmitt ausschliesslich publizierende Frauen eingeladen haben. Denn sie und ihre Kolleginnen stehen besonders im Fokus von Hassbotschaften in den sozialen Medien, und erstaunlich wenige Männer interessieren sich dafür.


Das Foyer des Lokals füllt sich schnell, das Publikum ist mehrheitlich weiblich und jung. Aber auch ältere Semester und einige Männer haben sich eingefunden, um dem Gespräch zwischen Hengameh Yaghoobifarah (Journalistin und Aktivistin), Jasna Strick (Bloggerin und Co-Initiatorin der #aufschrei-Debatte) sowie Nirit Sommerfeld (Autorin und Künstlerin) beizuwohnen. Die Autorin und Thurgaukultur-Korrespondentin Zora Debrunner sprang kurzfristig für die Schweizer Journalistin Michèle Binswanger ein: Schmitt und Goerlich war es wichtig, auch eine Stimme ausserhalb der deutschen «Szene» einzubringen – besonders an einer Veranstaltung im Grenzgebiet Kreuzlingen-Konstanz

Von links nach rechts: Hengameh Yaghoobifarah, Jasna Strick, Nirit Sommerfeld, Zora Debrunner. (Bild: Sasha Erni)

 

«Geh mal Sport treiben, du fette Sau!»

Nirit Sommerfeld eröffnet den Abend mit dem Hate-Slam, dem Vortragen von Hassbotschaften, die die Podiumsteilnehmerinnen in Mails, Kommentarspalten und sozialen Medien erhalten haben. Anders als unlängst am Theater Neumarkt in Zürich ist dieses Vortragen aber keine Leseshow, die kabarettistisch unterhalten und zum Nachdenken anregen soll. Die sexistischen, brutalen, oft auch absurden Leserbriefe und Kommentare bringen Publikum und Podium «auf dieselbe Buchseite» : Die vier Frauen kennen den digitalen Hass aus dem täglichen Leben, den Zuhörern jedoch taten sich wahre Abgründe auf.

Nirit Sommerfeld zitiert aus Hassbotschaften. Kein leichtes Unterfangen.

 

Kommentare wie «Scheisse in Geschenkpapier stinkt trotzdem!» oder «Schmarotzende, fette Hure!» waren noch vergleichsweise harmlose Nachrichten, mit denen sich Strick und Yaghoobifarah herumschlagen mussten. Das Spektrum reicht von Beleidigung über Vergewaltigungsfantasie bis zur detailliert-ausformulierten Morddrohung. Und das täglich, immer und immer wieder, monate- und jahrelang. 

 

In Berlin veröffentlicht, in Oberfranken kommentiert


«Das gab es schon früher, auf der Strasse, das ist doch kein Internet-Phänomen?» fragt Annette Goerlich, als sie im Anschluss an den Hate-Slam die Moderation übernimmt. Alle scheinen sich einig: Es ist ein strukturelles Problem. Das «Internet einfach auszuschalten», wie oft von wohlwollenden Freunden geraten wird, ist keine Lösung – damit verschwindet die Aggression nicht, man bekommt sie einfach nicht mehr mit. Das Internet ist eher ein Verstärker, nicht Ursache dieser Form des Sexismus. Im persönlichen Gespräch sind etwaige Hassbotschaften zeitlich und lokal begrenzt, die Leute streiten sich vor Ort. Im Netz jedoch schreibt man einen Artikel in Berlin und erhält Reaktionen aus Oberfranken, irgendwann, vielleicht Monate später, oder innert Sekunden, wie Yaghoobifarah zusammenfasst.


Die vier Frauen diskutieren angeregt und engagiert, besprechen Ursache und Wirkung, die psychische Belastung, mögliche Lösungen und gescheiterte Versuche, mit solchen Situationen umzugehen. Ignorieren? In Klausur gehen? Ironisieren? Rechtsschutzversicherung? Die Meinungen fliegen hin und her, das Gespräch ist flüssig und kontrastreich. Denn auch wenn sie alle sich mit Hass und Sexismus im Netz herumschlagen müssen, sind sowohl Lebensentwürfe als auch Persönlichkeiten der Frauen zu unterschiedlich, um auf einen allgemein gültigen Nenner zu kommen.


Aber eines ist im Anschluss an dieses Podium klar: Landesgrenzen spielen eine geringe Rolle, denn das «World Wide» in «WWW» kennt keine. Ob ein bösartiger Kommentar nun aus Oberfranken oder vielleicht doch dem Kanton Zug kommt? Für die Betroffenen bleibt die Belastung dieselbe. Und dass sich letzten Dienstag weniger Männer als Frauen für das Thema interessiert haben, dürfte auch eher wenig mit Nationalitäten zu tun haben. Das «Pff» des Studi-Typen jedenfalls bezog sich nicht auf die Zusammensetzung des Podiums, sondern auf das Thema an und für sich. Dass es im K9 so interessant und interessiert diskutiert wurde, lässt hoffen, in Zukunft weniger «Pff» hören zu müssen.

 

KOMMENTAR *

 

von Jo Angele・vor einem Jahr

 

Danke für diesen Bericht. Hier nahmen mehrheitlich Frauen teil. Interessant ist ja, dass bei Texten zu Gender-Themen umgekehrt dann vor allem Männer Kommentare hinterlassen. Nicht selten verdeckt oder auch offen sexistische. So als ob sie ein Ventil bräuchten für ihren täglichen Frauenhass, den sie immer seltener loswerden können. 

 

 

* Seit März 2017 haben wir eine neue Kommentarfunktion. Die alten Kommentare aus DISQUS wurden manuell eingefügt. Bei Fragen dazu melden Sie sich bitte bei sarah.luehty@thurgaukultur.ch

 

 

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