von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 28.04.2026
Kunst gegen Angst

Dunkle, unheimliche Orte gibt es in jeder Stadt – in Konstanz soll jetzt Lichtkunst dagegen helfen: Der Künstler Markus Brenner lässt den Fernbusbahnhof in bunten Farben leuchten. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Es gibt sie in fast allen Städten – diese dunklen, unheimlichen Orte, die man mit einem leicht unguten Gefühl betritt: schlecht beleuchtete Unterführungen, abgelegene Parkplätze, verlassene Bahnhöfe, verwinkelte Tiefgaragen. In der Debatte um Sicherheit und Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum sind solche Angsträume in den vergangenen Jahren zunehmend in den Blick von Soziolog:innen und Stadtentwickler:innen geraten. Eine Idee zur Entschärfung solcher Angsträume lautet: mehr Licht!
In Konstanz kann man jetzt beobachten, wie das funktionieren kann. Der Fotograf und Lichtkünstler Markus Brenner hat für die Stadt ein Konzept entwickelt, um den Fernbusbahnhof an der Europabrücke im Stadtteil Petershausen weniger furchteinflössend zu machen. In Reutlingen und Tübingen hat er bereits Lichtkonzepte gegen die Angst in der Dunkelheit entwickelt; in Konstanz will er jetzt mit viel Farbigkeit ein neues Raumgefühl schaffen. «Hell machen alleine ist keine Lösung, es braucht eine klare Idee, um solche Orte zu beleben und der Entstehung dunkler Unorte entgegenzuwirken», sagt Brenner. Kunst könne helfen, Angsträume aufzulösen, findet der Künstler.
Eine Möwe, die auf Friedenstaube macht
Seine Idee für den Busbahnhof: Mit bunter Farbigkeit und künstlerischen Motiven den Angstraum umdeuten. Leuchtendes Grün, strahlendes Pink, beruhigendes Gelb erhellen nun die Fahrbahnunterseite der Europabrücke. Der graue Beton wird zur Gestaltungsfläche; street-art-gleich bespielen Brenners Motive diesen so ganz und gar unkünstlerischen Ort. Man sieht Möwen, die auf Friedenstaube machen, Fische, die scheinbar abtauchen, und Wasservögel, die sich in die Luft erheben. «Ich wollte, dass der Ort hier Bezug nimmt auf die Stadt, auf den See, auf das, was man mit Konstanz verbindet», sagt Markus Brenner.
Um das zu erreichen, hat er auf vorhandene Strahler eigens gestaltete Motive aufgesteckt, die nun zwischen Dämmerung und Mitternacht den Busbahnhof lebendiger machen sollen. Zwei Leuchten lassen Bilder rotieren und sorgen für Bewegung; die Motive wechseln, man kann immer wieder Neues entdecken auf dem leinwandgewordenen Beton. Aber ist das jetzt Kunst oder Standortmarketing? Markus Brenner lächelt, wenn man ihn das fragt. «Für mich ist es ein künstlerisches Projekt, auch wenn die künstlerische Idee dem stadtplanerischen Ziel der Angstraumbewältigung vielleicht untergeordnet war.»
Ein Ort des Wartens. Und der Kunst?
Aber er findet, man kann das eine ja machen, ohne das andere zu lassen. Schliesslich könne sein Lichtkonzept auch dazu beitragen, dass der Bahnhof nicht mehr nur ein Ort des Ankommens, Wegfahrens und Wartens ist, sondern auch ein Ort, der von neugierigen Kunstinteressierten aufgesucht und belebt wird. «Je mehr Menschen sich hier aufhalten, umso weniger Angst muss man haben», folgert der Künstler Brenner.
Tatsächlich wird in den nächsten Jahren hier noch viel passieren. Das sogenannte Europaquartier ist eines der zentralen Entwicklungsquartiere der Stadt. Ein neues Gesundheits- und Dienstleistungszentrum entsteht, der Künstler Yadegar Asisi wird in einem spektakulären Rundbau ein neues Panorama enthüllen, ein nachhaltiges Hostel soll gebaut werden. Markus Brenners Lichtkunst wirkt da wie ein früher Vorbote von all dem, was noch kommen soll.
Lichtverschmutzung soll vermieden werden
Ach, und weil man ja heute kaum ein Problem lösen kann, ohne ein neues zu schaffen, weist Markus Brenner noch darauf hin, dass weder Insekten noch Vögel von der Beleuchtung irritiert werden: «Das mit den Stadtwerken abgestimmte Konzept vermeidet Lichtverschmutzung. Alles Licht bleibt unter der Brücke, die den Ort wie eine Decke abschirmt.»
So bekommt jeder seinen Safe Space – die Menschen unter der Brücke, die Tiere darüber. So harmonisch ist’s sonst nur in Bullerbü.

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