von Barbara Camenzind, 11.06.2019

Mit viel Liebe und feinem Schalk

Mit viel Liebe und feinem Schalk
Die norwegische Geigerin Vilde Frang und der deutsche Pianist Alexander Lonquich begeisterten mit einer einmalig sensiblen Interpretation von Schuberts C-Dur Fantasie. | © Barbara Camenzind

Es ist spannend, wenn Musik einen Ort erobert. Die Kartause Ittingen hat mit ihrer jahrhundertealten Geschichte einen ganz eigenen Klanghintergrund. Das kann man jedes Jahr bei den Ittinger Pfingstkonzerten beobachten. Das Konzert mit Vilde Frang und Alexander Lonquich, mit Werken von Franz Schubert und Dimitri Schostakowitsch, sorgte gleich zu Beginn für Gänsehaut pur.

Vergessen Sie alles, was sie über Zartheit wussten. Hören Sie einfach Vilde Frang zu, wenn sie Schubert spielt. Ein voller Saal hörte ihr am Sonntag ganz gespannt zu - und es stockte einem der Atem, als die feingliedrige norwegische Geigerin in Schuberts Fantasie in C-Dur eintauchte. Diese Zaubertür zum Reich der Romantik. Feinstes Tremolo, ein Pianissimo, bei dem kaum ein Bogenhaar das Instrument berührte. Niemand in der Remise wagte es, zu husten oder sich irgendwie zu regen. Das Andante Molto war ein grosser Wurf. Findet sie wieder zurück, aus dem Klangreich der Stille? So verinnerlicht folgte sie den Klanglinien.

Sensibel aber bodenständig setzte Pianist Alexander Lonquich den typisch Schubert‘schen Kontrapunkt im Volkston. Das Lied „Sei mir gegrüsst“ schlich sich kurz durch die Register - auch etwas „Suleika“ und „Fischers Liebeslied“ war dabei und immer wieder ein Ländler -  stürmisch in den Variationen. Natürlich war Frang durchaus in der Lage, an Lautstärke und Intensität zuzulegen, gerade das Allegretto wurde von ihr und Lonquich sehr schnittig musiziert. Um immer wieder zu diesem überirdisch schönen Piano zurückzukehren, dieser Zartheit.  Es war eine  Verneigung vor dem genialen, zurückhaltenden Komponisten und vor der Kartause mit ihrer Kultur des Schweigens. Ganz sicher sass Franz S., Hilfslehrer und Tonsetzer aus dem Wiener Alsergrund auf einem der Holzbalken der Remise. Hörte bei einem Glas Müller-Thurgau zu und war wohl stillvergnügt.

Eine Art schönfieses Totentänzchen

Hierzulande ist es schwer vorstellbar, wie Künstler in totalitären Strukturen arbeiten können. Dimitri Schostakowitsch, 1906-1975, Komponist in der Sowjetunion, vollführte eine lebenslange Gratwanderung. Nicht nur politisch, auch tonal und thematisch. Er, der dank/trotz? seines träfen Humors überlebte, der die Zwölftonmusik, wie die Harmonien liebte, hatte auch eine feine, stille Seite. Seine Musik, erschaffen in den Extremen der Diktatur, erklang an diesem Wochenende  am Ort der des radikalen, religiösen Rückzugs. Eine kluge, weil sehr spezielle Wahl von Meister Nicolas Altstaedt, der sich am Cello die Ehre gab. Zusammen mit Vilde Frang, Violine, Alexander Lonquich, Klavier, Johannes Fischer und Domenico Melchiorre, Schlagzeug, spielten sie lustvoll-liebevoll-schelmisch durch die Symphonie Nr. 15 in A-Dur, in der Adaption von Viktor Derevianko.

Was für ein schönfieses Totentänzchen! Ein wichtiges Thema Schostakowitschs war der Tod im Kreis des Lebens. Klein Dimitri hörte als Kind jeweils eine Blaskapelle, die, leider fürchterlich verstimmt, Rossinis Aufgalopp zu Wilhelm Tell trötete. Der an diesem Sonntag dann auch ziemlich schief durch die Remise stolperte, zum Gaudium des helvetischen Publikums. Klagend schob Altstaedts Cello die Zwölftonmotive durch den Saal, die mürrischfrech von den beiden gewandten Schlagwerkern übernommen wurden. Pauken können auch singen, übrigens. Als dann plötzlich Wagners Brünnhilde höchstselbst Siegmund den Tod ankündigte, wars um etliche Zuhörende kichernd geschehen. Schostakowitsch konterkarierte Wagners Drama mit frecher Todesverachtung, wie die Klangzitate seines eigenen musikalischen Lebenswegs.  Ein Ebenbürtiger eben. Was an dieser Darbietung besonders gefiel: Die Protagonisten blieben total bei sich, verzogen keine Miene. Was in den Noten stand, wurde umgesetzt. Sie stellten die Musik absolut in den Vordergrund. Der Witz, das Abgründige entstand beim Publikum. Für diese Umsetzung im fast schon brecht‘schen Stil gebührt ein ganz grosses Lob. Ein tolles Konzert für Ittingen!

Mehr zu den Ittinger Pfingstkonzerten 2019

1. In diesem Jahr gingen die Ittinger Pfingstkonzerte zum 25. Mal über die Bühne. Ein guter Anlass, um Bilanz zu ziehen: Wo es gut läuft und wo noch Luft nach oben ist.

 

2. Ittinger Pfingstkonzerte, der Sonntag: Nicolas Altstaedts feinsinnige Interpretation der Bach’schen Meisterwerke passte wunderbar gespenstisch in die Kartäuserkirche.

 

3. Ittinger Pfingstkonzerte, der Sonntagnachmittag: Das Konzert mit Vilde Frang und Alexander Lonquich mit Werken von Schubert und Schostakowitsch sorgte für Gänsehaut pur.

 

4. Ittinger Pfingstkonzerte, der Montag: Während Cellist Nicolas Altstaedt zeitgeistlose Schönheit in den Saal zaubert, kommt„The Protecting Veil“ von John Tavener seltsam verstaubt daher.

 

5.  «Ein Leben ohne Musik wäre Barbarei»: Nicolas Altstaedt, künstlerische Leiter und Cellist, im Porträt.

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