von Michael Lünstroth, 25.04.2018

Im Schützengraben

Im Schützengraben
Einblicke in einen Schützengraben. Rechts im Bild Richard Adler, einer der Protagonisten der neuen Ausstellung des Napoleonmuseums auf dem Arenenberg | © Napoleonmuseum Thurgau

Das Napoleonmuseum auf dem Arenenberg wagt sich an ein kaum erforschtes Thema. Die Ausstellung «Wir waren auch dabei» beschreibt sehr plastisch das Schicksal Schweizer Soldaten in einem Konstanzer Regiment des Ersten Weltkriegs

Von Michael Lünstroth

Der Krieg tobt gerade seit einem knappen Monat, da schreibt Richard Adler am 29. August 1914 eine Postkarte von der Front an seine Familie: „Meine Lieben. Wir sind nun wieder ein Stück vorgerückt. (…) Unser Regiment hat nicht viele Verluste gehabt. Hoffentlich ist bei Euch alles in Ordnung. Ich bin, wie immer, vollständig wohl. Nur ist man seit vierzehn Tagen nicht aus Kleidern und Stiefeln gekommen, da wir ständig im Feuer liegen.“ Die Vorderseite der Postkarte zeigt eine Brücke im französischen Baccarat. Drauf notierte Adler: „Auf dieser Brücke hat ein starker Kampf stattgefunden. Hunderte Franzosen lagen tot darauf.“

Richard Adler stammt aus Freiburg, lebte vor dem Krieg in Kreuzlingen. Der Sohn einer Schuhhändlerdynastie hatte sich freiwillig dem Deutschen Heer angeschlossen, genauer gesagt, dem 6. Badischen Infanterie Regiment Kaiser Friedrich III. Nr. 114, das in Konstanz war. Damit war er einer von mehr als 50.000 Soldaten aus der Schweiz, die zwischen 1914 und 1918 auf deutscher Seite kämpften. Dieser bislang kaum erforschten Geschichte der Schweizer Männer im Grossen Krieg nimmt sich nun eine neue Ausstellung des Napoleonmuseums auf dem Arenenberg an. Sie heisst „Wir waren auch dabei - Männer aus der Schweiz und das Konstanzer Regiment Nr. 114 im Krieg 1914 - 1918“ und greift in der Präsentation auf mehrere tausend Fotos, unbekannte Feldpost, noch nie gezeigte Erinnerungsstücke, Videoeinspielungen und Hörstationen zurück. Etliche der gezeigten Fotos stammen auch von Richard Adler selbst, der Soldat hatte das Leben an der Front ausführlich fotografisch dokumentiert.

Zwei Schweizer in der Deutschen Armee: Adolf Merk (ganz links im Bild) und Richard Adler kämpfen freiwillig auf deutscher Seite im Ersten Weltkrieg. Die neue Ausstellung im Napoleonmuseum erzählt auch ihre Geschichte. Bilder: Napoleonmuseum Thurgau

Das Frontleben steht in der Ausstellung im Mittelpunkt und wie es vor allem die Schweizer Soldaten erlebten. Neben Richard Adler gibt es eine zweite Person, der man in der Ausstellung immer wieder begegnet: Leutnant Adolf Merk. Der Kaufmann aus Frauenfeld meldet sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst im Konstanzer 114er-Regiment. Er steigt vom Unteroffizier zum Vizefeldwebel und schliesslich zum Leutnant auf, er gilt als einer der bekanntesten und beliebtesten Offiziere des Regiments. Für seine Tapferkeit wird Merk mehrfach ausgezeichnet. 

Dass Schweizer im Deutschen Heer dienten, war damals keine Seltenheit. Viele der Soldaten waren in der Schweiz geborene und aufgewachsene Auslandsdeutsche. Einerseits. Andererseits „gab es in der gesamten Deutschschweiz viel Sympathie für das Deutsche Reich, wie die Begeisterung beim Startsbesuch Wilhelms II. im Jahr 1912 zeigt“, erklärt Museumschef Dominik Gügel. Zudem motivierten Abenteuerlust, Traditionspflege des Söldnertums, Flucht vor Strafverfolgung oder zu engen Familienbanden sowie finanzielle Gründe Schweizer zum Eintritt in die deutsche Armee. 

Erzählt wird auch die erstaunliche Geschichte der Emilienne Moreau

Die Ausstellung verteilt sich auf zwei Räume, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Startpunkt ist das Cinema hinter dem Museumsshop, in dem, wie Dominik Gügel es ausdrückt, die „Theorie“ der Geschichte gezeigt wird. Waffen, Kriegsmemorabilia, Soldatenausrütung kann man hier in Vitrinen betrachten, die Hintergründe des Konstanzer Regiments werden textlich geschildert. In diesem Raum trifft man auch das erste Mal auf Richard Adler und Adolf Merk. „Wir erzählen die Geschichte im Wesentlichen aus deutscher Sicht, wir lassen aber auch immer wieder die französische Sicht auf das Geschehen einfliessen“, sagt Dominik Gügel. Dies geschieht unter anderem über ein kleines Video, das Berichte französischer Soldaten von der Front zusammenfasst oder auch über die Geschichte von Emilienne Moreau. Als angehende Lehrerin kümmert sie sich im französischen Loos um zurückgebliebene Kinder. Aus einem Versteck auf dem Speicher ihres Hauses kann sie die Stellungen der Deutschen deutlich sehen und diese den eigenen Truppen mitteilen. „Auf diese Weise rettet sie das Leben vieler Soldaten“, erklärt Christina Egli, stellvertretende Museumsdirektorin.

Soldaten an der Front bei Saint Baussant. Bild: Napoleonmuseum Thurgau

Auch danach macht Moreau von sich reden: Nachdem die Engländer Loos im September 1915 zurückerobert haben, richtet sie in ihrem Haus eine Krankenstation ein und hilft die Verwundeten zu versorgen. „Dabei zögert sie nicht mit einem Revolver auf deutsche Soldaten zu schiessen und zwei davon zu ermorden. Weitere Feinde tötet sie mit Handgranaten“, erläutert Egli. Für ihren Einsatz erhält sie als einzige Frau im Ersten Weltkrieg das „Croix de guerre avec palme“ (Kriegskreuz mit Palme) und andere hohe Auszeichnungen. In ihrer Heimat galt sie seither als so etwas wie die Jeanne d’Arc des Nordens.

Im Keller wartet der Schrecken des Krieges. Lautstark

Verlässt man diesen klassisch-musealen Bereich der Ausstellung, dann beginnt das, was Dominik Gügel, „die wohl opulenteste Ausstellungsinszenierung am Napoleonmuseum seit mindestens zehn Jahren“ beschreibt. Es geht hinab in den Weinkeller des Schlosses. Dort erwarten einen aber nicht lukullische Genüsse, sondern die Schrecken des Krieges. Maschinengewehre rattern lauter je tiefer man in den Keller hinab steigt. Viel Stroh liegt herum, Stacheldraht schwebt über den Köpfen der Besucher. Es ist der Versuch der Ausstellungsmacher, die bedrohliche Situation der Schützengräben erleb- und nachfühlbar zu machen. In engen Nischen wird sowohl die Geschichte des Konstanzer Regiments, als auch die Geschichte von Richard Adler und Adolf Merk fortgeführt. In Hörstationen kann man Berichte von der Front hören. Bislang unveröffentlichte Fotos zeigen die Grässlichkeit des Krieges schonungslos. 

Verhängnisvolle Enge: So sah es in den Schützengräben im Ersten Weltkrieg aus. Bilder: Napoleonmuseum Thurgau

Der schmale Grat zwischen Museum und Gruselkabinett

Eine solche Form von Geschichts-Re-Inszenierung wandelt immer auf einem schmalen Grat zwischen praktischer Wissensvermittlung und problematischer Disneylandisierung. Ist es noch angemessen, das Geschehen von damals, einem Gruselkabinett nicht unähnlich, zu Unterhaltungszwecken auszustellen oder geht es zu weit, wenn Besucher Stahlschürzen und Stahlhelme unter dem Klangteppich von Gefechtsstürmen selbst ausprobieren können? "Wir wollen, dass die Besucher zumindest ein bisschen nachempfinden können, wie sich das Leben im Krieg für unsere Vorfahren angefühlt hat", sagt Dominik Gügel dazu. Tatsächlich ist die Situation im ersten Moment befremdlich. All das theoretische Wissen, was man im ersten Teil der Ausstellung lernen konnte, wird angesichts der emotionalen Wucht, die einen in dem Schützengraben-Nachbau packen kann, hinweggefegt. Etwas selbst zu erleben ist eben doch etwas anderes, als Erlebnisberichte von anderen Menschen zu lesen. 

Genau das ist aber auch der Punkt, der den Einsatz dieser Mittel rechtfertigt. Denn er schafft einen ganz anderen Zugang zum Thema. Was in der Theorie abstrakt und fern wirken kann, ist plötzlich ganz nah. Man kann das effekthascherisch nennen, aber bei einem Ausstellungsmacher wie Dominik Gügel geht solch ein Vorwurf am Ziel vorbei. Dass es ihm um die Sache und nicht um den billigen Effekt geht, lässt sich zudem an der gewohnt seriösen Aufbereitung der historischen Ereignisse und Fakten und dem ausführlichen und anschaulichen Begleitbuch zur Ausstellung ablesen. Mit Disneyland hat das wenig gemein, viel mehr hingegen mit einer modernen Form von Wissensvermittlung.   

Unterm Strich: Angesichts der aktuellen Weltlage mag die Erfahrung in Napoleons Weinkeller ein heilsamer Schock für manch einen Besucher sein. Vielleicht wäre es ja eine gute Idee, Donald Trump und Wladimir Putin mal in die Ausstellung einzuladen. 

Termin: Die Ausstellung wird offiziell am Montag, 30. April, eröffnet. Sie wird bis zum 11. November zu sehen sein. Die Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr. Ab 22. Oktober 2018 montags geschlossen. Öffentliche Führungen durch die Ausstellung mit Dominik Gügel gibt es am 10. Mai, 14. Juni, 12. Juli, 9. August, 13. September, 11. Oktober und 8. November. Beginn jeweils um 18.30 Uhr.

Video: Art-TV.ch hat einen Beitrag zur Ausstellung gedreht

Der schmale Grat zwischen Disneylandisierung und moderner Wissensvermittlung: Museumsdirektor Dominik Gügel und seine Stellvertreterin Christina Egli in dem Nachbau eines Schützengrabens in der neuen Ausstellung "Wir waren auch dabei"Der schmale Grat zwischen Disneylandisierung und moderner Wissensvermittlung: Museumsdirektor Dominik Gügel und seine Stellvertreterin Christina Egli in dem Nachbau eines Schützengrabens in der neuen Ausstellung "Wir waren auch dabei". Bild: Michael Lünstroth

 

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